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Frau X… und das Motorrad

Frau X.

Wir hatten eine Schwerbehinderten-Beauftragte in der Dienstelle. Da ich seit kurzem ›stolzer‹ Besitzer eines Schwerbehinderten-Ausweises mit ganzen 100% war, war diese Frau für mich zuständig.

Zudem war Frau X. ebenfalls Dialysepatientin und seltsamerweise bei den Kollegen und meinen Chefs die ärmste und kränkste Frau der Welt. Außer so etwa 35 Jahren war da also kein Unterschied zwischen ihr und mir.
Na ja, natürlich war ich die Böse. Zumindest dachte ich das damals.

Als ich also Frau X. im Gang traf, bat sie mich in ihr Büro, für einen kleinen Plausch. Nur mal so, wollte sie wissen, wie es mir geht, mit der Dialyse und mit der Arbeit.
Wir unterhielten uns, und klar, war ich naiv und dumm. Aber es tat gut, mit einer Gleichgesinnten zu reden. Über die Dialyse und auch den Problemen in der Arbeit.

Eigentlich ging ich mit einem guten Gefühl aus diesem Gespräch, aber mehr war es auch nicht. Eine Unterhaltung zwischen Kollegen, über die man nicht weiter nachdenkt.
Was für ein Irrtum!

Ein paar Tage vergingen, da musste ich zum Chef – schon wieder.
Ziemlich genervt überlegte ich, was ich – zumindest in seinen Augen – falsch gemacht hatte. Wieder eine Schikane?
Da stand ich also und wartete auf den üblichen Anschiss, aber der kam nicht. Stattdessen verlief das etwa so:

ER: »Fühlen Sie sich hier wohl?«
ICH: »Natürlich.«
ER: »Denken Sie, Sie werden hier schlecht behandelt?«
ICH: »Natürlich nicht.«
Na ja, das stimmte zwar nicht, aber das musste er ja
nicht wissen.
ICH: »Habe ich mich irgendwie beschwert?«
Da zog er ein Blatt Papier DIN A4 mit den Worten:
»Ich habe da einen Brief«, hervor.
ICH: »Und???«
ER: »Sie haben sich bei der Schwerbehinderten-Beauftragten beschwert.«
Ich: »Nein, das habe ich nicht. Ich habe mich mit ihr unterhalten.«

Tja, und in dem Moment fiel mir ein Dampfhammer um die Ohren.
Ein Beschwerdebrief, mit den Tatsachen, über die ich mit Frau X… nur mal so eine zwanglose Unterhaltung führte. Und dabei hat sie nichts ausgelassen.
WAS FÜR EIN SHIT!

Ich versuchte, meinem Chef zu erklären, dass ich vollkommen ahnungslos war, aber es nutzte nichts.
In dem Moment, als ich aus seinem Büro trat, teilte er ALLEN Kollegen im Stockwerk eine Kopie des Briefes von Frau X… aus. Nun wussten alle, dass ich mich nicht wohl und ungerecht behandelt fühlte.
Shit! Shit! Shit!
Wie konnte ich nur so dumm und naiv sein!
Wenn ich dachte, dass meine Situation unerträglich war, so lernte ich ab diesem Zeitpunkt, wie viel mehr ich noch aushalten konnte.

Aber erst mal musste ich diese Aktion mit Frau X… klären.
Stockwütend raste ich das Stockwerk nach unten zu ihrem Büro, klopfte und trat ein.
Und dann?
Fluchte und schrie ich, schiss die Frau zusammen, machte ihr Vorwürfe, warum sie das geschrieben hat. Der Misst, der gerade durch das ganze Haus ging.
Glaubst du das wirklich?

Tja, da stand diese alte Frau, grinste wie ein Honigkuchenpferd und meinte freudig:
»Ich habe einen Brief geschrieben. War das nicht eine gute Idee? Jetzt wird es bestimmt besser.«
Ich weiß nicht mehr, was ich genau antwortete. Aber ich lächelte und sagte sowas wie:
»Danke«, und
»Ja klar, kann helfen.«

WO WAR DIE WUT HIN?

Warum konnte ich dieser alten, kranken Dame nicht sagen, dass das, was sie gemacht hat, einfach Misst war. Dass diese Riesen Scheiße mein Leben noch viel schlimmer machen würde.
Stattdessen lächelte ich. Bedankte mich höflich. Weil ich naiv und dumm war? Oder einfach zu nett?

Tja, ich hatte recht. Schlimmer geht immer.
Meine Arbeitswelt wurde unerträglich.
Mir wurde heiß, alleine bei dem Gedanken daran. Da alle Kollegen den Brief kannten, fühlte ich mich wie in einem Spießrutenlauf. Jeder Blick war eine Qual. Ich freute mich auf die Dialysetage. Alles Kotzen war besser, als der bloße Gedanke an mein Büro.
Na ja, sterben wurde zu einer immer besseren Wahl.

Ich war nichts wert, davon war ich überzeugt. Naiv, dumm, wertlos. Das stand für mich fest. Das Leben bestand aus Dialyse und Arbeitshorror im Wechsel. Keine Freude passte zwischen die Mühlensteine. Die Frage, warum ich das mitmachen sollte, wurde immer lauter.

Das Motorrad

In diesem Chaos meiner Gefühle meinte mein Arzt:
»Du machst die Dialyse, um zu leben. Aber so, wie du lebst, kannst du auch gleich mit dem Scheiß aufhören.«
Ich dachte: ›Was für ein Arsch!‹ und ›wie kann dieser Idiot einfach so etwas sagen‹. War ein Aufhören ja mit dem Tod gleichzusetzen. Und das sollte ein Arzt nicht sagen, oder?
Auch wenn ich zu dieser Zeit oft über diese Option nachdachte.

Nun ja, so eine halbe Nacht von Freitag auf Samstag war ich echt wütend.
Der Arzt war für mich eine Vertrauensperson, den ich sehr schätzte. Warum also diese unverschämte Rede?
Ganz einfach – es war die Wahrheit.
Ich machte die Dialyse, weil ich nicht sterben wollte. So süß der Tod oft an meine Tür klopfte, ich wollte leben.
Wenn ich mir also 3 Mal die Woche gefühlt die Seele aus dem Leib kotzte, warum fing ich nicht die restliche Zeit an, zu LEBEN?
Der Arzt war gar kein Idiot. Den Rest der Nacht von Freitag auf Samstag dankte ich ihm still.

Durch Zufall sah ich, dass am Sonntag in der EDer Stadthalle eine Motorrad-Ausstellung war.

Nur mal so hingehen und gucken. Wenn sowas schon mal in der Stadt war.
Durch die Halle schweifend begeisterte sich mein Mann für die viel zu hohen Rennmaschinen, die derzeit modern waren. Nie im Leben könnte ich Zwerg darauf sitzen, oder gar die Füße auf den Boden stellen. Mal abgesehen davon, dass ich viel zu viel Angst vor dem Motorradfahren hatte.

Und dann sah ich sie …
Unter all den Rennmaschinen …
Ein Chopper … klein … blau … Suzuki Savage.
Es war liebe auf den ersten Blick.

Obwohl ich keinerlei Bezug zu Motorrädern hatte, außer, dass ich sie gerne ansah.
Nie im Leben hätte ich mich getraut, einen Motorradführerschein zu machen.
Aber da stand sie!

Ich setzte mich und stellte die Füße auf den Boden. Ganz selbstverständlich. Diese Maschine passte wie angegossen und war, ganz klar, für mich bestimmt.
Ich musste mein Auto verkaufen und einen Kredit aufnehmen – ganz egal.
Diese Suzuki Savage musste meine werden!
Noch vor Ort kündigte ich meinen Kauf an.
Diese Maschine. Keine Bestellung, es sollte genau DIESE sein.

Überglücklich ging ich am Montag zu Dialyse und erzählte dem Doktor von meiner neuen Errungenschaft. Er grinste von einem Ohr zum anderen und gratulierte mir zu meinem neuen Leben.
Alle anderen waren übrigens entsetzt. Das war mir egal. Ich hatte etwas, das schöner war als sterben. Etwas, an dem ich mich festhalten konnte.

