Veröffentlicht in Das Buch

16.1) Die Sache mit der Psyche

Einmal saß ich bei einer Nachuntersuchung alleine im Untersuchungszimmer. Meine Akte lag offen auf dem Tisch, und natürlich musste ich einen Blick reinwerfen:
»Spender, männlich, 44 Jahre, Motorradunfall.«

Plötzlich bekam der anonyme Spender ein Gesicht.
Ein Mann, ein Motorradfahrer.
Bei dem Alter bin ich mir tatsächlich nicht sicher. Irgendwas zwischen 40 und 44 Jahre. Seltsam, dass ich das nicht behalten konnte. Aber eigentlich spielt das keine Rolle.

Dieser so um die 40 Jahre alte Motorradfahrer hatte ein Gesicht.
Ich konnte ihn mir bildlich vorstellen. Mit dunklen Haaren und Dreitagebart. Der Mann, der für mich gestorben war. Und ich träumte oft von einem Motorradfahrer von hinten.
Objektiv oder nicht.

Mein ganzes Gefühlsleben war bereits vorher ein reines Chaos. Aber ab da wurde es noch schlimmer, was ich natürlich wieder für mich behielt.

Irgendwann hatte man sich daran gewöhnt, dass ich transplantiert war, und ich wurde nicht mehr darauf angesprochen. Auch nicht auf mein Gewicht.

Und rate mal … das Leben ging weiter!

Eigentlich sollte ich in der dialysefreien Zeit etwas Sinnvolles schaffen.
Ich fing an, stundenweise bei meinem Vater im Büro zu arbeiten. Versicherung. Es war fürchterlich. Ich konnte mir diese ganzen Arten mit ihren Bestimmungen und verschiedenen Fällen zwar merken. Das aber einem Kunden zu vermitteln, war absolut nicht mein Ding. Ich glaube, mein Vater wusste das. Ich bin nicht sicher, ob ich für ihn wirklich eine Hilfe war, oder ob er mir nur einen Gefallen tat.

Ich bin ein kreativer Mensch. Deshalb suchte ich mir immer wieder ein neues Hobby. Da meine Mutter einen Laden für Bastelbedarf hatte, war ich an der Quelle für allerlei interessanter Ideen.

Ich bewältigte das Chaos in mir soweit möglich und als ich das Cortison nicht mehr nehmen musste, wurde mein Basketball-Gesicht langsam wieder normaler.
Mein Gewicht wurde nicht weniger.
Und ganz ehrlich, ich hab ja beide Gewicht-Varianten durch und verstehe jeden, der abnehmen will. Die Frustration, wenn man denkt, dass man alles dafür macht, es aber einfach nicht funktioniert.

Ich musste mich wohl an diesen Zustand gewöhnen. Genau so wie an die Träume von dem Motorradfahrer und meine Gedanken an ihn und seiner Familie

Also war alles soweit in Ordnung, oder?

Bis ich anfing, nicht mehr zu schlafen.
Wenn ich dachte, dass das Chaos vorher schlimm war, wurde ich eines Besseren belehrt.
Während ich die Nächte wach lag, kam alles wieder hoch.
Wirklich alles. Und mehr.
Die Schwangerschaft hatte nicht geklappt. Mein größter Traum ging nicht in Erfüllung.
Die Zeit in der Arbeit, obwohl ich dachte, dass sich das mit der Rente erledigt hätte. Die ganze 7-jährige Hölle in allen Einzelheiten.
Die Transplantation mit all den Schuldgefühlen.
Sogar Dinge, die in meiner Jugend passiert sind.
Die ganzen Menschen, die gestorben sind.

Und ich habe nichts geschafft!
Wenn mir das Geschenk einer Spenderniere gemacht wurde, sollte ich dann nicht etwas schaffen? Etwas Besonderes? Großartiges? Überdimensional Bombastisches?
Stattdessen lebte ich mein arbeitsloses, nutzloses Leben. Stattdessen zwang ich meinen Schatz, das Ganze mit mir zu leben.

Warum konnte ich nicht schlafen?
Warum durfte ich nicht sterben?

Ich könnte die Seiten hier vollschreiben, und nicht erklären, was in oder mit mir los war. Dieses Chaos, in dem absolut nichts mehr stimmte.
Fakt war, mein Kopf hörte nicht mehr auf zu arbeiten.

Ich wanderte Tag und Nacht. Schlief da, wo ich gerade stand oder saß. Wachte kurze Zeit später wieder auf und wanderte weiter.
Wenn dieser verflixte Überlebenswille nicht gewesen wäre, hätte ich einen Weg gefunden, das zu beenden. Aber Besagter brachte mich zu Frau Doktor WU…, der ich sagte:
»Geben Sie mir etwas zum Schlafen, oder ich kaufe mir was. Und zwar genug davon.«

Die Ärztin sah meinen Zustand und meinte:
»Setzen Sie sich mal, Frau Dorfner. Ich denke, Sie bleiben hier.«
»Auf gar keinen Fall werde ich ins Krankenhaus gehen!«, sagte ich.
Dann diskutierten wir, weil Frau Doktor mich auf keinen Fall mehr nach Hause lassen wollte.
Wir einigten uns, dass ich etwas zum Schlafen bekomme. 3 Nächte Ruhe. Die Vorstellung war unbeschreiblich schön.
Im Gegenzug verpflichtete ich mich, mit einem Psychologen zu reden. Nur ein Mal, um zu sehen, was wird.
Gesagt, getan.

Tat das gut!
Einfach schlafen. Kein Wandern. Dem Kopf eine kleine Pause gönnen.
Wenn ich wach war, blieben die Gedanken natürlich.
Und die teilte ich einem Psychologen mit.
Mein Mann saß daneben. Dabei dachte ich mir nichts. Im Nachhinein glaube ich, dass das nicht so gut war. Nachdem ich so einiges erzählte, meinte der Psychologe sofort, dass ich kein Fall für seine psychosomatische Abteilung sei. Das war mir ganz recht, denn da wollte ich sowieso nicht hin.

Aber die Alternative war nicht besser.
Die Ärztin teilte mir ihre Meinung mit. Ich sollte in die Psychiatrie nach München. Der Weg dorthin wäre nur über die geschlossene Abteilung möglich. Ich könnte, wenn ich freiwillig dort hingehe, jederzeit wieder nach Hause.

Was für ein Shit! Verrückt? Gaga? ICH?
Ich wusste, dass ich so nicht mehr weiterleben konnte. Im Grunde wollte ich das auch nicht. Ich wollte sterben. Aber wie?

Ein Kampf zwischen Kopf und Herz. Zwischen Vernunft und Gefühl.
Schließlich entschied ich mich, mir das mal ein paar Tage anzusehen. Ich konnte da ja jederzeit wieder abhauen.

Beim Einlass in die geschlossene Abteilung wurde alles kontrolliert. Alles was irgendwie nach scharfer Kante oder so aussah, wurde konfisziert. Sogar das Handy musste ich abgeben. Und meine zuckerfreien Bonbons.
Mal drinnen angekommen war ich mir sicher:
»Morgen geh ich wieder!«