15.3) Kreuth / Das Leben danach

Bereits nach 2 Wochen wurde ich von GN… entlassen und nach Kreuth geschickt.
Nicht in das schöne Kurhaus an der Hauptstraße, sondern weiter den Berg rauf.

Man erzählte mir, dass es eine ehemalige Sterbeklinik war. Und genau so sah es dort aus.
Ich sah ein Zimmer, ein kleines Kämmerchen, gerade mal ein Bett und darüber ein Kreuz. Das erinnerte mich tatsächlich an ein Sterbezimmer.

Das Durchschnittsalter der Patienten betrug so um die 90 Jahre.
Kein Kiosk, kein Café. Da war rein gar nichts. Es gab auch keinerlei Behandlung oder so etwas. Ich war irgendwie nur aufgehoben.

Zum Glück war J… beinahe täglich bei mir und fuhr mich zu einem Café im Dorf. Etwas anderes sehen, als alte, kranke Menschen. Ich freute mich immer sehr, wenn er kam.
Nach 2 Wochen habe ich den Arzt in GN… angerufen und ihm gesagt, dass ich es nicht mehr aushalte.
»Das verstehe ich«, meinte er. »Sie können nach Hause.«
Sofort rief ich J… an, der sich gleich auf den Weg machte und mich holte.
Ich habe gehört, dass es dieses Haus nicht mehr gibt.
Was für ein Glück!

Verhalten zu Hause
Noch in GN… wurde ich aufgeklärt, was zu tun war, da mein Immunsystem durch die Medikamente gedämpft wurde. Das musste so sein, damit die Niere vom Körper nicht abgestoßen wurde.
Es waren 2 Ärzte mit unterschiedlichen Meinungen.

Der Erste erklärte, dass ich draußen immer einen Mundschutz tragen sollte. Am Besten die ersten paar Monate die Wohnung nicht verlassen und wenn mein Mann mal krank sein sollte, musste ich mich oder ihn ausquartieren.
Ach ja, und die Vögel, die wir hatte, sollte ich weggeben.
Ich war nach dem Gespräch sehr traurig. Sollte ich doch nicht nur unsere Vögel, sondern auch meine Freiheit verlieren.

Bei der nächsten Visite kam ein anderer Arzt.
Ich sprach das Thema nochmal an. Und dieser Doktor hatte eine vollkommen andere Meinung.
Da wir die Vögel bereits länger hatten, war mein Immunsystem daran gewöhnt.
Die konnten also bleiben.
Und sich von allem abschotten war falsch. Ich sollte ruhig aus dem Haus gehen, schließlich musste das Immunsystem eine gewisse Menge aushalten.

Er erklärte:
»Wenn der Briefträger erkältet ist und ihnen einen Brief bringt und vorher niest, dann bekommen Sie genauso die Vieren ab.«
Lächelnd meinte er:
»Leben Sie einfach weiter so, wie bisher.«

Das hörte sich viel besser an, als das erste Gespräch. Was nun von beiden richtig war, weiß ich nicht. Ich denke, es wird wohl der Mittelweg sein.
Ich beschloss, weiter zu leben, wie bisher.

Leben danach
Von Kreuth erst mal ins nächste Kaufhaus und neue Klamotten kaufen, ohne Mundschutz. Mir hat das nie geschadet. Wir lebten wie bisher, nur ohne Dialyse.

Das Problem war, dass ich in rasender Geschwindigkeit zunahm.
Die ersten 10 Kilo fand ich noch ganz witzig. Ich wog gerade mal 40 kg und wusste von anderen, dass man nach der Transplantation etwas an Gewicht zulegte. Da war mit 158 cm Körpergröße noch Luft nach oben.
Aber das hörte nicht auf.

Mein Gesicht schwoll vom Cortison zu einem Basketball an.
Wenn ich in den Spiegel schaute, kannte ich die Person, die ich sah nicht mehr.
Es war natürlich auch meine Schuld.
Als ich an der Dialyse war, konnte ich essen, was ich wollte, oder eben durfte, und habe kein Gramm zugenommen.
Jetzt gab es keine Einschränkungen mehr wegen Phosphat oder Kalium.
Und es schmeckte alles viel besser.
Durch das Cortison bekam ich Heißhunger-Attacken und hatte ständig den Drang, etwas zu essen.
Dem zu widerstehen war schwer.

