Veröffentlicht in Das Buch

15.1) Spenderniere/ Die Frage/ Das Warten

Die Frage

Als ich zur Dialyse kam, wurde ich gefragt, ob ich transplantiert werden möchte.
»Klar«, hab ich gesagt.
Ich war jung, und was sprach dagegen.

Zuerst musste ich eine Menge Untersuchungen durchstehen.
HNO, Zahnarzt, Kardiologe, Urologe (was ich ganz sicher nie wieder machen werde), allerlei Röntgen und Ultraschalluntersuchungen.
Tja, offensichtlich musste man rund um gesund sein, abgesehen von der Tatsache, dass die Nieren den Geist aufgegeben haben.

Eigentlich habe ich mir bei der Sache mit der Spenderniere nicht viel gedacht.
Natürlich wusste ich, dass jemand sterben musste. Aber so richtig nachgedacht habe ich da nicht.

Die Niere meiner Mutter
Meine Mutter hat die gleiche Blutgruppe und wollte mir ihre Niere spenden.
Mal ernsthaft, das war keine Option für mich – niemals!
Warum nicht?
Viele würden so ein Angebot dankbar annehmen. Aber ich war zwar dankbar, aber lehnte strikt ab.

Da war die Tatsache, dass ich meine Eltern liebte. Trotz aller Streitereien.
Wie konnte ich also von jemanden, den ich liebte, verlangen, sich dieser nicht einfachen Operation zu unterziehen?
Was, wenn etwas schief ginge. Ich die Niere hätte, und meine Mutter schwer krank, oder gar die OP nicht überleben würde?
Ich habe gelesen, dass viele Spender mit Nebenwirkungen zu kämpfen hatten.

Oder mal angenommen, es würde alles gut gehen, meine Mutter aber mit nur einer Niere in der Zukunft, durch einen Unfall oder Krankheit, die 2. Niere dringen benötigte.
Alles Schwarzmalerei, ganz klar!

Ich bekam von meinen Eltern einige Wochen immer wieder Zeitungsartikel über Transplantationen von Bruder, Mutter, oder Vater. Da ging alles gut. Natürlich, sonst hätte man es ja nicht in die Zeitung geschrieben.

Eigentlich schade. Da würde ich mir mehr ehrliche Berichte wünschen.
Mein Standpunkt war klar.
Ich konnte dieses riesen Opfer und Geschenk meiner Mutter nicht annehmen. Ich konnte das einem Menschen, den ich liebte, nicht antun. Zu groß war die Angst, dass etwas passieren würde.
Niemals!
Irgendwann hatten das meine Eltern akzeptiert.
Nicht verstanden, das war klar. Aber was sollten sie auch machen?!

Das Warten
Also wartete ich, bis ich auf der Liste von Eurotransplant nach oben rutschte. Bis ich auf Platz 1 war und der Anruf kam, der die Dialysezeit beenden würde.

Wir warteten alle in unserem Zimmer.
6 Dialysepatienten, die eine Niere brauchten. Und natürlich unterhielten wir uns darüber.

Da war eine Frau, sie war sehr nett. Ich besuchte sie mal. Sie hatte ein tolles Haus, einen Mann und bereits erwachsene Kinder. Ach ja, und einen Hund.

Als das Thema ›wir warten auf eine Spenderniere‹ aufkam, sagte sie:
»Ich hoffe, dass bald jemand stirbt, damit ich besser leben kann.«
Alle waren entsetzt über ihre Wortwahl.
»So kann man das nicht sagen«, meinte Herr KR… empört.
»Warum nicht«, dachte ich, ohne etwas zu sagen.

Genau das war es doch. Ganz egal, welch schöne Worte wir benutzen.
Letztlich war es genau das, was die Frau sagte.
Wir alle warteten darauf, bis der richtige Mansch sterben wird. Bis die vielen Menschen sterben, damit wir bei Eurotransplant nach oben rutschten.

Ich hatte davor nicht darüber nachgedacht. Nicht so konkret.
Ich hatte das Gefühl, dass dieser Mensch, wer es auch immer sein mag, für mich sterben müsste.
»Schrei jetzt nicht«, dachte ich.
Natürlich wusste ich, dass das nicht der Fall war, dass es das letzte große Geschenk war, das ein Mensch machen konnte. Und dass er, oder seine Familie, sich bewusst dafür entschieden haben.

Na ja, da ist die Sache mit dem Kopf und dem Herz.
Der Verstand war klar, aber meine Gefühle sagten mir, dass ich nicht länger warten konnte, bis der passende Mensch für mich sterben würde.
So unsinnig sich das auch anhört.
Keinen einzigen Tag mehr!

Ich ging zu meinem Arzt, Doktor HL…, und erklärte ihm, dass ich gerade nicht bereit war, eine Spenderniere zu bekommen.
Ich sagte sowas wie, dass ich meine Katzen nicht hergeben will, was man nach einer Transplantation sollte, wegen der Infektionsgefahr.
Ich glaube, heute ist das nicht mehr so, aber sicher bin ich nicht.

Der Doktor erklärte mir, dass man sich NT melden kann. Derzeit nicht Transplantierbar, auf eigenen Wunsch.
»Machen Sie das«, sagte ich.
Es war einfacher, als ich dachte.
Und der ganze Druck fiel von mir ab.
Das ganze Nachdenken, über das warten, bis der passende Mensch stirbt.
Und ich war leichter, zufriedener. Alles war gut, so wie es war.
Ich lebte gut mit der Dialyse.

Von meiner Entscheidung wusste niemand, außer der Doktor und ich.
Bis ich mit J… meine Zukunft plante, und ich mir mit ihm ein Kind wünschte. Beinahe unmöglich mit Dialyse.
Und ein Kind, würde das die Sache nicht rechtfertigen?
Also sagte ich Dr. HL…, er solle den NT-Status beenden und mich transplantierbar melden.

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