So schnell wie möglich machte ich den Motorrad-Führerschein.
Wobei ich mich sehr lebhaft an meine erste Stunde erinnere. Da saß ich mit einer Maschine auf dem Schwimmbad-Parkplatz. Der Fahrlehrer erklärte mir Kupplung und Gas.
Ich hatte so viel Angst, dass ich jedes Mal, wenn das Motorrad anfing zu fahren, panisch bremste. Der Lehrer amüsierte sich und lachte:
»Das ist der Sinn der Sache. Du willst doch fahren.«
Und das wollte ich.
Also Panik beiseite!
Mutig fuhr ich ein paar Runden auf dem Parkplatz. Ganz langsam löste sich die Angst und ich konnte auf die Straße.

Es war Winter und es schneite an meinem ersten Prüfungstag. Noch bevor ich antrat, meinte mein Fahrlehrer:
»Es tut mir leid, aber du wirst heute durchfallen. Dieser Prüfer lässt keine Frau durch die Motorradprüfung.«
Und genau so war es.

Auf dem verschneiten Parkplatz sollte ich enge Kurven fahren, was kein Problem war. Nur war unter dem Schnee Glatteis und ich fuhr die Kreise nicht eng genug. Das war für den Prüfer der Anlass, mich durchfallen zu lassen.

2 Wochen später war es dann so weit. Ich bestand. Mein Motorrad und ich, eine Einheit.
Ich liebte es. Auch wenn ich im Winter, bei Eiseskälte in die Arbeit fuhr. Schließlich musste ich ja mein Auto opfern. Und, nach allem Glück komme ich zu Punkt 2. Der
zweite Fehler in meiner Arbeitswelt.

Kranke dürfen nicht Motorrad fahren!
Ab da war ganz klar, dass mit der Krankheit von Frau Falk – mir – etwas nicht stimmen konnte.
Erst mal war sie noch so jung, da war man eigentlich ja nicht krank. Und dann bekam sie für 5 Tage Geld, obwohl sie nur 3 Tage arbeitet. Tja und jetzt fuhr diese Frau – ich – auch noch Motorrad.

Unmöglich für meine Kollegen und Chefs.

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11) Arbeit und Dialyse

Das Leben ging weiter, schon wieder.
Diesmal mit dreimal die Woche Dialyse.
Es dauerte etwa 1 Jahr, nachdem man mich in der Arbeit eigentlich nicht wollte, aber dann doch übernahm. Du erinnerst Dich:
»Die mag ja sonst keiner, mit dieser Krankheit.«
Leider war diese These nicht so falsch. Meine Anstrengungen, von diesem Arbeitsplatz zu flüchten, waren nicht von Erfolg gekrönt. Keiner wollte auch nur ein Gespräch mit mir.

Ich war einige Wochen krankgeschrieben, dann musste ich wieder dorthin.
Ich weiß noch, dass ich zuerst zu Big Boss musste, um zu klären, wie das jetzt weiter gehen sollte. Er erklärte mir, dass ich, Dienstag und Donnerstag nach der Dialyse arbeiten musste, oder ich werde nur halbtags bezahlt.
Durch das Platzproblem musste ich die Schicht nehmen, die man mir zuwies, da konnte ich nichts ändern. Nachtdialyse, wie heute, gab es nicht.
Die Hälfte Lohn konnte ich mir auf keinen Fall leisten.
Wir arbeiteten beide, was auch notwendig war. Der Münchner Raum war schon immer recht kostenintensiv.

Ich stimmte zu. Was blieb mir auch anderes übrig. Obwohl ich mir das nach regelmäßiger Kotzerei und Blutdruckabfällen nicht vorstellen konnte.
Zum zweiten wurde mir die Gleitzeit entzogen, da ich ja sowieso einige Stunden in der Woche fehlte. Auch dem stimmte ich zu.
Schließlich war ich in diesem Fall die Schuldige. So fühlte ich mich, schuldig weil ich die Kranke war. Schuldig und natürlich dankbar.

Nach diesem Gespräch war mir klar, dass sich meine Arbeitswelt wohl sehr ändern würde. Das setzte sich in meinem Büro fort.
Ich erledigte Rechnungen und Aufträge. Keine so tolle Sache, aber immerhin BAT 8.
Auf meinem Schreibtisch warteten die zu erledigenden Aufgaben, wie vor meiner Dialysezeit. Nur waren an den Rechnungen kleine Zettel mit »Rechnung bezahlen«. Und an den Aufträgen »Auftrag erteilen«.

Irritiert ging ich zu meinem Chef und fragte:
»Hat sich in den letzten 10 Wochen etwas geändert? Werden Aufträge anders erteilt oder Rechnungen anders bezahlt?«
Das wäre möglich gewesen.
»Nein«, meinte Herr KM….
»Wozu dann die Zettel?«
»Weil sie ja jetzt krank sind und Dialyse machen«, sagte er.
»Ja, da hinten«, antwortete ich entsetzt und zeigte an die Gegend der Nieren. »Aber nicht da«, und zeigte an meinen Kopf.

Als Dialysepatient durfte ich nicht viel trinken. Eigentlich nicht mehr als 500 ml, aber mal ehrlich, das schafft eh keiner. So wenig wie möglich, das war immer mein Motto. Das war sehr hart für mich. Um es in den Griff zu bekommen, verzichtete ich auf den Kaffee morgens und nachmittags mit den Kollegen.
Am Anfang setzte ich mich noch wie gewohnt dazu und erklärte bereitwillig, warum ich nichts trank. Weder Kaffee, noch Tee oder sonst etwas. Es kommt nicht darauf an was, sondern auf die Menge der Flüssigkeit.

Mit der Zeit ging ich immer seltener zu den Kaffee-Runden. Irgendwie war es wohl nicht richtig, da hinzugehen und nichts zu trinken. Es war müßig, das ständig zu erklären.
Zu Geburtstagsfeiern wurde ich nur noch selten eingeladen.
Der Grundstein für eine schwere Zeit war gelegt.
»Die trinkt ja eh nix«, hörte ich immer wieder.
Ich wurde schnell zum Außenseiter, was ich bereitwillig annahm.
Schließlich war ich die Böse, davon war ich überzeugt.

Erschwert kam dazu, dass ich vollkommen fertig war. Dialyse und Arbeit im Wechsel. Dann die Arbeit nach jeder Dialyse. Dazu die ständige Kotzerei und Blutdruckabfälle. Das schlauchte extrem.

Ich wurde mit dem Taxi um 6:00 Uhr morgens zur Dialyse gefahren und ca. 11:00 Uhr wieder nach Hause. Sofort stieg ich in mein Auto und fuhr etwa 20 km zur Arbeit. Oft dachte ich am Ziel:
»Wie bist du wieder hierher gekommen?«
Es ist wie so eine automatische Handlung, bei der man gar nicht so sehr darüber nachdenkt.
Die lange Straße entlang fahren, Macht der Gewohnheit.
Was aber, wenn plötzlich ein Kind vor das Auto läuft?
Hätte ich da angemessen reagieren können?
Nicht umsonst sollte man nach der Dialyse mit dem Taxi nach Hause fahren.

In der Arbeit machte ich Fehler, das muss ich zugeben. Dienstag und Donnerstag schlichen sie sich immer wieder ein. Ich konnte mich nicht konzentrieren, war immer kurz vor dem Einschlafen.
In diesem Zustand musste ich nach dem Dienst wieder nach Hause fahren.

Immer wieder musste ich Krankheitstage einlegen, weil ich es nicht schaffte.
Jeder Tag war eine Qual.
Natürlich waren meine Chefs nicht erfreut.
Jeder noch so kleine Fehler wurde mir vorgeworfen, genau so wie jeder Krankheitstag.
Ich hatte alles versucht, das Pensum so gut wie möglich zu schaffen, und hatte riesen Schuldgefühle, wenn es nicht so war.

Nach etwa einem halben Jahr ging ich zu meiner Krankenkasse und fragte, ob ich mit dem Taxi nach der Dialyse statt nach Hause, direkt zur Arbeit fahren könnte. Ich erklärte:
»Ich habe Angst, ein Kind zu überfahren, oder so.«
»Warum arbeiten sie nach der Dialyse?«, fragte der nette Bearbeiter.
»Weil ich es mir nicht leisten kann, nur halbtags zu verdienen.«, sagte ich.
»Das müssen sie doch gar nicht, Frau Falk. Für die fehlende Zeit bekommen sie Krankengeld.«
JUHU! So einfach war das. Raus aus diesem Horror. Keine Autofahrten und keine Arbeit an den Dialysetagen.

