Veröffentlicht in Das Buch

12) Verzweiflung und der Kaliumvorfall

Verzweiflung
Das Leben ging wieder weiter …

Mittlerweile musste ich mein Motorrad verkaufen, weil mir durch die lange Dialysezeit die Kraft fehlte.
Ich weinte sehr, als der neue Besitzer mit ›meiner‹ geliebten Maschine wegfuhr.

Und ich war ganz offiziell von meinem Mann getrennt. Es war ganz friedlich. Er suchte sich eine Wohnung, wir teilten Hausstand und Finanzen – das war’s.
Ich wohnte weiter in der Dienstwohnung.

Einmal, wir waren bereits getrennt, fuhr ich mit meinem Ex-Mann im Auto irgendwo hin. Er zeigte auf einen Mann auf der Straße und meinte:
»Ach, da läuft der J. mit seinem Jungen.«
Ich sah den Mann an: Groß, breite Schultern, dunkle Haare, Vollbart und dachte:
»Wow, was für ein Mann.«
Das krasse Gegenteil von meinem Ex neben mir. Diesen Vorfall habe ich schnell wieder vergessen und lebte, zwischen Ordner beschriften und Dialyse.
Auch wenn ich beim Ordnerbeschriften keine Fehler machen konnte, war das Leben unter meinen Kollegen nicht schöner.

Ich stand ständig unter Druck, wollte raus aus diesem Leben, was mir eher wie eine minimale Existenz vorkam.
Uns Dialysepatienten wurde gesagt:
Sollten wir dort nicht erscheinen, würde die Polizei gerufen und wir würden von ihnen zur ›Zwangsdialyse‹ gebracht.
Ich weiß nicht, ob das wahr war, aber ich glaubte es. Deshalb schmiedete ich den Plan, wegzufahren, in irgendein Hotel auf der Welt, wo ich mich versteckte. Einfach warten was passiert, so ganz ohne Dialyse.
Wie lange es dauern würde?
War es schmerzhaft?
Noch ein paar schöne Tage, bevor das Unvermeidliche kam.

Der Kaliumvorfall

Bei uns im Dialysezentrum wollte sich ein Mann umbringen. Aus Erzählungen weiß ich, dass er sich erst die Pulsadern in der Toilette aufschnitt, aber noch rechtzeitig gefunden wurde.

Bananen haben sehr viel Kalium, was Dialysepatienten nicht verarbeiten können. Das macht die Muskeln schwach, wenn der Wert zu hoch wird.
Und da das Herz ein Muskel ist …

Dieser Mann sperrte sich in ein Zimmer und aß Bananen, bis er an einem zu hohen Wert starb. Sein Herz blieb stehen.
Wir Patienten fanden diese Todesart gar nicht so übel. Aber die Ärzte meinten, dass es wohl eine qualvolle Art zu sterben war.
Ob das stimmte?

Auf die Frage, wie das wäre, wenn man mit der Dialyse aufhört, erzählte man uns die Sache mit der Polizei.
Ich war mir sicher, dass ich diese Scheiße nicht länger mitmachen wollte.
Arbeit – Dialyse – Arbeit – Dialyse ….
Das Ganze seit etwa 6 Jahren.

Ich brauchte eine Pause, aber die gab es nicht, niemals für mich.
Erschwert kam hinzu, dass die Kotzerei bei der Dialyse zwar aufhörte, aber ein anderes Problem auftauchte. Durch die Umstellung auf Bicarbonat bekam ich rasende, migräneartige Kopfschmerzen.
Nach jeder Dialyse.
Dreimal die Woche hockte ich im dunklen Raum und nahm immer höhere Schmerzmittel.

Raus!
Weg von hier!
Weg aus der Krankheit.

Aber der einzige Weg war, raus aus dem Leben.
Aber was passierte genau, wenn ich in irgendeinem Hotel auf dieser Welt auf das Sterben wartete? Und da war er ja noch, dieser verflixte ÜBERLEBENSINSTINKT, den uns das Leben mitgab.

Wie sollte ich den ausschalten?
Und die Angst, zu sterben.
Ob qualvoll oder schnell, was passierte nach dem Ende in dieser Existenz?

Und in dieser ganzen Verzweiflung brauchte ich ein Fliegengitter …