Veröffentlicht in Das Buch

14.1) Vom Fliegengitter zum Glück

Direkt vor meinem Badezimmerfenster baute man eine Lampe. Durch das Licht im Raum, und dem zusätzlichen draußen, kamen so allerhand Insekten in die Wohnung.
Die Lösung – ein Fliegengitter.

Da das bei diesem Fenster nicht so einfach war, rief ich meinen Ex-Mann an, der mir sagte, wo er sich abends mit Bekannten traf. Ich fuhr da hin und erklärte ihm das Problem.
»Die Katzen drehen voll durch, mit den vielen Insekten. Aber durch das Katzenklo muss das Fenster ja offenbleiben.«
Spontan sagte er:
»Frag mal den J…, der kann sowas, glaube ich«, und zeigte auf einen Mann, der sich unterhielt.

Da war er: Groß, breite Schultern, dunkle Haare, Vollbart.
Der Mann von neulich, im Auto.
Und was für ein Mann!
»Ich glaub, ich trau mich nicht«, sagte ich.
»Frag ihn einfach, er ist nett«.
Also ging ich hin und starrte ihn dabei an. Ich konnte
einfach nicht damit aufhören.
Ob er es merkte?

Schüchtern stellte ich mich vor und erklärte ihm mein Problem.
Spontan meinte J…, dass er am nächsten Tag zum Ausmessen kommen würde.
Mann, war ich nervös.

Diese ganzen ›Schmetterlinge im Bauch‹, die gibt es wirklich. Und dass es einem nur beim Gedanken an jemanden ›warm ums Herz‹ wird, tja, das gibt es auch. Obwohl es dafür keinen Grund gab.

Erst mal war ich nicht allzu lange von meinem Mann getrennt und hatte vor, mit meinen 3 Katzen alleine zu bleiben. Und zum Zweiten hatte J… ja laut meinen Ex-Mann einen Jungen, was wohl hieß, dass er verheiratet war.

Aber sag das mal meinem Kopf, Herz, Magen. Einfach alles spielte verrückt, nur bei dem Gedanken an die wunderschönen Augen dieses Mannes.

Er kam wie versprochen zum Ausmessen und wir unterhielten uns noch bei einer Tasse Tee.

Die meisten Dialysepatienten dürfen nicht viel trinken. Ich gehörte auch dazu. Bei keiner Ausscheidung sind es offiziell 500 ml am Tag.
Es hat so gutgetan, mit J… einen Tee zu trinken, da war mir mein ›Wasserhaushalt‹ vollkommen egal.

Wir kamen uns immer näher, und ich erfuhr, dass er sich gerade von seiner Freundin trennte. Später betonte er, dass es nicht wegen mir war und ich hoffte, dass es auch wirklich so war.

Einmal, da wusste ich noch nicht so recht, was mit uns beiden so war.
Also klar, ich liebte ihn.
Aber er?

Ich hatte mit J… auch noch anderen Besuch, den er nach Hause fahren wollte. Als alle draußen waren schloss ich die Türe. Da kam er nochmal rein, küsste mich ganz schnell hinter der Türe und ging wieder.
Das war mein erster Kuss von ihm.

Ich schwebte durch die Wohnung und war der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Und ja, dass es ›kribbelt‹ bei der kleinsten Berührung oder bei einem kurzen Blick, das gibt es auch.
Das passiert noch heute, nach über 20 Jahren.

Bald darauf zogen wir in unsere erste gemeinsame Wohnung.
Meine Eltern waren nicht begeistert. Zum ersten, weil es nicht sein konnte, dass man so kurz nach einer Trennung wieder ›den Nächsten hat‹, wie sie es ausdrückten.
Und zum Zweiten, das habe ich nie vergessen, meinte meine Mutter:
»Ich wette mit dir, dass J… nach spätestens 5 Jahren geht, weil es wegen deiner Krankheit eh keiner mit Dir aushält. Gewöhn Dich dran, dass Du alleine bleibst.«

Mann, war ich beleidigt. Ich wollte nicht einsehen, warum ich nicht glücklich sein durfte, auch mit Krankheit.
Natürlich ließ ich mir nichts anmerken.