Nach der Euphorie folgte die Ernüchterung. Schließlich musste ich die frohe Nachricht Big Boss mitteilen.
Du erinnerst dich? Nach dem ›ER wollte nur die 9b bezahlen, die übergeordnete Dienstelle beschloss die 8‹, war es das zweite Mal, dass seine Entscheidung geändert werden sollte.
Und ich war der Überbringer, der frohen Nachricht. Na super!

Zitternd erklärte ich ihm die Problematik mit meinem Fahrtweg und der geringeren Arbeitsleistung. Die optimale Lösung war da ja, dass die Krankenkasse meine fehlenden Stunden übernimmt.
Natürlich zeigte er keinerlei Regung, dafür war er viel zu professionell. Aber sobald ich sein Büro verließ, berief er meine direkten Chefs zu sich. Der große Kriegsrat tagte.
Was dort genau beschlossen wurde, weiß ich nicht, aber danach wurde mir zähneknirschend genehmigt, an Dialysetagen nicht zu arbeiten. Natürlich mit den Schlussworten:
»Scheinbar bleibt uns nichts anderes übrig.«

Aber, Käse gebissen, alles wieder gut! Oder?
Ich konnte mich 3 Tage auf meine Arbeit konzentrieren. Nicht gerade eine tolle Tätigkeit, aber damit musste ich leben, und das tat ich. Schließlich war ich Verwaltungsfachangestellte. Das war sowas wie Berufsehre. Und jetzt hatte ich wieder die Chance dazu.
Problem gelöst, oder?!

Nun sollte ich sagen, dass da dieser »Knoten« zwischen meinen Chefs und mir war. Diesen zu entfernen schien nicht möglich.
Man wollte mich loswerden, und ich wäre bereitwillig gegangen. Nichts lieber als das. Aber ich konnte es mir schlicht und einfach nicht leisten.
Und ich bemühte mich wirklich, ihnen diesen Wunsch zu erfüllen. Aber ich war 23 Jahre alt, krank und für die Arbeitswelt wohl nicht mehr zu gebrauchen.

Die Tatsache, dass ich ›nur 3 Tage arbeite und für 5 bezahlt werde‹ gefiel auch so manchen Kollegen nicht.
Und wenn du denkst, es ist schon schlimm, glaube mir, schlimmer geht immer.
Da war nämlich:
• Frau X und
• ein Motorrad

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10) Platz gegen Tod

Auch wenn ich 3 Dialysen in A… machen konnte, blieb da noch das Problem mit dem Platz. Oder besser mit dem Fehlenden.
Der nächste freie war in Ingolstadt. Deshalb sollte ich nach einer Woche dorthin wechseln.
Also ne gute Stunde Hinfahrt, 4 Stunden Dialyse und dann zurück nach ED….
Für mich unvorstellbar.

Meine Lebensretterin, eine Maschine.
Lebenserhalt, nicht lebensverlängernd.
Ohne Maschine, keine Existenz.
Wollte ich das denn?

Dreimal die Woche Blutdruckabfälle und Kotzerei. Dazu die langen Fahrten.
Wollte ich denn so existieren, unter diesen Umständen?
Leben war meiner Meinung nach ja nicht mehr möglich.
Aber da war auch noch die andere Seite, neben der Dialyse.

Ich war verliebt und frisch verheiratet. Ich verstand mich. sehr mit der Familie meines Mannes und hatte ganze 4 Tage dialysefreie Zeit.
Also alles Scheiße, oder einfach mal sehen, was kommt, trotz Ingolstadt?

Freitag sollte also meine letzte Dialyse in A… sein.
Mann hatte ich einen Bammel davor, Montag zu wechseln.
Die Fahrt hin und zurück mit dem Taxi war geregelt.
Misses Angsthase war an diesem Wochenende riesengroß und ließ mich nicht schlafen. Alles ging so schnell, dass ich total überfordert war.

Kurz bevor es ab nach Ingolstadt ging, kam ein Anruf von A…:
»Wir haben jetzt doch einen Platz für Sie.«
JUHU! Das war ja wohl die beste Nachricht überhaupt. Na ja, gleich neben »Sie brauchen doch keine Dialyse«. Aber darauf konnte ich wohl nicht mehr hoffen.
Jetzt also keine lange Fahrt, sondern nur 20 Minuten hin und zurück.
Meine Stimmung war an diesem Tag verhältnismäßig gut.

Ich bekam mein festes Bett zugewiesen. Dort sollte ich den 2. Teil meines Lebens verbringen. Etwa 15 Stunden die Woche. 6 Leute im Zimmer, je 3 auf einer Seite und gegenüber ein Fernseher, den man sich teilte.
Handy, iPad oder gar WLAN gab es lange noch nicht.

Dafür gab es Raucherecken im Krankenhaus. Die besuchte ich vor jeder Dialyse und blieb für ein paar Zigaretten dort. Die Angst vor den Nadeln machte mich regelmäßig fertig.
Da ich aber nicht nur Angsthase, sondern auch Misses Vernunft im Gepäck hatte, ging ich irgendwann zitternd Richtung Dialyse und legte mich in mein Bett. Meinem neuen, festen Platz.
Schüchtern sagte ich »Hallo« zu den Mitpatienten, die ich wohl öfter sehen werde, und wurde an die Maschine gehängt.

Herr KR…, der Patient neben mir sagte:
»Am Freitag lag noch Herr Paul in diesem Bett. Ein feiner Mensch.«
»Wo ist er denn hin, der Herr Paul?«, fragte ich.
»Er ist tot. Warum glaubst Du, das der Platz frei ist«, kam nüchtern und etwas bitter die Antwort.

Es hatte ein bisschen gedauert, aber es sickerte langsam zu mir durch und traf mich wie ein Donnerschlag, ein Blitz, mitten in mein Herz.
Meinen freien Platz – JUHU – verdankte ich einem Mann – Herrn Paul, weil er gestorben war. In seinem Garten umgefallen – einfach so.
Und ich lag da, hoffte, dass sich unter mir ein Loch auftat, in das ich samt Bett versinken konnte.
»Ich bin schuld«, dachte ich. Ich wollte unbedingt einen Platz in A…. »Dieser Mann musste wegen mir sterben.«

Auch wenn es objektiv natürlich nicht so war, so war es genau das, was ich dachte und fühlte.
Ich weinte still und war mir nicht sicher, wie ich mit dieser Schuld weiterleben konnte.
Nicht die Letzte, die ich in den nächsten 30 Jahren mit mir trug.

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9) Die erste Dialyse

Nun war ich also verheiratet. Das war aufregend. Plötzlich ein neuer Name, Frau Falk.
Aber eben auch ein neues Leben, Dialysepatient.

Meine erste Dialyse, einen Tag vor meinem 22. Geburtstag. 3 Tage, bevor ich Ehefrau wurde.
Wie gesagt, das Ganze war dringend, so die Münchner Ärzte. Da es mir immer schlechter ging, glaubte ich das und entschied mich, mir so eine Dialyse mal anzusehen.
Konnte ja nicht schaden.

Eine Schwester führte mich durch die Räume mit Patienten und Maschinen.
Blut floss durch Schläuche.
Menschen – Maschinen – Schläuche – Blut.
Ich war vollkommen überfordert, ging stumm an stummen Patienten vorbei.
Glaub es, oder nicht. Ich verschwendete keinen einzigen Gedanken daran, wie das Blut vom Menschen in die Schläuche kam.
Da waren diese großen Maschinen und daneben diese stummen, scheinbar nicht sehr glücklichen Patienten. Und das Blut. Wie das mit dem Shunt und den Schläuchen funktionierte, sollte ich bei meiner ersten Dialyse erfahren.

Da die Münchner Klinik keinen Platz für mich finden konnte, und sie selbst keinen hatten, schickte man mich nach A…. Sie meinten, wenn ich da hingehe, dann müssen die mich zumindest für eine Notfalldialyse nehmen.
Also bin ich da mal hingefahren. Nur um mal zu sehen. Ganz sicher würde ich so kurz vor meiner Hochzeit da sowieso nichts machen.
Das war ja wohl klar!

