Veröffentlicht in Das Buch

Frau X… und das Motorrad

Frau X.

Wir hatten eine Schwerbehinderten-Beauftragte in der Dienstelle. Da ich seit kurzem ›stolzer‹ Besitzer eines Schwerbehinderten-Ausweises mit ganzen 100% war, war diese Frau für mich zuständig.

Zudem war Frau X. ebenfalls Dialysepatientin und seltsamerweise bei den Kollegen und meinen Chefs die ärmste und kränkste Frau der Welt. Außer so etwa 35 Jahren war da also kein Unterschied zwischen ihr und mir.
Na ja, natürlich war ich die Böse. Zumindest dachte ich das damals.

Als ich also Frau X. im Gang traf, bat sie mich in ihr Büro, für einen kleinen Plausch. Nur mal so, wollte sie wissen, wie es mir geht, mit der Dialyse und mit der Arbeit.
Wir unterhielten uns, und klar, war ich naiv und dumm. Aber es tat gut, mit einer Gleichgesinnten zu reden. Über die Dialyse und auch den Problemen in der Arbeit.

Eigentlich ging ich mit einem guten Gefühl aus diesem Gespräch, aber mehr war es auch nicht. Eine Unterhaltung zwischen Kollegen, über die man nicht weiter nachdenkt.
Was für ein Irrtum!

Ein paar Tage vergingen, da musste ich zum Chef – schon wieder.
Ziemlich genervt überlegte ich, was ich – zumindest in seinen Augen – falsch gemacht hatte. Wieder eine Schikane?
Da stand ich also und wartete auf den üblichen Anschiss, aber der kam nicht. Stattdessen verlief das etwa so:

ER: »Fühlen Sie sich hier wohl?«
ICH: »Natürlich.«
ER: »Denken Sie, Sie werden hier schlecht behandelt?«
ICH: »Natürlich nicht.«
Na ja, das stimmte zwar nicht, aber das musste er ja
nicht wissen.
ICH: »Habe ich mich irgendwie beschwert?«
Da zog er ein Blatt Papier DIN A4 mit den Worten:
»Ich habe da einen Brief«, hervor.
ICH: »Und???«
ER: »Sie haben sich bei der Schwerbehinderten-Beauftragten beschwert.«
Ich: »Nein, das habe ich nicht. Ich habe mich mit ihr unterhalten.«

Tja, und in dem Moment fiel mir ein Dampfhammer um die Ohren.
Ein Beschwerdebrief, mit den Tatsachen, über die ich mit Frau X… nur mal so eine zwanglose Unterhaltung führte. Und dabei hat sie nichts ausgelassen.
WAS FÜR EIN SHIT!

Ich versuchte, meinem Chef zu erklären, dass ich vollkommen ahnungslos war, aber es nutzte nichts.
In dem Moment, als ich aus seinem Büro trat, teilte er ALLEN Kollegen im Stockwerk eine Kopie des Briefes von Frau X… aus. Nun wussten alle, dass ich mich nicht wohl und ungerecht behandelt fühlte.
Shit! Shit! Shit!
Wie konnte ich nur so dumm und naiv sein!
Wenn ich dachte, dass meine Situation unerträglich war, so lernte ich ab diesem Zeitpunkt, wie viel mehr ich noch aushalten konnte.

Aber erst mal musste ich diese Aktion mit Frau X… klären.
Stockwütend raste ich das Stockwerk nach unten zu ihrem Büro, klopfte und trat ein.
Und dann?
Fluchte und schrie ich, schiss die Frau zusammen, machte ihr Vorwürfe, warum sie das geschrieben hat. Der Misst, der gerade durch das ganze Haus ging.
Glaubst du das wirklich?

Tja, da stand diese alte Frau, grinste wie ein Honigkuchenpferd und meinte freudig:
»Ich habe einen Brief geschrieben. War das nicht eine gute Idee? Jetzt wird es bestimmt besser.«
Ich weiß nicht mehr, was ich genau antwortete. Aber ich lächelte und sagte sowas wie:
»Danke«, und
»Ja klar, kann helfen.«

WO WAR DIE WUT HIN?

Warum konnte ich dieser alten, kranken Dame nicht sagen, dass das, was sie gemacht hat, einfach Misst war. Dass diese Riesen Scheiße mein Leben noch viel schlimmer machen würde.
Stattdessen lächelte ich. Bedankte mich höflich. Weil ich naiv und dumm war? Oder einfach zu nett?

Tja, ich hatte recht. Schlimmer geht immer.
Meine Arbeitswelt wurde unerträglich.
Mir wurde heiß, alleine bei dem Gedanken daran. Da alle Kollegen den Brief kannten, fühlte ich mich wie in einem Spießrutenlauf. Jeder Blick war eine Qual. Ich freute mich auf die Dialysetage. Alles Kotzen war besser, als der bloße Gedanke an mein Büro.
Na ja, sterben wurde zu einer immer besseren Wahl.

Ich war nichts wert, davon war ich überzeugt. Naiv, dumm, wertlos. Das stand für mich fest. Das Leben bestand aus Dialyse und Arbeitshorror im Wechsel. Keine Freude passte zwischen die Mühlensteine. Die Frage, warum ich das mitmachen sollte, wurde immer lauter.

