Veröffentlicht in Das Buch

8) Die Hochzeit Nr. 1

Mein Leben verlief, wie bei jedem gesunden Menschen auch. Für mich gab es da keinen Unterschied. Na ja, eigentlich dachte ich nicht so genau darüber nach.

Klar wurden die Werte schlechter. Dass die Dialyse unaufhaltsam näher rückte, sickerte langsam auch zu mir durch. Zum vernünftigen Teil in mir. Der Andere ignorierte das Ganze erfolgreich.
Ist das menschlich oder dumm? Na ja, vielleicht beides! 
Ich war jung und verhielt mich auch so.

Das Leben fragt nicht, wenn es uns Gutes in den Weg legt, das wir einfach so mitnehmen. Aber es fragt uns auch nicht, wenn es uns einen riesengroßen Scheißhaufen vor die Füße knallt. Einen Haufen, durch den wir uns durchschaufeln müssen.
Es fragt nicht, ob wir die Kraft dazu haben.
Das Leben gibt uns die Schaufel. 
Und wir benutzen sie, weil die Menschen diesen »natürlichen Überlebensinstinkt« haben.
Mann, wie oft ich diesen verflucht habe!
In Momenten von Schmerzen, Traurigkeit und Angst. In Momenten ohne Kraft, die Schaufel auch nur zu halten.

Keine Ahnung wie das ging.
Vielleicht, weil uns das Leben immer wieder Gutes in diesem Scheißhaufen versteckt. Dinge, die wir so bereitwillig annehmen. Ganz ohne Kraft. Nur bücken und aufheben.
Cool oder?!

Etwas, dass mir geschenkt wurde, war mein damaliger erster Ehemann. Wir waren 5 Jahre verheiratet. Man neigt ja bei solchen Dingen immer, das negative zu sehen. Klar gab es Gründe, warum es nicht funktionierte, aber es gab auch viele gute Momente. 
Wir hatten uns geliebt und geheiratet.

Auch wenn ich auf diese Jahre nicht zu sehr eingehen möchte, sei gesagt:
Manchmal funktioniert es eben nicht miteinander. Wobei eine Krankheit sicher dazu beiträgt.
Im Nachhinein glaube ich, dass ich heiraten wollte, weil ich glaubte, dass mit der Dialyse mein Leben vorbei wäre. 
Natürlich war ich damals auch sehr verliebt.
Aber von vorne.

D… war bei meinen Eltern in Ungnade gefallen. Ich glaube, der Grund war seine Herkunft. Zumindest wurde mir das anfangs sehr oft vorgehalten.

Ständig gab es Streit und ich hockte zwischen ihnen und meinem Verlobten.
Meine Krankheit schritt voran, was mich langsam immer mehr schwächte.
Als wir beschlossen zu heiraten, ging es mir bereits sehr schlecht. Ich konnte nicht mehr gut essen, mir war ständig übel und ich war kraftlos. Deshalb sollte es eine kleine Hochzeit werden, nur mit den Trauzeugen.

Als die Heirat immer näher rückte, wuchs das ungute Gefühl, dass meine Eltern nicht eingeladen waren. Trotz aller Streitereien und Vorwürfen war das nicht richtig.
Also lud ich sie telefonisch ein, was zu einem noch größeren Konflikt führte.

Unsere Version, so muss ich das wohl sagen, da die Darstellung meiner Eltern eine Andere ist.
Ich lud sie ein, gab ihnen die Adresse vom Rathaus und sagte, dass wir vor der Trauung Mittag etwas Essen gehen.
Ich ließ ihnen die Wahl, ob sie bereits mit uns zum Mittagessen kommen oder wir uns dann im Rathaus treffen. Danach würden wir alle in München, im Olympiaturm essen gehen.
Ich wollte alles richtig machen, deshalb ließ ich sie entscheiden. Mein Vater meinte, dass sie sich das überlegen werden.
Soweit so gut. Trotz aller Streitereien, und das darf man nicht vergessen, dass über meinen Verlobten kein gutes Wort fiel, hatte ich das gut gemeistert.
Das dachte ich. Zumindest für, na ja, ich denke so, eine halbe Stunde.

Dann kam der Anruf meiner Eltern. Und eben deren Version:
»Also, da du gesagt hast, dass es dir scheißegal ist, ob wir kommen, haben wir beschlossen, nicht zu kommen.«
Wir waren vollkommen irritiert. Nie kam auch nur ansatzweise das Wort ›scheißegal‹ vor.
Ich versuchte, meinen Eltern das zu erklären. Niemals, weder damals noch heute, würde ich so mit ihnen reden. Aber es half nichts. Sie blieben bei ihrem Standpunkt.
Ich hätte scheißegal gesagt, deshalb kommen sie nicht.
Ich war sehr traurig, konnte aber nicht viel darüber nachdenken, weil sich die Ereignisse überschlugen.

Mir ging es immer schlechter. Die Dialyse konnte ich bereits länger nicht mehr verdrängen. Das Problem war, dass es keinen freien Platz für mich gab.
Heute ist das anders, aber 1989 gab es nicht so viele Dialyseplätze.
Mir war das recht, da ich mit diesem Scheiß eh nicht anfangen wollte. Schon gar nicht vor meiner Hochzeit.
Das Leben ist dann ja schließlich vorbei. So viel stand fest.
War doch klar!

Mir war ständig übel und ich wurde immer schwächer. So hatte ich am 22. Juli die erste Dialyse.
Die 2. war tatsächlich an meinem Hochzeitstag.
Von 8:00 bis 12:00 Uhr Dialyse, dann umziehen und ab ins Standesamt. Vorher noch Bescheid gegeben, dass wir ein bisschen später kommen.
Was für ein Tag!

Aber auch wieder sowas. Ich hätte »nein« sagen können. Aber die Ärzte bestanden darauf und ich machte es.
Ich hatte die ganze Zeit gehofft, dass meine Eltern kommen würden.
Ich weinte sehr viel, bis ich endgültig begreifen musste, dass dieser Tag ohne sie stattfand.

Es ging mir erstaunlich gut, trotz der 2. Dialyse.
Die Trauung durch den Bürgermeister war, wie man es im Standesamt erwarten konnte.
Das Essen im Olympiaturm war traumhaft.
Wir waren zu viert. Ich, mit meiner Trauzeugin, er mit seiner Mutter A…, die auch seine Trauzeugin war. 
Sie wurde mit den Jahren eine gute Freundin.
Auch als die Ehe in die Brüche ging, war sie immer für mich da.

3 Kommentare zu „8) Die Hochzeit Nr. 1

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