So wurde ich immer runder, bis ich stolze 70 kg auf die Waage brachte.
Von 40 auf 70, in nicht mal einem Jahr.
Ich hasste das!
Wer war diese Person im Spiegel?

Nicht nur, dass ich immer mehr wurde. Durch das Cortison wurde ich ›unförmig‹.
Ein vollkommen anderer Mensch mit Vollmondgesicht.

Ich kenne so einige Patienten, die dieses Problem nicht haben, aber ich bekam die Nebenwirkungen mit voller Wucht.

Ich war unglücklich, mehr als ich sagen kann. Es war unerträglich, aber wenn ich das jemanden sagte, dann hörte ich sowas wie:
»Das ist doch nicht so schlimm. Sei lieber dankbar und glücklich, dass du die Niere bekommen hast und sie funktioniert.«

J… sagte, dass er mich liebt, ganz egal, ob ich zunehme.
Ich konnte ihm nicht glauben. Wie sollte er diese hässliche Person nur lieben können.
Dieses hässliche Cortison-Monster!

Ich ging nicht mehr aus dem Haus.
Schämte mich und wollte nie wieder einen anderen Menschen treffen.
Aber J… hatte das nicht akzeptiert, gab mir den sprichwörtlichen Tritt in den Hintern.

Also war unser erster Ausflug nach Regensburg.
Es war die Hölle!
In der Stunde Autofahrt wäre ich am liebsten irgendwo im Nirgendwo ausgestiegen.
Da, wo es keine Menschen gibt.

Sie waren sehr nett, die Eltern von J…. Haben mich nicht auf mein Gesicht angesprochen, oder weil ich so stark zugenommen habe.
Trotzdem wollte ich in dem Eck, auf der Couch, versinken.
Ganz weit in den Boden, ganz weit weg.

Dann war da eine Veranstaltung von Kolping. Wir sind beide Mitglied, ich bereits, seit ich 15 Jahre alt bin. Ich glaube, es war Kolpinggedenktag.
Mir war klar, dass ich alle Bekannten treffen würde. Alle, die mich mit 40 kg kannten. Zierlich und klein. Jetzt war ich nur noch klein.

Aber das war es nicht allein.
Ich schämte mich nicht nur wegen der hässlichen Person, zu der ich geworden war. Da war noch die Sache mit der Spenderniere.
Natürlich wussten, dank meiner Eltern, beinahe alle davon. Und die, die es noch nicht wussten, würden es sehen. Mein ganzer Körper schrie:
»Wegen mir ist jemand gestorben. Und ich habe jetzt seine Niere.«

Objektiv, oder nicht. Genau das dachte ich, als ich an der Türe stand und den Saal betreten sollte.
Es war schlimm.
Ich hatte das Gefühl, dass mich alle anstarrten.

Ich wollte weg, raus, mich in Luft auflösen oder noch besser, für immer im Boden versinken.
»Du hast ein bisschen zugenommen, oder?« Was für eine Frage!
Aber so etwas hörte ich an diesem Tag öfter.

Wie fühlst Du Dich …
Und da war noch JK…, eine junge Frau.
Wir unterhielten uns etwas und da stellte sie die Frage:
»Und wie fühlt man sich, wenn jemand für Dich gestorben ist?«
»So kann man das nicht sagen«, antwortete ich lächelnd, obwohl im gleichen Moment eine Welt in mir zusammenbrach.
Weil es eben doch so war.

Und JK… sagte es.
Das, was alle dachten.

Klar wusste mein Kopf die Wahrheit.
Aber meine Gefühle spielten vollkommen verrückt.

Und immer wieder sollte ich dankbar und glücklich sein.
Und das war ich. Immer mit einem Lächeln nach außen.
Aber in mir war das absolute Chaos.

Tatsächlich hatte ich oft das Gefühl, dass ich so nicht mehr weiter leben konnte.
Mit der Scham. Mit dem Menschen, den ich auf dem Gewissen hatte.

Und nicht nur der.
Da war noch Herr L… vom technischen Dienst. Oder der Mann, dem ich meinen ersten Dialyseplatz verdankte. Den ich durch seinen Tod bekam.

Alles prasselte auf mich ein, während ich lächelnd mein Leben weiter lebte.