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6) Meine Ausbildung

Ich wechselte nach der 7. Hauptschule in die Realschule. Mein Lehrer damals meinte:
»Du taugst nicht für die Realschule. Spätestens in einem Jahr sehen wir uns wieder.«
»Ganz sicher nicht«, sagte ich und behielt recht.
In der Realschule musste man sich für einen Zweig entscheiden.
• Technischer
• Kaufmännischer
• Musisch

Da war meine Tante Britta in Mainz. Die lernte und arbeitete in der Stadtverwaltung und fand das ganz toll. Und da ich Britta sehr mochte, auch heute noch, entschied ich mich für den kaufmännischen Zweig.
Konnte ja nicht schlecht sein, wenn es meiner Tante so gut gefiel. Zudem kam hinzu, dass zu der Zeit eher die Jungs den technischen Zweig wählten. Und da meine Eltern auch dafür waren, war die Entscheidung gefallen. Obwohl mein damaliger Mathelehrer mir dringend den technischen Zweig ans Herz legte und meinte, dass ich es bereuen würde.
ER HATTE RECHT!

Steno war für mich der Horror. Vor allem weil ich mit meiner Schrift sehr viel schneller war, als mit diesen unverständlichen Hieroglyphen der Stenographie.
Rechnungswesen hat absolut nichts mit Mathematik zu tun.
Ich habe nie verstanden, wie man gefühlte eintausend Konten mit Ein-und Ausgaben füllen sollte. Mit einer ist klar, aber dann ging es los mit:
• Man nehme Geld von der Bank. Mit diesem wird eingekauft, getankt und eine Arztgebühr bezahlt. Das dann privat und geschäftlich. Vielleicht auch noch ein Restaurantbesuch, den man absetzen kann. Und und und …
Dieses ganze System ging einfach nicht in meinen Kopf.
Sogar als ich in der Berufsschule das ganze von vorne lernen musste, war das so.
Die Vorstellung, das in einem Büro machen zu müssen, war für mein zukünftiges Leben unvorstellbar.

Als ich in der 9. Klasse war, redete ich mit meinem Mathelehrer, weil ich in den technischen Zweig wechseln wollte.
Er erklärte mir, dass er glaubte, dass ich mit Mathematik keine Probleme hätte. Aber ich müsste 2 Jahre technisches Zeichnen nachholen. Und mit meinen Problemen in der englischen Sprache glaubte er nicht, dass ein Wechsel gut wäre.
Also blieb ich, wo ich war, und machte meinen Abschluss der mittleren Reife.
Kurz überlegte ich, ob ich nicht weiter auf die Fachoberschule gehen sollte. Aber da war ja das gleiche Problem mit Englisch. Sprachen sind echt nicht mein Ding.

Ich schrieb viele Bewerbungen für Büro und dergleichen.
Heimlich ging ich zu Schreinereien, weil ich Schreiner werden wollte. Allein der Geruch und das Gefühl, mit Holz zu arbeiten, musste großartig sein.
Ich erhielt nur Absagen. Als Mädchen in einem Handwerk, das war noch nicht so üblich. Und als Zwerg mit 40 Kilo …

Der Meister einer kleinen Werkstatt meinte:
»Ich werde Dich nehmen, wenn du dieses Brett an der Wand hochheben und auf die Bank legen kannst«.
Es war ein sehr großes Brett, das ich nur wenige Zentimeter hochheben, aber ganz sicher nicht zu dieser Werkbank bringen oder es gar drauflegen konnte. Und glaube mir, ich habe alles versucht.
Der Traum, Schreinerin zu werden, war geplatzt. Genauso wie vorher Mathematik zu studieren.
Von meinen offiziellen Bewerbungen blieb:

• Verkäuferin in einem großen Jeansladen oder
• Verwaltungsfachangestellte beim Arbeitgeber C…
So landete ich also bei C… und hasste es vom 1. Tag.

