Veröffentlicht in Das Buch

5) Die erste Shunt-OP

Irgendwann in meiner Kindheit wurde bei mir der Blinddarm entfernt.
Ich kann mich eigentlich nicht so daran erinnern, außer Schmerzen vor der OP und Hunger danach. Na ja und Haferschleimsuppe, die ich seit dem nie wieder gegessen habe.

Jetzt also meine erste Shunt OP
Da ich ja dank Dr. Sch. die Wahrheit wusste, musste ich mich mit der Tatsache einer kommenden Dialyse auseinandersetzen. Ganz ehrlich, so richtig hab ich das nicht.
Aber einer Shunt-OP konnte ich nicht mehr entkommen. Also ging ich in eine Münchner Klinik.
Einen Tag vor der OP erklärte mir ein Anästhesist, dass ich in meiner Achsel eine Spritze bekomme, womit mein Arm betäubt wird. Mein Wunsch auf eine Narkose oder zumindest ein »Nickerchen« lehnte der Arzt ab.

Zu der Zeit wusste ich nicht, dass auch ich Mitspracherecht habe. Na ja, und Ärzte wussten doch am besten, was gut ist, oder? Sowas wie »Halbgötter in weiß« sehe ich auch heute noch bei alten Patienten. Auch wenn es nicht gut tut, aber der Doktor sagt …

Die Tatsache, dass ich die OP bewusst erleben würde, machte mir extrem Angst.
Abends in der Raucherecke, die gab es damals noch im Krankenhaus, redete ich mit 2 Patienten, die die Prozedur bereits hinter sich hatten.
»Nach der Spritze dauert es einige Zeit, dann kribbelt es und dann ist es, als ob der Arm gar nicht mehr vorhanden ist. Man kann ihn dann nicht mehr bewegen.«
»Und die Spritze?«, fragte ich. »Tut das weh?«
»Nur ein bisschen. Ein Piecks, und dann drückt es. Nicht schlimm.«
Na hörte sich doch gar nicht so übel an. Bis auf die Spritze natürlich. Ich hatte und habe noch heute panische Angst davor. Ich hab aufgegeben, dass sich das jemals ändert.

Der nächste Tag kam.
So ist das. Egal, ob man sich freut oder nicht. Ich fand das viele Male, wie auch an diesem Tag, ganz fürchterlich.

Ich wurde für die OP vorbereitet.
Mein Arm wurde desinfiziert und abgeklebt. Dann kam die Spritze!
Wenn man bedenkt, dass sie bereits beim Anblick weh tat, war das gar nicht so schlimm. Ich fand, dass ich das mit nur einem Tränchen tapfer überstanden hab.
Dann … warten, warten … kein Kribbeln … warten … der Arm wurde nicht taub … warten … kein Kribbeln.
Ein Mann im weißen Kittel kam und meinte:
»Los gehts«, und schob mein Bett Richtung OP-Saal. Ich hob den Arm. Der, der eigentlich betäubt sein sollte und winkte.
»Hallo, ich kann den Arm noch bewegen. Müsste das nicht anders sein?«
»Das wird schon noch, bis wir im OP sind«, war seine Antwort.

Auch dort habe ich immer wieder darauf hingewiesen, dass ich den Arm noch bewegen konnte. Und dass mir Mitpatienten das ganz anders erklärten.
Mein Arm wurde fixiert. Damit konnte ich ihn zwar nicht mehr bewegen, aber taub war er trotzdem nicht.
Nach Diskutieren und erklären tat ich das Einzige, was ich noch tun konnte:
ICH HEULTE!
Tränenüberströmt erklärte ich dem Narkosearzt hinter mir, dass ich sicher bin, dass der Arm nicht betäubt war. Aber auch der zeigte kein Erbarmen und sie fingen mit der OP an.
Mit dem ersten Schnitt folgte mein erster Schrei.
Der Beweis, dass da was nicht stimmte. Na ja, zumindest für mich. Anstatt irgendwas zu unternehmen,operierte man einfach weiter.

UNVORSTELLBAR!
Hätte mir jemand DAS vorher erzählt, hätte ich es niemals geglaubt.

Aber nun steckte ich in dieser Situation, und es war nicht so, dass ich selbst daran etwas ändern konnte.
Ich lag in diesem viel zu kalten OP-Saal, auf dieser Liege, die zu hart war, festgeschnallt, unfähig mich zu wehren. Und man operierte mich an meinem nicht betäubten Arm.
Tränen liefen mir über das Gesicht. Schmerz, Verzweiflung und Wut, was niemanden interessierte. Was einen von innen auffrisst, zerbombt, kaputt macht und Narben hinterlässt.
Ich habe geweint, gebettelt und gefleht.
Ich wollte nur weg von dieser Situation, diesem Schmerz, diesem Horror!

Ich erinnere mich an 4 Sachen:
1 Jemand sagt, ich soll mich nicht so aufregen.
2 Jemand sagt, ich soll still halten.
3 Jemand sagt zu einem Anderen, er soll den Arm halten, auch wenn er sich draufsetzen muss.
4 Der Narkosearzt hinter mir wischt die Tränen aus meinem Gesicht und sagt:
»Sie kann nicht mehr.«
DANKE!

Danach bin ich eingeschlafen.
Als ich im Aufwachraum wach wurde, kam ein Arzt und teilte mir mit:
»Die Operation hat leider nicht geklappt, weil sie nicht still gehalten haben. Wir müssen das wiederholen.«
Ich bin wieder eingeschlafen und war der Meinung, dass ich geträumt hatte.
OP wiederholen … ein Traum!
Und wenn nicht, dann mache ich das garantiert kein zweites Mal mit.
NIEMALS!

Leider war dieser Shunt unbedingt notwendig. Also entschied mein Kopf, wie so oft, obwohl alles in mir ›Nein‹ schrie.
Diesmal mit Narkose oder dgl. ohne Zwischenfälle – glaube ich zumindest.
Ich hab geschlafen und der Shunt funktionierte.

Ich weiß noch, dass mich meine Eltern besuchten. Mein Vater erzählte, dass ihm der Arzt sagte: »Ihre Tochter hat auf dem OP-Tisch Tango getanzt.«
Wir alle lachten.
Aber in den letzten 30 Jahren bin ich jedes Mal durch diesen Horror gegangen, wenn auch nur ›örtliche Betäubung‹ oder ›Teilnarkose‹ erwähnt wurde. Und das wurde es noch oft, bei unzähligen Shunt-Operationen.

An diese ersten zwei Shunt-OPs erinnern mich 2 Narben nebeneinander. Ich vermeide, sie anzusehen, weil ich heute noch, an den Schmerz denke.

Heute weiß ich, dass man bei jedem Eingriff die Möglichkeit einer kurzen Narkose oder zumindest ein Nickerchen verlangen kann. Das würde mir so nie wieder passieren, denn ich weiß, dass man als Patient viel mehr Mitspracherecht hat, als einem manchmal gesagt wird.