Über die Notaufnahme landete ich schnell bei Ärzten der Nephrologie. Die studierten meine mitgebrachten Werte und nahmen auch selbst noch Blut ab. Nach der Auswertung waren sie entsetzt und fragten, warum ich noch keine Dialyse mache.
Ich erklärte, dass die Münchner Klinik keinen Platz für mich finden konnte und ich hierher geschickt wurde, wegen einer Notfalldialyse.
Ich sah sofort, dass sich die Blicke der beiden Ärzte verfinsterten.
Fakt war nämlich:
Da ich jetzt in A… war und ich dort meine erste Dialyse machen sollte, waren sie in der Pflicht, einen Platz für mich zu finden.
Da hat sich die Münchner Klinik ganz gut aus der Affäre gezogen. Einfach den schwarzen Peter, in dem Fall mich, weitergegeben.

Die Ärzte entschieden, noch am gleichen Tag mit einer Notfalldialyse anzufangen. Die Nächste wäre dann am Montag.
OHNE MICH!
Ich erklärte, dass ich an besagten Montag heiraten werde. Das kam also auf keinen Fall in Frage. Danach, wenn es denn unbedingt sein musste, aber so?
NIEMALS!

Ich hab das bei meiner Shunt-OP bereits erwähnt. Damals war mir nicht klar, dass ich als Patient Rechte habe. Ich hätte gehen können, was ich aber nicht tat. Ob das klug gewesen wäre, steht auf einem anderen Blatt.
Ich habe geheult und diskutiert, aber es half nicht. Die Ärzte blieben hart.
Und dann ist es wieder passiert. Da war das heulende Elend, das sich weigern wollte. Gleichzeitig war da Misses Vernunft. Die wollte auch nicht, aber die wusste, dass es eben jetzt sein musste.
Also ging ich mit dem Dialysearzt mit, der mich zu einem Bett brachte.
Da lag ich nun und fragte, was jetzt passieren wird.
Bei der Erklärung, dass 2 Nadeln in meinen Arm gestochen werden, wurde mir warm. Meine Panik vor Nadeln kroch durch meinen ganzen Körper.
Und dann kam etwas, was ich nie wieder vergessen konnte.
Wie bereits erwähnt, hatte ich bei der Besichtigung der Dialyse, keinen Gedanken an Nadeln verschwändet. Ich kannte die vom Blutabnehmen und Infusionen.
Mit Dialysenadeln ist das, wie ich gleich feststellen musste, etwas anderes.
Ich schaute einer Schwester zu, wie sie erst die Maschine und dann meinen Arm vorbereitete.
Mann hatte ich Angst.

Und dann kam es: chchcht.
Dieses Geräusch ging mir durch den ganzen Körper.
Wer Dialyse hat, kennt es. Wenn die Packung der Nadeln aufgemacht werden.
Nadeln, die an einem langen Schlauch hängen. Nadeln, die so dick wie meine Finger sind.
So zumindest habe ich es in diesem Moment, nach diesem chchcht gesehen.

Mit den Worten: »Ihr seid ja wohl bescheuert«, sprang ich aus dem Bett, schnappte mir meine Jacke und stürmte ohne Schuhe aus der Dialyse. Es war mir egal. Nur weg von hier.
Weg von diesem Horror.

In der Raucherecke angekommen, zündete ich mir zitternd eine Zigarette an.
Der Dialysearzt stürmte hinter mir her.
ER: »Frau G…, wir müssen mit der Dialyse anfangen.«
ICH: »Auf gar keinen Fall, ich mache das nicht mit. Nicht mit diesen Nadeln.«
ER: »Ihre Werte sind so schlecht. Sie könnten jeden Moment ins Koma fallen. Ein Wunder, dass das noch nicht passiert ist.«
ICH: »Das ist eine hervorragende Idee. Wir warten, bis ich im Koma bin. Danach können sie mich stechen, soviel Sie wollen.«
Und ich meinte es ernst.
DIESE NADELN WÜRDEN NIEMALS IN MEINEN ARM GERAMMT WERDEN!
Ganz sicher nicht bei Bewusstsein.
Koma, hörte sich doch ganz gut an. Auf jeden Fall die eindeutig bessere Wahl.
Ich weiß nicht mehr, wie das Gespräch genau weiter ging. Der Arzt blieb bei mir, ließ mich in meinem Elend nicht alleine.

Nach einiger Zeit und etlichen Zigaretten später waren wir uns einig.
Es stellte sich heraus, dass die Schwester versehentlich die gelben Nadeln nahm, das sind die dicksten mit 1,9 mm. Da war der Schock gleich viel größer.
Stell dir mal vor. Chchcht, langer Schlauch, 1,9 mm Nadeln.
Fast 2 mm gepaart mit einer riesen Nadelphobie.
Wow!

Irgendwann musste er mich überzeugt haben und ich ging mit ihm zurück zur Dialyse. Ich, und eine Heidenangst im Schlepptau.
Keine 2 Nadeln. Am Anfang reicht eine, die er selbst sticht. Das hatte der Arzt mir versprochen. Und keine 1,9 mm, sonder »nur« 1,5 mm Durchmesser.
Na ja, in diesem Moment war alles, was kleiner war, gut. Obwohl ich die Koma-Variante immer noch bevorzugte.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie schmerzhaft das Stechen war, nur daran, dass mein Arm am nächsten Tag sehr blau war.
Ade mit der schönen, weißen, kurzärmeligen Bluse zur Hochzeit. Zum Glück fand ich auf die Schnelle noch eine Langärmelige.

An was ich mich erinnere, ist die Dialyse selbst und ganz viel Übelkeit. Mann, war mir schlecht, und mein Blutdruck wurde immer niedriger.
Und jetzt stell dir mal Folgendes vor:
Dir ist übel, so, dass du eine Nierenschale benötigst. Ich nenne die Dinger liebevoll Kotzschale.
Du liegst im Bett, der linke Arm mit einer Nadel. Den solltest Du nur wenig bewegen. Und in der rechten Hand die Schale.
Weil der Blutdruck nach unten rauscht, stellt eine Schwester das Bett so, dass der Kopf unten, und die Beine nach oben gestellt sind. Wie eine Waagschale, das Gewicht am Kopfende.
Du musst dich übergeben, und in DIESER Haltung besagte Kotzschale treffen. Ganz ehrlich, das grenzt an eine akrobatische Meisterleistung, in der ich leider viel Übung bekam.

Damals gab es Acetat-Dialyse, da war diese Übelkeit und Kotzerei mit Blutdruckabfällen normal. Heute ist das zum Glück nicht mehr der Fall.
Seit der Umstellung auf Bicarbonat ist die Dialyse sehr viel entspannter.

Das war sie also, meine erste Dialyse.
Ich war sicher, dass ich das garantiert nicht lange mitmachen werde.
Aber ich wollte heiraten. Das war wichtig und stellte das Problem erst mal nach hinten.

Nach diesem Horror führte ich 2 Telefonate:
Das erste mit meinen Eltern, mein Vater war dran.
ICH: »Ich hatte heute meine erste Dialyse.«
ER: »Ja, haben wir ja gewusst, dass das kommt.«
Klar waren wir uns nicht so grün, aber ich hätte mir da wirklich mehr gewünscht. Tröstende Worte oder ein Besuch vielleicht?
Von ED… nach A… war es nicht weit. Aber Du errätst es, keiner kam.
Wie das Gespräch mit A…, meiner zukünftigen Schwiegermutter war, weiß ich nicht mehr. Aber es dauerte keine Stunde, da war sie bei mir im Krankenhaus. Sie war da, hat mich getröstet und gefragt, ob ich etwas brauche.
Mehr hätte ich mir von meinen Eltern auch nicht gewünscht.

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8) Die Hochzeit Nr. 1

Mein Leben verlief, wie bei jedem gesunden Menschen auch. Für mich gab es da keinen Unterschied. Na ja, eigentlich dachte ich nicht so genau darüber nach.

Klar wurden die Werte schlechter. Dass die Dialyse unaufhaltsam näher rückte, sickerte langsam auch zu mir durch. Zum vernünftigen Teil in mir. Der Andere ignorierte das Ganze erfolgreich.
Ist das menschlich oder dumm? Na ja, vielleicht beides! 
Ich war jung und verhielt mich auch so.

Das Leben fragt nicht, wenn es uns Gutes in den Weg legt, das wir einfach so mitnehmen. Aber es fragt uns auch nicht, wenn es uns einen riesengroßen Scheißhaufen vor die Füße knallt. Einen Haufen, durch den wir uns durchschaufeln müssen.
Es fragt nicht, ob wir die Kraft dazu haben.
Das Leben gibt uns die Schaufel. 
Und wir benutzen sie, weil die Menschen diesen »natürlichen Überlebensinstinkt« haben.
Mann, wie oft ich diesen verflucht habe!
In Momenten von Schmerzen, Traurigkeit und Angst. In Momenten ohne Kraft, die Schaufel auch nur zu halten.