Das Motorrad

In diesem Chaos meiner Gefühle meinte mein Arzt:
»Du machst die Dialyse, um zu leben. Aber so, wie du lebst, kannst du auch gleich mit dem Scheiß aufhören.«
Ich dachte: ›Was für ein Arsch!‹ und ›wie kann dieser Idiot einfach so etwas sagen‹. War ein Aufhören ja mit dem Tod gleichzusetzen. Und das sollte ein Arzt nicht sagen, oder?
Auch wenn ich zu dieser Zeit oft über diese Option nachdachte.

Nun ja, so eine halbe Nacht von Freitag auf Samstag war ich echt wütend.
Der Arzt war für mich eine Vertrauensperson, den ich sehr schätzte. Warum also diese unverschämte Rede?
Ganz einfach – es war die Wahrheit.
Ich machte die Dialyse, weil ich nicht sterben wollte. So süß der Tod oft an meine Tür klopfte, ich wollte leben.
Wenn ich mir also 3 Mal die Woche gefühlt die Seele aus dem Leib kotzte, warum fing ich nicht die restliche Zeit an, zu LEBEN?
Der Arzt war gar kein Idiot. Den Rest der Nacht von Freitag auf Samstag dankte ich ihm still.

Durch Zufall sah ich, dass am Sonntag in der EDer Stadthalle eine Motorrad-Ausstellung war.

Nur mal so hingehen und gucken. Wenn sowas schon mal in der Stadt war.
Durch die Halle schweifend begeisterte sich mein Mann für die viel zu hohen Rennmaschinen, die derzeit modern waren. Nie im Leben könnte ich Zwerg darauf sitzen, oder gar die Füße auf den Boden stellen. Mal abgesehen davon, dass ich viel zu viel Angst vor dem Motorradfahren hatte.

Und dann sah ich sie …
Unter all den Rennmaschinen …
Ein Chopper … klein … blau … Suzuki Savage.
Es war liebe auf den ersten Blick.

Obwohl ich keinerlei Bezug zu Motorrädern hatte, außer, dass ich sie gerne ansah.
Nie im Leben hätte ich mich getraut, einen Motorradführerschein zu machen.
Aber da stand sie!

Ich setzte mich und stellte die Füße auf den Boden. Ganz selbstverständlich. Diese Maschine passte wie angegossen und war, ganz klar, für mich bestimmt.
Ich musste mein Auto verkaufen und einen Kredit aufnehmen – ganz egal.
Diese Suzuki Savage musste meine werden!
Noch vor Ort kündigte ich meinen Kauf an.
Diese Maschine. Keine Bestellung, es sollte genau DIESE sein.

Überglücklich ging ich am Montag zu Dialyse und erzählte dem Doktor von meiner neuen Errungenschaft. Er grinste von einem Ohr zum anderen und gratulierte mir zu meinem neuen Leben.
Alle anderen waren übrigens entsetzt. Das war mir egal. Ich hatte etwas, das schöner war als sterben. Etwas, an dem ich mich festhalten konnte.

So schnell wie möglich machte ich den Motorrad-Führerschein.
Wobei ich mich sehr lebhaft an meine erste Stunde erinnere. Da saß ich mit einer Maschine auf dem Schwimmbad-Parkplatz. Der Fahrlehrer erklärte mir Kupplung und Gas.
Ich hatte so viel Angst, dass ich jedes Mal, wenn das Motorrad anfing zu fahren, panisch bremste. Der Lehrer amüsierte sich und lachte:
»Das ist der Sinn der Sache. Du willst doch fahren.«
Und das wollte ich.
Also Panik beiseite!
Mutig fuhr ich ein paar Runden auf dem Parkplatz. Ganz langsam löste sich die Angst und ich konnte auf die Straße.

Es war Winter und es schneite an meinem ersten Prüfungstag. Noch bevor ich antrat, meinte mein Fahrlehrer:
»Es tut mir leid, aber du wirst heute durchfallen. Dieser Prüfer lässt keine Frau durch die Motorradprüfung.«
Und genau so war es.

Auf dem verschneiten Parkplatz sollte ich enge Kurven fahren, was kein Problem war. Nur war unter dem Schnee Glatteis und ich fuhr die Kreise nicht eng genug. Das war für den Prüfer der Anlass, mich durchfallen zu lassen.

2 Wochen später war es dann so weit. Ich bestand. Mein Motorrad und ich, eine Einheit.
Ich liebte es. Auch wenn ich im Winter, bei Eiseskälte in die Arbeit fuhr. Schließlich musste ich ja mein Auto opfern. Und, nach allem Glück komme ich zu Punkt 2. Der
zweite Fehler in meiner Arbeitswelt.

Kranke dürfen nicht Motorrad fahren!
Ab da war ganz klar, dass mit der Krankheit von Frau Falk – mir – etwas nicht stimmen konnte.
Erst mal war sie noch so jung, da war man eigentlich ja nicht krank. Und dann bekam sie für 5 Tage Geld, obwohl sie nur 3 Tage arbeitet. Tja und jetzt fuhr diese Frau – ich – auch noch Motorrad.

Unmöglich für meine Kollegen und Chefs.

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