Veröffentlicht in Das Buch

15.2) Der Anruf

Es dauerte nicht lange, da klingelte bei uns spät abends das Telefon. Dr. NE… war am Apparat. Die freudige Nachricht:
»Sie bekommen die Spenderniere.«
»Nein, ich will das nicht«, sagte ich und wollte auflegen.
J… hat sich noch mit dem Doktor unterhalten.
Keine Ahnung was. Ich flüchtete ins Schlafzimmer, vollkommen durcheinander.
Er kam zu mir und erklärte, dass wir den Doktor gleich nochmal anrufen sollten, um ihm meine Entscheidung mitzuteilen.

Mein Herz schrie: »Nein, Nein,Nein.«
Aber da war noch der Verstand, und mein sehnlichster Wunsch.
»Wir versuchen das mit dem Kind?«, fragte ich J…. »Versprochen, wir machen das, okay?«
»Ja«, sagte er. »Ja, aber es ist ganz alleine Deine Entscheidung. Du musst das wissen.«
Also entschied ich mich dafür, obwohl ich im Grunde nicht bereit dazu war.
Aber schließlich wollte ich mit ihm ein Kind. Das größte Geschenk zweier, die sich lieben.

Wir fuhren nach GN… ins Krankenhaus. Dort wurde ich untersucht, und es wurde eine Menge Blut abgenommen.
Nachdem man feststellte, dass ich für die Transplantation geeignet war, begann das Warten auf die Operation.

Mann – hatte ich Angst. Ich wusste ja gar nicht, was so auf mich zukam.
Eine Schwester merkte meine Aufregung und gab mir eine Tablette, damit ich schlafen konnte.
Am nächsten Morgen ging alles so schnell, dass ich mich nur an das Wecken vor der Operation und an das Aufwachen danach erinnere.
Das war auf der Transplantationsstation.
Ein Zimmer mit einem Mann, getrennt durch einen Vorhang

Nach der OP
Die neue Niere funktionierte hervorragend. Ich brauchte keine Dialyse mehr. Bereits 3 oder 4 Tage nach der Transplantation waren meine Blutwerte beinahe normal.

Aber ich war nicht normal.
Ständig musste ich an die Person denken, die sterben musste. Der ich zu verdanken hatte, jetzt ohne Dialyse zu leben.

Und so sehr mein Verstand sagte, dass dieser Mensch nicht wegen mir gestorben war, mein Gefühl war genau das Gegenteil. Ich lebte, und jemand ist dafür gestorben.
Zumindest profitierte ich von seinem Tod.

Ich habe das einem netten Arzt gesagt, der in das Zimmer kam. Der meinte, ich sollte mir darüber keine Gedanken machen.
»Derjenige ist nicht für Sie gestorben.«
Und da hörte ich es zum ersten Mal:
»Sie sollten dankbar sein, und glücklich.«

Am 2. Tag bekam ich Schmerzen im Bauch. Und da war ein Gefühl, das ich nicht einordnen konnte. Ich bekam Angst und klingelte nach einer Schwester. Nachdem ich ihr meine Symptome erklärte, lächelte sie und meinte:
»Probieren Sie es mal mit der Toilette. Sie müssen Wasser lassen.«
Pinkeln, so einfach war das.
Grinsend kam ich aus dem Klo.
»Keine Sorge, das passiert vielen Nullausscheidern«, meinte die Schwester lächelnd.
Ich war so lange ein sogenannter Nullausscheider, jemand, der schlicht und einfach nicht mehr pinkeln konnte, dass ich das Gefühl vergessen hatte.
Wenn die Blase voll war, und geleert werden wollte.
Und es war wirklich ein tolles Gefühl.
Manchmal wartete ich darauf, und genoss es, wenn ich zur Toilette musste.

Ich durfte wieder trinken. Noch besser, ich sollte trinken, so viel es mir möglich war.
Und egal was.
Ich durfte Cola trinken und Chips essen.
Trinken und Essen, was ich wollte.
WOW!

Das war so großartig. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit.
Krass, bombastisch, wundervoll.
Alles, was ich hier schreiben könnte, würde dieses Feeling nur im Entferntesten erklären.
Aber dennoch war da dieses – na ja – fast schlechte Gewissen, weil dieser Mensch sterben musste, für mich.

Und glaube mir, wenn ich es heute hier so aufschreibe, klingt es schon ein wenig verrückt. Aber ich war in diesem Zwiespalt zwischen Freude und schlechtem Gewissen.
Das war sehr schwer.

Meine Eltern besuchten mich im Krankenhaus. Ich freute mich. Als sie fragten, ob man in der Arbeit schon Bescheid wusste, sagte ich:
»Nein, ich hab mich nur krank gemeldet. Niemand weiß warum. Und ich möchte, dass es erst mal so bleibt.«
»Wieso?«, fragte einer von ihnen.
»Ich muss mit der Situation erst mal selbst klar kommen.«
Ich weiß noch, dass sie es nicht verstanden. Schließlich wäre das ja kein Geheimnis. Ich sollte – und da war es wieder:
Dankbar und glücklich sein.
»Das bin ich«, sagte ich. »Trotzdem sollte es noch keiner wissen.«

Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf von meiner Freundin und danach von meinem Kollegen MD….
Ich war irritiert, da ja eigentlich niemand etwas wusste. Schon gar nicht wie ich telefonisch erreichbar war und fragte Karin:
»Woher weißt Du, wo ich bin?«
Die Antwort traf mich wie ein Donnerschlag.
»Deine Eltern haben alle angerufen.«

Ich war wütend und stellte meine Eltern zur Rede.
Mein Vater war dran und erklärte mir, dass man das ja nicht verheimlichen konnte.
»Davon war nie die Rede. Ich sagte, dass ich noch Zeit brauche, um mit der Situation erst mal selbst klar zu kommen.«
Sie haben es nicht verstanden. Das war nicht ungewöhnlich, wir waren oft anderer Meinung. Aber ich dachte, dass sie meinen Wunsch respektieren würden.
Ich hatte mich leider geirrt.

Natürlich sprach es sich rum und ich bekam immer wieder zu hören, wie dankbar und glücklich ich sein musste.
»Ja klar, das bin ich«, war jedes Mal meine Antwort.