Keine Ahnung wie das ging.
Vielleicht, weil uns das Leben immer wieder Gutes in diesem Scheißhaufen versteckt. Dinge, die wir so bereitwillig annehmen. Ganz ohne Kraft. Nur bücken und aufheben.
Cool oder?!

Etwas, dass mir geschenkt wurde, war mein damaliger erster Ehemann. Wir waren 5 Jahre verheiratet. Man neigt ja bei solchen Dingen immer, das negative zu sehen. Klar gab es Gründe, warum es nicht funktionierte, aber es gab auch viele gute Momente. 
Wir hatten uns geliebt und geheiratet.

Auch wenn ich auf diese Jahre nicht zu sehr eingehen möchte, sei gesagt:
Manchmal funktioniert es eben nicht miteinander. Wobei eine Krankheit sicher dazu beiträgt.
Im Nachhinein glaube ich, dass ich heiraten wollte, weil ich glaubte, dass mit der Dialyse mein Leben vorbei wäre. 
Natürlich war ich damals auch sehr verliebt.
Aber von vorne.

D… war bei meinen Eltern in Ungnade gefallen. Ich glaube, der Grund war seine Herkunft. Zumindest wurde mir das anfangs sehr oft vorgehalten.

Ständig gab es Streit und ich hockte zwischen ihnen und meinem Verlobten.
Meine Krankheit schritt voran, was mich langsam immer mehr schwächte.
Als wir beschlossen zu heiraten, ging es mir bereits sehr schlecht. Ich konnte nicht mehr gut essen, mir war ständig übel und ich war kraftlos. Deshalb sollte es eine kleine Hochzeit werden, nur mit den Trauzeugen.

Als die Heirat immer näher rückte, wuchs das ungute Gefühl, dass meine Eltern nicht eingeladen waren. Trotz aller Streitereien und Vorwürfen war das nicht richtig.
Also lud ich sie telefonisch ein, was zu einem noch größeren Konflikt führte.

Unsere Version, so muss ich das wohl sagen, da die Darstellung meiner Eltern eine Andere ist.
Ich lud sie ein, gab ihnen die Adresse vom Rathaus und sagte, dass wir vor der Trauung Mittag etwas Essen gehen.
Ich ließ ihnen die Wahl, ob sie bereits mit uns zum Mittagessen kommen oder wir uns dann im Rathaus treffen. Danach würden wir alle in München, im Olympiaturm essen gehen.
Ich wollte alles richtig machen, deshalb ließ ich sie entscheiden. Mein Vater meinte, dass sie sich das überlegen werden.
Soweit so gut. Trotz aller Streitereien, und das darf man nicht vergessen, dass über meinen Verlobten kein gutes Wort fiel, hatte ich das gut gemeistert.
Das dachte ich. Zumindest für, na ja, ich denke so, eine halbe Stunde.

Dann kam der Anruf meiner Eltern. Und eben deren Version:
»Also, da du gesagt hast, dass es dir scheißegal ist, ob wir kommen, haben wir beschlossen, nicht zu kommen.«
Wir waren vollkommen irritiert. Nie kam auch nur ansatzweise das Wort ›scheißegal‹ vor.
Ich versuchte, meinen Eltern das zu erklären. Niemals, weder damals noch heute, würde ich so mit ihnen reden. Aber es half nichts. Sie blieben bei ihrem Standpunkt.
Ich hätte scheißegal gesagt, deshalb kommen sie nicht.
Ich war sehr traurig, konnte aber nicht viel darüber nachdenken, weil sich die Ereignisse überschlugen.

Mir ging es immer schlechter. Die Dialyse konnte ich bereits länger nicht mehr verdrängen. Das Problem war, dass es keinen freien Platz für mich gab.
Heute ist das anders, aber 1989 gab es nicht so viele Dialyseplätze.
Mir war das recht, da ich mit diesem Scheiß eh nicht anfangen wollte. Schon gar nicht vor meiner Hochzeit.
Das Leben ist dann ja schließlich vorbei. So viel stand fest.
War doch klar!

Mir war ständig übel und ich wurde immer schwächer. So hatte ich am 22. Juli die erste Dialyse.
Die 2. war tatsächlich an meinem Hochzeitstag.
Von 8:00 bis 12:00 Uhr Dialyse, dann umziehen und ab ins Standesamt. Vorher noch Bescheid gegeben, dass wir ein bisschen später kommen.
Was für ein Tag!

Aber auch wieder sowas. Ich hätte »nein« sagen können. Aber die Ärzte bestanden darauf und ich machte es.
Ich hatte die ganze Zeit gehofft, dass meine Eltern kommen würden.
Ich weinte sehr viel, bis ich endgültig begreifen musste, dass dieser Tag ohne sie stattfand.

Es ging mir erstaunlich gut, trotz der 2. Dialyse.
Die Trauung durch den Bürgermeister war, wie man es im Standesamt erwarten konnte.
Das Essen im Olympiaturm war traumhaft.
Wir waren zu viert. Ich, mit meiner Trauzeugin, er mit seiner Mutter A…, die auch seine Trauzeugin war. 
Sie wurde mit den Jahren eine gute Freundin.
Auch als die Ehe in die Brüche ging, war sie immer für mich da.

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7) Arbeiten bei C…

Um übernommen zu werden, war eine ärztliche Untersuchung notwendig.
Blut wurde abgenommen.
Da meine Krankheit bereits deutliche Spuren hinterließ, war mir klar, dass dieser Arzt nach Sichtung der Werte genau wusste, was los war.
Was mir nicht klar war:
Alle, einfach alle Kollegen und Mitarbeiter wussten plötzlich, wie krank ich war. Welche Werte ich hatte und welche Konsequenzen das haben würde.
Überall wurde erzählt, dass die Tochter von Herrn G… krank war.
So viel zur ärztlichen Schweigepflicht.
Mann, war ich wütend.
Aber mein Vater meinte, dass es wohl nicht richtig von dem Arzt war, aber:
»Du bist auf die Leute angewiesen. Du musst übernommen werden.«
Natürlich war ich eine brave Tochter. Aber da war sie wieder, diese Wut, die niemand wahrnahm und vor meinen Augen verpuffte. Nur in mir, da kochte sie weiter und schrie nach Ungerechtigkeit.

Nach meinem Personalgespräch war klar, dass man mich aus gesundheitlichen Gründen nicht übernehmen würde.
Meine Eltern konnten es nicht fassen. Da mein Vater den Zuständigen bei der Personalverwaltung kannte, versprach er mit ihm zu reden.
Ich war dankbar dafür, weil ich es auch für ungerecht hielt.
Gleich am nächsten Tag fand das Gespräch statt.
Ich weiß noch, dass mein Vater stolz berichtete, dass er dem zuständigen Beamten die Meinung sagte. Und zwar mit diesen Worten:
»Ich hab ihm gesagt, wenn Du sie nicht nimmt, dann nimmt sie doch keiner . Mit dieser Krankheit will die doch keiner mehr.«
Es hat ein bisschen gedauert, bis die Worte so richtig bei mir angekommen sind. Im Laufe des Gesprächs hörte ich noch sowas wie »ewig arbeitslos« und »Sozialfall«.
Die Worte fielen als Hammerschlag mitten in mein Herz und taten unendlich weh. Aber natürlich konnte ich auch das nicht zeigen. Innen weinte ich, draußen lächelte ich. So gehörte sich das doch, oder?
Ich verstand es nicht, vielleicht weil ich mich nicht krank fühlte. Klar wurden die Werte immer schlechter, aber so ganz ohne Schmerzen und andere für mich fühlbare Symptome.

Irgendwann fiel die Entscheidung etwa so:
»Ihr Vater hat sich ja sehr für sie eingesetzt Frau G…. Wir haben entschieden, dass wir sie nach der Ausbildung übernehmen. Allerdings nicht in der 8er, sondern in der BAT 9b.«
»Mit der Ausbildung steht mir doch die 8 zu«, sagte ich.
»Ja«, meinte er. »Aber in ihrem speziellem Fall können sie dankbar sein, dass wir sie überhaupt übernehmen.«
Ich weiß nicht, ob ich mich bei ihm bedankte, aber ich glaube, dass ich das tatsächlich tat.

