Veröffentlicht in Das Buch

7) Arbeiten bei C…

Um übernommen zu werden, war eine ärztliche Untersuchung notwendig.
Blut wurde abgenommen.
Da meine Krankheit bereits deutliche Spuren hinterließ, war mir klar, dass dieser Arzt nach Sichtung der Werte genau wusste, was los war.
Was mir nicht klar war:
Alle, einfach alle Kollegen und Mitarbeiter wussten plötzlich, wie krank ich war. Welche Werte ich hatte und welche Konsequenzen das haben würde.
Überall wurde erzählt, dass die Tochter von Herrn G… krank war.
So viel zur ärztlichen Schweigepflicht.
Mann, war ich wütend.
Aber mein Vater meinte, dass es wohl nicht richtig von dem Arzt war, aber:
»Du bist auf die Leute angewiesen. Du musst übernommen werden.«
Natürlich war ich eine brave Tochter. Aber da war sie wieder, diese Wut, die niemand wahrnahm und vor meinen Augen verpuffte. Nur in mir, da kochte sie weiter und schrie nach Ungerechtigkeit.

Nach meinem Personalgespräch war klar, dass man mich aus gesundheitlichen Gründen nicht übernehmen würde.
Meine Eltern konnten es nicht fassen. Da mein Vater den Zuständigen bei der Personalverwaltung kannte, versprach er mit ihm zu reden.
Ich war dankbar dafür, weil ich es auch für ungerecht hielt.
Gleich am nächsten Tag fand das Gespräch statt.
Ich weiß noch, dass mein Vater stolz berichtete, dass er dem zuständigen Beamten die Meinung sagte. Und zwar mit diesen Worten:
»Ich hab ihm gesagt, wenn Du sie nicht nimmt, dann nimmt sie doch keiner . Mit dieser Krankheit will die doch keiner mehr.«
Es hat ein bisschen gedauert, bis die Worte so richtig bei mir angekommen sind. Im Laufe des Gesprächs hörte ich noch sowas wie »ewig arbeitslos« und »Sozialfall«.
Die Worte fielen als Hammerschlag mitten in mein Herz und taten unendlich weh. Aber natürlich konnte ich auch das nicht zeigen. Innen weinte ich, draußen lächelte ich. So gehörte sich das doch, oder?
Ich verstand es nicht, vielleicht weil ich mich nicht krank fühlte. Klar wurden die Werte immer schlechter, aber so ganz ohne Schmerzen und andere für mich fühlbare Symptome.

Irgendwann fiel die Entscheidung etwa so:
»Ihr Vater hat sich ja sehr für sie eingesetzt Frau G…. Wir haben entschieden, dass wir sie nach der Ausbildung übernehmen. Allerdings nicht in der 8er, sondern in der BAT 9b.«
»Mit der Ausbildung steht mir doch die 8 zu«, sagte ich.
»Ja«, meinte er. »Aber in ihrem speziellem Fall können sie dankbar sein, dass wir sie überhaupt übernehmen.«
Ich weiß nicht, ob ich mich bei ihm bedankte, aber ich glaube, dass ich das tatsächlich tat.

Um das mal zu erklären:
BAT 8 bekam ein ausgebildeter Angestellter.
Die 9b wurde für ungelernte bzw. Hilfsarbeiten vergeben.
Ich wurde also wegen meiner Krankheit einfach so runtergestuft, was sich auch erheblich auf den Verdienst auswirkte.
Und ich habe mich dafür bedankt. Ich schätze mal, das sagt viel über mein Selbstwertgefühl aus.

Zu Hause habe ich meinen Eltern davon erzählt, was nicht notwendig war. Mein Vater wurde davon bereits unterrichtet.
Ich dachte, dass man jetzt darüber diskutiert und sich alle aufregen. Aber die Einzige, die sich aufregte, war ich. Da fielen Worte wie:
»Du musst dankbar sein, dass du überhaupt übernommen wirst.«
»Dich nimmt doch sonst keiner.«
»Du hast sonst keine Chance.«
»Willst du ein Sozialfall werden?«

Ich hatte mich durch 3 Jahre Ausbildung gequält, was ich die ganze Zeit hasste. Und weil ich krank war, wurde ich auf eine ungelernte Kraft reduziert. Deshalb wurden diese 3 Jahre nicht anerkannt. Weil ich mit schlechten Nieren keine gute qualifizierte Arbeit leisten konnte.
Kam nur mir das seltsam vor?

Ach ja, und ich sollte dankbar sein.
DANKBAR!
Das Schlimme ist, dass ich angefangen habe, das zu glauben:
• Du musst dankbar sein
• Dich mag doch sonst keiner
• Wer nimmt dich denn sonst
Ich habe es geglaubt, und angefangen zu lernen, dass ich mit dieser Krankheit nichts wert bin.

Ich weiß noch, dass mein zukünftiger Chef meinte, dass es kaum 9b Tätigkeiten in seinem Büro gibt. Deshalb kann er nur schwer meine Tätigkeitsdarstellung schreiben. Dort werden die zukünftigen Aufgaben angegeben.
Ich lächelte. Was sollte ich auch sagen?
Es lag nicht in meiner Macht.
Ganz tief in mir schrie es nach Ungerechtigkeit. Aber
darüber legte sich, dass ich nichts mehr wert bin und natürlich die notwendige Dankbarkeit.

Nach den Abschlussprüfungen begann also ein neues Kapitel in meinem Leben.
OFFIZIELLE VFA!
Zum ersten Mal mit eigenem Schreibtisch und dazu gehörigem Stuhl.
Ich durfte eigenes notwendiges Büromaterial bestellen, was mir von der Poststelle gebracht wurde.
Ich war kein Azubi mehr, sondern Angestellte!
Wow! So sehr ich die Ausbildung auch hasste …
Ich war mächtig stolz auf diesem Stuhl, an diesem
Schreibtisch, auf dem mein Telefon mit eigener Nummer stand. Und dem Namensschild an der Türe: Frau G… VFA.
MEIN BÜRO!
Na ja, tatsächlich teilte ich es mit 2 Kollegen.

Und dann kam noch das Beste:
Die übergeordnete Dienststelle hatte entschieden, dass es nicht richtig war, jemanden mit einem schlechteren Abschluss mit BAT 8 zu vergüten. Mich mit besserem Ergebnis hingegen mit 9b.
Ich bin nicht sicher, ob das der wahre Grund war, oder ob es jemand von der ungerecht fand, mich wegen Krankheit runter zu stufen.
Offiziell wurde mir die Sache mit dem besseren Abschluss gesagt.
Jetzt war ich also eine richtige Angestellte mit einer Tätigkeitsdarstellung und richtiger Bezahlung.
Gibt es etwas Besseres?!

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