Mit der Zeit gewöhnten sie sich an meinen neuen Freund, den ich so sehr liebte, und das heute noch.

Einmal fuhren wir in den Bayerischen Wald, wo meine Eltern eine Ferienwohnung hatten.
Wir gingen am Abend in eine kleine Wirtschaft, sowas wie eine Skihütte.
Nach gutem Essen landeten wir an der Bar und tranken das ein- oder andere Schnäpschen.
Es ging lustig zu. Ich kann mich noch an einen Geckoschnaps erinnern, da war das Tier tatsächlich eingelegt. Ich weigerte mich standhaft, diesen auch nur zu probieren.

Also, es war zünftig, als der Standesbeamte des Dorfes kam und jemand, ich weiß nicht wer, die Idee hatte, dass wir doch gleich hier in der Wirtschaft heiraten könnten.
Ich war mir nicht sicher.
Wir hatten etwas mehr getrunken und ich wollte nicht heiraten, wenn sich mein Mann am nächsten Tag nicht mehr daran erinnerte. J… versicherte mir, dass dies nicht der Fall sein würde, und fragte mich ganz offiziell, ob ich seine Frau werde.
Ringe wurde auch gefunden.
Das ganze scheiterte dann, weil wir keine Geburtsurkunden dabei hatten.
Na ja, wer denkt schon an sowas, wenn man in den Urlaub fährt.

Da wurde der Grundstein für unsere Hochzeit gelegt.
Beim nach Hause fahren fuhren wir bei meinen zukünftigen Schwiegereltern vorbei, um ihnen die frohe Nachricht zu überbringen.
Eigentlich nahmen sie es gut auf, dachte ich zuerst.
Aber als J… zur Toilette ging, sagte seine Mutter, was mir wohl einfällt, ihren Sohn zu heiraten.
»Du mit deiner Krankheit. Ich komme auf keinen Fall zu der Hochzeit.«

Ich weinte im stillen, als J… wieder ins Zimmer kam. Ich wollte nicht, dass er das erfuhr. Erst nach vielen Jahren habe ich ihm davon erzählt.
Sie kam natürlich zu unserer Hochzeit. Und ich hatte nie wieder ein Problem mit ihr.

Verlobt haben wir uns am 19. Mai 1998 in dem kleinen ›Kapellerl‹ neben dem Regensburger Dom. Nur wir zwei, ganz still tauschten wir Ringe. Das war wunderschön. Ich war so glücklich. Wenn ich auch Schwierigkeiten hatte, rückte die Krankheit nach hinten.
Da war J… und ich, und die Hochzeit.

Weil ich meine Familie mit meiner ersten Heirat ja enttäuscht hatte, wollte ich diesmal alles richtig machen.
Im Nachhinein war das falsch, aber wer weiß das schon.

Ich musste Cortison nehmen, weshalb ich sehr viel zugenommen hatte. Dazu kam noch der dicke Bauch von
der Transplantation (Nächstes Kapitel).

Ich ging mit meiner Mutter in München einkaufen, bzw. versuchten wir es.
Ich erinnere mich gut an diesen Tag. Es war extrem heiß, dass mein Kreislauf versagte. Erschöpft saß ich in dem Kaufhaus und war verzweifelt. Es gab einfach nichts, was mir passte. Und mit Hose wollte ich nicht heiraten. Es musste doch ein Kleid geben, in dem ich gut aussah.
Meine Mutter schlug vor, Rock und Weste aus Seide zu nähen.
Mit Seidenmalerei, das konnte sie.

Es war eine sehr gute Arbeit, das war mir klar.
Nur, es gefiel mir nicht.
Aber wie konnte ich ihr das erklären, nach all der Mühe.
Ich sagte es ihr natürlich nicht. Schließlich wollte ich ja alles richtig machen, bei meiner Familie. Und was sollte ich anderes anziehen, bei meiner Figur.
Also rein in die Klamotten!