Um das mal zu erklären:
BAT 8 bekam ein ausgebildeter Angestellter.
Die 9b wurde für ungelernte bzw. Hilfsarbeiten vergeben.
Ich wurde also wegen meiner Krankheit einfach so runtergestuft, was sich auch erheblich auf den Verdienst auswirkte.
Und ich habe mich dafür bedankt. Ich schätze mal, das sagt viel über mein Selbstwertgefühl aus.

Zu Hause habe ich meinen Eltern davon erzählt, was nicht notwendig war. Mein Vater wurde davon bereits unterrichtet.
Ich dachte, dass man jetzt darüber diskutiert und sich alle aufregen. Aber die Einzige, die sich aufregte, war ich. Da fielen Worte wie:
»Du musst dankbar sein, dass du überhaupt übernommen wirst.«
»Dich nimmt doch sonst keiner.«
»Du hast sonst keine Chance.«
»Willst du ein Sozialfall werden?«

Ich hatte mich durch 3 Jahre Ausbildung gequält, was ich die ganze Zeit hasste. Und weil ich krank war, wurde ich auf eine ungelernte Kraft reduziert. Deshalb wurden diese 3 Jahre nicht anerkannt. Weil ich mit schlechten Nieren keine gute qualifizierte Arbeit leisten konnte.
Kam nur mir das seltsam vor?

Ach ja, und ich sollte dankbar sein.
DANKBAR!
Das Schlimme ist, dass ich angefangen habe, das zu glauben:
• Du musst dankbar sein
• Dich mag doch sonst keiner
• Wer nimmt dich denn sonst
Ich habe es geglaubt, und angefangen zu lernen, dass ich mit dieser Krankheit nichts wert bin.

Ich weiß noch, dass mein zukünftiger Chef meinte, dass es kaum 9b Tätigkeiten in seinem Büro gibt. Deshalb kann er nur schwer meine Tätigkeitsdarstellung schreiben. Dort werden die zukünftigen Aufgaben angegeben.
Ich lächelte. Was sollte ich auch sagen?
Es lag nicht in meiner Macht.
Ganz tief in mir schrie es nach Ungerechtigkeit. Aber
darüber legte sich, dass ich nichts mehr wert bin und natürlich die notwendige Dankbarkeit.

Nach den Abschlussprüfungen begann also ein neues Kapitel in meinem Leben.
OFFIZIELLE VFA!
Zum ersten Mal mit eigenem Schreibtisch und dazu gehörigem Stuhl.
Ich durfte eigenes notwendiges Büromaterial bestellen, was mir von der Poststelle gebracht wurde.
Ich war kein Azubi mehr, sondern Angestellte!
Wow! So sehr ich die Ausbildung auch hasste …
Ich war mächtig stolz auf diesem Stuhl, an diesem
Schreibtisch, auf dem mein Telefon mit eigener Nummer stand. Und dem Namensschild an der Türe: Frau G… VFA.
MEIN BÜRO!
Na ja, tatsächlich teilte ich es mit 2 Kollegen.

Und dann kam noch das Beste:
Die übergeordnete Dienststelle hatte entschieden, dass es nicht richtig war, jemanden mit einem schlechteren Abschluss mit BAT 8 zu vergüten. Mich mit besserem Ergebnis hingegen mit 9b.
Ich bin nicht sicher, ob das der wahre Grund war, oder ob es jemand von der ungerecht fand, mich wegen Krankheit runter zu stufen.
Offiziell wurde mir die Sache mit dem besseren Abschluss gesagt.
Jetzt war ich also eine richtige Angestellte mit einer Tätigkeitsdarstellung und richtiger Bezahlung.
Gibt es etwas Besseres?!

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6) Meine Ausbildung

Ich wechselte nach der 7. Hauptschule in die Realschule. Mein Lehrer damals meinte:
»Du taugst nicht für die Realschule. Spätestens in einem Jahr sehen wir uns wieder.«
»Ganz sicher nicht«, sagte ich und behielt recht.
In der Realschule musste man sich für einen Zweig entscheiden.
• Technischer
• Kaufmännischer
• Musisch

Da war meine Tante Britta in Mainz. Die lernte und arbeitete in der Stadtverwaltung und fand das ganz toll. Und da ich Britta sehr mochte, auch heute noch, entschied ich mich für den kaufmännischen Zweig.
Konnte ja nicht schlecht sein, wenn es meiner Tante so gut gefiel. Zudem kam hinzu, dass zu der Zeit eher die Jungs den technischen Zweig wählten. Und da meine Eltern auch dafür waren, war die Entscheidung gefallen. Obwohl mein damaliger Mathelehrer mir dringend den technischen Zweig ans Herz legte und meinte, dass ich es bereuen würde.
ER HATTE RECHT!

Steno war für mich der Horror. Vor allem weil ich mit meiner Schrift sehr viel schneller war, als mit diesen unverständlichen Hieroglyphen der Stenographie.
Rechnungswesen hat absolut nichts mit Mathematik zu tun.
Ich habe nie verstanden, wie man gefühlte eintausend Konten mit Ein-und Ausgaben füllen sollte. Mit einer ist klar, aber dann ging es los mit:
• Man nehme Geld von der Bank. Mit diesem wird eingekauft, getankt und eine Arztgebühr bezahlt. Das dann privat und geschäftlich. Vielleicht auch noch ein Restaurantbesuch, den man absetzen kann. Und und und …
Dieses ganze System ging einfach nicht in meinen Kopf.
Sogar als ich in der Berufsschule das ganze von vorne lernen musste, war das so.
Die Vorstellung, das in einem Büro machen zu müssen, war für mein zukünftiges Leben unvorstellbar.

Als ich in der 9. Klasse war, redete ich mit meinem Mathelehrer, weil ich in den technischen Zweig wechseln wollte.
Er erklärte mir, dass er glaubte, dass ich mit Mathematik keine Probleme hätte. Aber ich müsste 2 Jahre technisches Zeichnen nachholen. Und mit meinen Problemen in der englischen Sprache glaubte er nicht, dass ein Wechsel gut wäre.
Also blieb ich, wo ich war, und machte meinen Abschluss der mittleren Reife.
Kurz überlegte ich, ob ich nicht weiter auf die Fachoberschule gehen sollte. Aber da war ja das gleiche Problem mit Englisch. Sprachen sind echt nicht mein Ding.

Ich schrieb viele Bewerbungen für Büro und dergleichen.
Heimlich ging ich zu Schreinereien, weil ich Schreiner werden wollte. Allein der Geruch und das Gefühl, mit Holz zu arbeiten, musste großartig sein.
Ich erhielt nur Absagen. Als Mädchen in einem Handwerk, das war noch nicht so üblich. Und als Zwerg mit 40 Kilo …

Der Meister einer kleinen Werkstatt meinte:
»Ich werde Dich nehmen, wenn du dieses Brett an der Wand hochheben und auf die Bank legen kannst«.
Es war ein sehr großes Brett, das ich nur wenige Zentimeter hochheben, aber ganz sicher nicht zu dieser Werkbank bringen oder es gar drauflegen konnte. Und glaube mir, ich habe alles versucht.
Der Traum, Schreinerin zu werden, war geplatzt. Genauso wie vorher Mathematik zu studieren.
Von meinen offiziellen Bewerbungen blieb:

• Verkäuferin in einem großen Jeansladen oder
• Verwaltungsfachangestellte beim Arbeitgeber C…
So landete ich also bei C… und hasste es vom 1. Tag.