Die Fachschule gefiel mir, obwohl ich dort richtig gefordert wurde. Am Anfang nahm ich das ziemlich relaxed. Aber als ich über den Lehrstoff vom Vortag ausgefragt wurde und nichts wusste, machte mir der Lehrer sehr laut klar, warum ich dort war.
Mann war mir das peinlich, vor der Klasse so dermaßen zur Schnecke gemacht zu werden. Ab da habe ich angefangen zu lernen.
Zusätzlich zur Fachschule hatten wir noch Blockunterricht in der Berufsschule. Diese Zeit war eigentlich sehr schön. Ich war über 18 Jahre alt und konnte meine Entschuldigungen selbst schreiben. Und das nutzte ich aus.
Natürlich durften das meine Eltern nicht erfahren. Die hätten dafür nur wenig Verständnis gehabt. Deshalb bin ich am Morgen aufgestanden und verlies pünktlich das Haus. Nur statt nach München zu fahren, stieg ich 3 Stationen weiter aus der S-Bahn und verbrachte den Tag bei einem Freund.
Wie gerne wäre ich in einer Schreinerei, statt in der Berufsschule Sozialkunde oder Rechnungswesen zu büffeln.
Natürlich durfte ich das nicht übertreiben. Fehltage und Stunden mussten wohldosiert sein.
Irgendwann im dritten Jahr wünschte mir ein Kollege: »Viel Glück für die Prüfung heute.«
Ich fragte: »Welche Prüfung?«
»Na Abschluß Sozialkunde.«
Oh Backe, das hatte ich total vergessen.
Ich hatte genau 45 Minuten in der S-Bahn, um mir den Stoff einzutrichtern.
Zum Glück konnte ich unter Druck sehr gut lernen. Ein zweites Glück war, dass es sich bei den Fragen um multiple choice handelte. Mit den Texten fand ich die Fragen gar nicht so schwer.
Ich hab die Prüfung mit der Note 2 abgeschlossen.
Puh, zum Glück gab es in der Berufsschule keine Weiteren. Na ja, ich kann mich an keine erinnern.
Die große Abschlussprüfung fand in der Fachschule statt.
Ich hatte ein gutes Gefühl. Aber die letzte Prüfung sollte entweder ULB oder Verwaltungskunde sein. Welches, würden wir erst am Prüfungstag erfahren.

Nun gibt es Dinge, die ich einfach nicht in meinen Kopf bekomme, wie Rechnungswesen oder Englisch. ULB war auch so ein Fach. Ganz egal, wie ich mich auch anstrengte, alles Lernen war da sinnlos. Irgendwann hab ich es aufgegeben.
Ich konnte also von ULB gar nichts, von Verwaltungskunde viel.
Bedeutete, entweder ich fiel durch oder ich hatte zumindest die Chance zu bestehen.
Um so spannender war der Prüfungstag. Beim Umdrehen der ausgeteilten Blätter ging ein freudiges Raunen durch den Raum und mir fiel ein riesen Stein vom Herzen.
Verwaltungskunde! Puh!

Nach den Schriftlichen folgte die mündliche Prüfung.
Das lief so ab, dass 5 Prüfer in einer Reihe saßen, jeder für sein Fach. Gegenüber waren wir 3 Schüler. Die Fragen kamen durcheinander und trafen uns zufällig.
Bis der Prüfer für ULB bei mir hängen blieb und sich festbiss. Immer wieder fragte er mich etwas, wobei ich jedes Mal nur sagen konnte, dass ich es nicht weiß.
»Na, wissen Sie denn überhaupt etwas von ULB?«, fragte er.
»Ja«, sagte ich. »ULB bedeutet Unterbringung Liegenschafts und Bauwesen und ist bei uns im 3. Stock.«
»Ihnen ist klar, dass ich Ihnen eine 6 geben muss.«
»Ja ist klar.«, sagte ich. Zum Glück wurde die Gesamtnote von allen Prüfern genommen, so dass ich die Mündliche mit 2,6 abschließen konnte.
Ich bestand die Abschlussprüfung zur VFA nach 3 Jahren Lehrzeit.
Wow! Sollte ich darauf stolz sein?

Auf jeden Fall wollte ich da weg. Aber da das mit einer neuen Ausbildung im Handwerk nicht so einfach war, wollte ich erst mal bleiben und mir dann in Ruhe etwas Anderes suchen. Hätte ich da nur schon gewusst, was kommt …