Die Fachschule gefiel mir, obwohl ich dort richtig gefordert wurde. Am Anfang nahm ich das ziemlich relaxed. Aber als ich über den Lehrstoff vom Vortag ausgefragt wurde und nichts wusste, machte mir der Lehrer sehr laut klar, warum ich dort war.
Mann war mir das peinlich, vor der Klasse so dermaßen zur Schnecke gemacht zu werden. Ab da habe ich angefangen zu lernen.
Zusätzlich zur Fachschule hatten wir noch Blockunterricht in der Berufsschule. Diese Zeit war eigentlich sehr schön. Ich war über 18 Jahre alt und konnte meine Entschuldigungen selbst schreiben. Und das nutzte ich aus.
Natürlich durften das meine Eltern nicht erfahren. Die hätten dafür nur wenig Verständnis gehabt. Deshalb bin ich am Morgen aufgestanden und verlies pünktlich das Haus. Nur statt nach München zu fahren, stieg ich 3 Stationen weiter aus der S-Bahn und verbrachte den Tag bei einem Freund.
Wie gerne wäre ich in einer Schreinerei, statt in der Berufsschule Sozialkunde oder Rechnungswesen zu büffeln.
Natürlich durfte ich das nicht übertreiben. Fehltage und Stunden mussten wohldosiert sein.
Irgendwann im dritten Jahr wünschte mir ein Kollege: »Viel Glück für die Prüfung heute.«
Ich fragte: »Welche Prüfung?«
»Na Abschluß Sozialkunde.«
Oh Backe, das hatte ich total vergessen.
Ich hatte genau 45 Minuten in der S-Bahn, um mir den Stoff einzutrichtern.
Zum Glück konnte ich unter Druck sehr gut lernen. Ein zweites Glück war, dass es sich bei den Fragen um multiple choice handelte. Mit den Texten fand ich die Fragen gar nicht so schwer.
Ich hab die Prüfung mit der Note 2 abgeschlossen.
Puh, zum Glück gab es in der Berufsschule keine Weiteren. Na ja, ich kann mich an keine erinnern.
Die große Abschlussprüfung fand in der Fachschule statt.
Ich hatte ein gutes Gefühl. Aber die letzte Prüfung sollte entweder ULB oder Verwaltungskunde sein. Welches, würden wir erst am Prüfungstag erfahren.

Nun gibt es Dinge, die ich einfach nicht in meinen Kopf bekomme, wie Rechnungswesen oder Englisch. ULB war auch so ein Fach. Ganz egal, wie ich mich auch anstrengte, alles Lernen war da sinnlos. Irgendwann hab ich es aufgegeben.
Ich konnte also von ULB gar nichts, von Verwaltungskunde viel.
Bedeutete, entweder ich fiel durch oder ich hatte zumindest die Chance zu bestehen.
Um so spannender war der Prüfungstag. Beim Umdrehen der ausgeteilten Blätter ging ein freudiges Raunen durch den Raum und mir fiel ein riesen Stein vom Herzen.
Verwaltungskunde! Puh!

Nach den Schriftlichen folgte die mündliche Prüfung.
Das lief so ab, dass 5 Prüfer in einer Reihe saßen, jeder für sein Fach. Gegenüber waren wir 3 Schüler. Die Fragen kamen durcheinander und trafen uns zufällig.
Bis der Prüfer für ULB bei mir hängen blieb und sich festbiss. Immer wieder fragte er mich etwas, wobei ich jedes Mal nur sagen konnte, dass ich es nicht weiß.
»Na, wissen Sie denn überhaupt etwas von ULB?«, fragte er.
»Ja«, sagte ich. »ULB bedeutet Unterbringung Liegenschafts und Bauwesen und ist bei uns im 3. Stock.«
»Ihnen ist klar, dass ich Ihnen eine 6 geben muss.«
»Ja ist klar.«, sagte ich. Zum Glück wurde die Gesamtnote von allen Prüfern genommen, so dass ich die Mündliche mit 2,6 abschließen konnte.
Ich bestand die Abschlussprüfung zur VFA nach 3 Jahren Lehrzeit.
Wow! Sollte ich darauf stolz sein?

Auf jeden Fall wollte ich da weg. Aber da das mit einer neuen Ausbildung im Handwerk nicht so einfach war, wollte ich erst mal bleiben und mir dann in Ruhe etwas Anderes suchen. Hätte ich da nur schon gewusst, was kommt …

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5) Die erste Shunt-OP

Irgendwann in meiner Kindheit wurde bei mir der Blinddarm entfernt.
Ich kann mich eigentlich nicht so daran erinnern, außer Schmerzen vor der OP und Hunger danach. Na ja und Haferschleimsuppe, die ich seit dem nie wieder gegessen habe.

Jetzt also meine erste Shunt OP
Da ich ja dank Dr. Sch. die Wahrheit wusste, musste ich mich mit der Tatsache einer kommenden Dialyse auseinandersetzen. Ganz ehrlich, so richtig hab ich das nicht.
Aber einer Shunt-OP konnte ich nicht mehr entkommen. Also ging ich in eine Münchner Klinik.
Einen Tag vor der OP erklärte mir ein Anästhesist, dass ich in meiner Achsel eine Spritze bekomme, womit mein Arm betäubt wird. Mein Wunsch auf eine Narkose oder zumindest ein »Nickerchen« lehnte der Arzt ab.

Zu der Zeit wusste ich nicht, dass auch ich Mitspracherecht habe. Na ja, und Ärzte wussten doch am besten, was gut ist, oder? Sowas wie »Halbgötter in weiß« sehe ich auch heute noch bei alten Patienten. Auch wenn es nicht gut tut, aber der Doktor sagt …

Die Tatsache, dass ich die OP bewusst erleben würde, machte mir extrem Angst.
Abends in der Raucherecke, die gab es damals noch im Krankenhaus, redete ich mit 2 Patienten, die die Prozedur bereits hinter sich hatten.
»Nach der Spritze dauert es einige Zeit, dann kribbelt es und dann ist es, als ob der Arm gar nicht mehr vorhanden ist. Man kann ihn dann nicht mehr bewegen.«
»Und die Spritze?«, fragte ich. »Tut das weh?«
»Nur ein bisschen. Ein Piecks, und dann drückt es. Nicht schlimm.«
Na hörte sich doch gar nicht so übel an. Bis auf die Spritze natürlich. Ich hatte und habe noch heute panische Angst davor. Ich hab aufgegeben, dass sich das jemals ändert.

Der nächste Tag kam.
So ist das. Egal, ob man sich freut oder nicht. Ich fand das viele Male, wie auch an diesem Tag, ganz fürchterlich.

Ich wurde für die OP vorbereitet.
Mein Arm wurde desinfiziert und abgeklebt. Dann kam die Spritze!
Wenn man bedenkt, dass sie bereits beim Anblick weh tat, war das gar nicht so schlimm. Ich fand, dass ich das mit nur einem Tränchen tapfer überstanden hab.
Dann … warten, warten … kein Kribbeln … warten … der Arm wurde nicht taub … warten … kein Kribbeln.
Ein Mann im weißen Kittel kam und meinte:
»Los gehts«, und schob mein Bett Richtung OP-Saal. Ich hob den Arm. Der, der eigentlich betäubt sein sollte und winkte.
»Hallo, ich kann den Arm noch bewegen. Müsste das nicht anders sein?«
»Das wird schon noch, bis wir im OP sind«, war seine Antwort.

Auch dort habe ich immer wieder darauf hingewiesen, dass ich den Arm noch bewegen konnte. Und dass mir Mitpatienten das ganz anders erklärten.
Mein Arm wurde fixiert. Damit konnte ich ihn zwar nicht mehr bewegen, aber taub war er trotzdem nicht.
Nach Diskutieren und erklären tat ich das Einzige, was ich noch tun konnte:
ICH HEULTE!
Tränenüberströmt erklärte ich dem Narkosearzt hinter mir, dass ich sicher bin, dass der Arm nicht betäubt war. Aber auch der zeigte kein Erbarmen und sie fingen mit der OP an.
Mit dem ersten Schnitt folgte mein erster Schrei.
Der Beweis, dass da was nicht stimmte. Na ja, zumindest für mich. Anstatt irgendwas zu unternehmen,operierte man einfach weiter.

UNVORSTELLBAR!
Hätte mir jemand DAS vorher erzählt, hätte ich es niemals geglaubt.

Aber nun steckte ich in dieser Situation, und es war nicht so, dass ich selbst daran etwas ändern konnte.
Ich lag in diesem viel zu kalten OP-Saal, auf dieser Liege, die zu hart war, festgeschnallt, unfähig mich zu wehren. Und man operierte mich an meinem nicht betäubten Arm.
Tränen liefen mir über das Gesicht. Schmerz, Verzweiflung und Wut, was niemanden interessierte. Was einen von innen auffrisst, zerbombt, kaputt macht und Narben hinterlässt.
Ich habe geweint, gebettelt und gefleht.
Ich wollte nur weg von dieser Situation, diesem Schmerz, diesem Horror!

Ich erinnere mich an 4 Sachen:
1 Jemand sagt, ich soll mich nicht so aufregen.
2 Jemand sagt, ich soll still halten.
3 Jemand sagt zu einem Anderen, er soll den Arm halten, auch wenn er sich draufsetzen muss.
4 Der Narkosearzt hinter mir wischt die Tränen aus meinem Gesicht und sagt:
»Sie kann nicht mehr.«
DANKE!

Danach bin ich eingeschlafen.
Als ich im Aufwachraum wach wurde, kam ein Arzt und teilte mir mit:
»Die Operation hat leider nicht geklappt, weil sie nicht still gehalten haben. Wir müssen das wiederholen.«
Ich bin wieder eingeschlafen und war der Meinung, dass ich geträumt hatte.
OP wiederholen … ein Traum!
Und wenn nicht, dann mache ich das garantiert kein zweites Mal mit.
NIEMALS!

Leider war dieser Shunt unbedingt notwendig. Also entschied mein Kopf, wie so oft, obwohl alles in mir ›Nein‹ schrie.
Diesmal mit Narkose oder dgl. ohne Zwischenfälle – glaube ich zumindest.
Ich hab geschlafen und der Shunt funktionierte.

Ich weiß noch, dass mich meine Eltern besuchten. Mein Vater erzählte, dass ihm der Arzt sagte: »Ihre Tochter hat auf dem OP-Tisch Tango getanzt.«
Wir alle lachten.
Aber in den letzten 30 Jahren bin ich jedes Mal durch diesen Horror gegangen, wenn auch nur ›örtliche Betäubung‹ oder ›Teilnarkose‹ erwähnt wurde. Und das wurde es noch oft, bei unzähligen Shunt-Operationen.

An diese ersten zwei Shunt-OPs erinnern mich 2 Narben nebeneinander. Ich vermeide, sie anzusehen, weil ich heute noch, an den Schmerz denke.

Heute weiß ich, dass man bei jedem Eingriff die Möglichkeit einer kurzen Narkose oder zumindest ein Nickerchen verlangen kann. Das würde mir so nie wieder passieren, denn ich weiß, dass man als Patient viel mehr Mitspracherecht hat, als einem manchmal gesagt wird.

Veröffentlicht in Das Buch

4) Dialyse? Shunt?

Um das Mal zu sagen, ich war nicht dumm.
Mein Blutdruck war zu hoch und die Tabletten dafür bzw. dagegen. habe ich mehr oder weniger regelmäßig genommen.
Mir war klar, dass meine Blutwerte nicht so gut waren. Wobei ich mich nicht so besonders darum gekümmert habe, was genau Krea, Harnstoff oder Harnsäure bedeutet.
Ich war so um die 20/21 Jahre alt, hatte keine Schmerzen und habe einfach mein Leben gelebt und genossen.
Vielleicht war es gar nicht so gut, keine Beschwerden zu haben. Andererseits war ich immer froh darüber.

Das Witzige ist, wenn ich erzähle, dass ich ein bisschen mit den Nieren habe, dann kommt oft: »Bei mir hat es dahinten auch schon gezogen«, oder »ich hatte da auch schon Schmerzen«.
Meine Antwort war bzw. ist dann: »Echt? Ich noch nie.«

Ich hatte wie die meisten Menschen gute Zeiten aber auch Alltagsprobleme. Irgendwie spielten Blutwerte da eine eher untergeordnete Rolle.
Ich hab sie mir angehört, wenn ich bei meinem Hausarzt saß. Dr. Sch. …, ein Ehepaar.
Ehepaar. Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, dass ich eher bei der Frau war, und an diesem Tag bei Herrn Dr. Sch. gelandet bin.

An diesem Tag saß ich also bei ihm, habe mir die Werte angehört und abgenickt. Was sollte ich auch anderes tun. Ändern konnte ich eh nix.
Erst: »Wir sollten mal sehen, dass wir einen Termin machen, wegen des Shunts. Bevor die Dialyse kommt«, ließ mich aufhorchen.

So, oder so ähnlich war es. An diesem Tag, an dem ich tatsächlich anfing, krank zu sein.

Natürlich habe ich was von der Dialyse gehört. Das geht ganz automatisch, wenn man im Krankenhaus auf der nephrologischen Station ist.
Nur hat mich das nie interessiert.
Nierenersatztherapie, das war doch nur was für alte Menschen!
Nach meiner überraschten Reaktion blätterte Dr. Sch. in meiner Akte und meinte:
»Oh, das hätte ich gar nicht sagen sollen.«
»Oh doch«, erwiderte ich. »Und fangen sie damit an, warum sie das nicht sagen sollten.«

Und dann erfuhr ich ALLES …

1) Meine Eltern gaben Anweisung, dass man mir die Wahrheit nicht sagen darf.
Was für ein Shit!
Es fing an, als ich 19 Jahre alt war. Die Ärzte hätten
diesen Scheiß gar nicht mitmachen dürfen. Keine Ahnung wie das ging.
Wahrscheinlich war der Fehler, dass wir die gleichen Hausärzte hatten. Warum auch nicht?
2) Es dauert nicht mehr lange, bis ich Dialyse machen muss.
Die Blutwerte waren wirklich richtig schlecht. Nierenersatztherapie! Ich hatte die ›Alte-Leute-Krankheit!‹, und dazu brauchte man diesen
Shunt.
Mann war ich sauer!
Ich ging nach Hause und stellte meine Eltern zur Rede.
Ich weiß noch, dass sie sagten, sie hätten es nur gut gemeint.
Gut gemeint! Was für ein Shit!

Wie kann man so was verheimlichen?
Im Nachhinein war mir dann natürlich klar, dass die
eiweißarme Ernährung seinen Grund hatte. Auch wenn sie nicht so mein Ding war. Und auch die Tabletten nicht zu vergessen, wäre gut gewesen.
Wenn ich gewusst hätte, wozu das wichtig war, hätte das etwas geändert?
Hätte ich die Dialyse etwas rauszögern können?
Tja, da ist sie wieder, die Zeit, die man nicht zurückdrehen kann. Und in diesem Moment ruft auch noch Dr. Sch. an und sagt meinem Vater, nicht mir, wie ich die Medikamente nehmen soll.
Wow, war ich wütend!
Aber egal, was ich sagte. Für meine Eltern war ich nur undankbar und uneinsichtig.
Natürlich war es auch meine Schuld. Hätte ich nur mehr nachgedacht,
Aber die Wut verpuffte draußen und explodierte in meinem Inneren.
Das sollte nicht das letzte Mal sein.

Veröffentlicht in Das Buch

3) DER PROFESSOR E…

Spätestens als ich zum PROFESSOR E… sollte … DER Spezialist, wenn es um Nieren geht. Der war im Fernsehen, also musste der ja gut sein. Zumindest meinten das meine Eltern, und haben einen Termin organisiert.

Natürlich bin ich hingegangen. Wenn auch – zugegeben – mit keinem bestimmten Ziel.

Also … Ich.

Meine Eltern erhofften sich wohl so was wie – keine Ahnung – ein Wunder?

Na ja, ist auch verständlich, wenn die eigene Tochter krank ist. Die wussten ja auch mehr als ich.

Da saß ich also, bei dem Professor. Übrigens, auch nur ein Mensch. Hätte es zu dieser Zeit bereits das Internet für jedermann gegeben, hätte ich es gegoogelt. Das Wort, das er sagte:

AUTOIMMUNERKRANKUNG

Heute weiß ich, dass da der Körper praktisch keinen Bock mehr auf etwas hat. In meinem Fall eben die Nieren.

Der Professor meinte trocken:

»kam von alleine. Muss von alleine wieder gehen, ansonsten hast du Pech gehabt.«

Genau so, mit exakt diesen Worten.

Ich dachte sowas wie: ‘okaaaaaay‘, ‘echt jetzt?‘. Oder auch ‘was für ein Idiot‘, und viele schlimme Schimpfworte.

Echt jetzt oder? Da geht man zu einem Professor, um sowas zu hören.

Aber selbst, als ich meinen Eltern die große Nachricht von dem Termin mitteilte, blieb er immer noch:

DER PROFESSOR, der Ahnung hat. Schließlich war der im Fernsehen. Ich hab das nicht verstanden. Bis heute, wenn ich so zurückdenke.

Und rate mal …

ICH HATTE PECH! Aber das sollte ich eher durch Zufall erfahren.