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13) Meine 3 Katzen

Krümel
Mitten in der Planung der gemeinsamen Wohnung mit meinem ersten Mann bekam eine Katze von seiner Mutter Junge. Ich glaube, es waren 3. Leider überlebten 2 davon nicht.
Der letzte Kater schien gesund.
Ich hielt den Kleinen in meiner Hand. Megasüß, schwarzweiß, die Augen fest geschlossen. Nicht mal so groß wie meine Handfläche.

Es war üblich, kleine Katzen direkt nach der Geburt – na ja – zu entsorgen. Das war nicht böse gemeint. Damals war das die Art, weil man die vielen kleinen Kätzchen nicht behalten konnte.
Ich fand und finde noch heute kein Verständnis dafür. Schließlich gibt es andere Möglichkeiten.

So sagte die Oma meines Verlobten zu mir:
»Gib mas, dann drah i eam an Grong um.«
Für die alte Frau war das eine ganz normale Sache, für mich nicht.
Da saß ich mit dem winzigen Lebewesen auf dem
Boden und sollte den Kleinen einfach so abgeben. Um ihm den ›Grong umdrah’n‹ zu lassen.
UNMÖGLICH!

Ich sah meinen Verlobten an und er wusste, dass ich das auf keinen Fall konnte.
Eigentlich wollten wir in unserer ersten gemeinsamen, kleinen Wohnung keine Katze, aber, bei meinem Blick sagte er:
»Okay.«

Überglücklich taufte ich den Kater ›Krümel‹, weil er eben so winzig in meiner Hand lag.
Er wuchs erst mal bei seiner Mama, in der Wohnung meiner Schwiegermutter auf. So oft ich konnte besuchte ich ihn und wartete – na ja – eher sehr ungeduldig, bis er von seiner Mutter wegkonnte.
Das dauerte …
Er wollte und wollte einfach nicht alleine fressen. Und mit Gewalt wollte ich das natürlich nicht.
Seine Mama fütterte ihn geduldig weiter, bis es auch ihr zu viel wurde.

Als Krümel dann zu uns in die neue Wohnung kam, weigerte er sich standhaft, irgendein Katzenfutter zu fressen. Nur Milch und Wasser, was natürlich nicht gerade gesund für ihn war.
Ich holte mir Rat beim Tierarzt und fing an, ihm Hackfleisch mit Milch zu geben. Oder Hüttenkäse, wo ich Fleisch und immer wieder Katzenfutter unterjubelte.
Ganz langsam nahm dieser Sturkopf dann endlich Katzenfutter an. Aber nur eine einzige Marke: Die Dosen vom Aldi.
Leckerchen durften es schon sein. Da war er nicht so wählerisch.

Einmal sah ich, dass er vom Balkon in die Wohnung, seinen Hintern auf dem Teppich schleifte und braune Spuren hinterließ.
Ich wunderte mich, weil er sauber war und ohne Probleme das Katzenklo benutzte.
Also untersuchte ich ihn und sah außer Kot noch Plastik von einer Einkaufstüte. Da fiel mir ein, dass ich den Einkauf vom Metzger im Flur stehen ließ. Und dieser Kater hat das Fleisch wohl inklusive der Tüte gefressen.

Sofort fuhr ich zum Tierarzt.
Der erklärte mir, dass es wichtig wäre, die Tüte so schnell wie möglich loszuwerden. Ansonsten bestand die Gefahr, dass sie sich im Darm verfing.
Er gab mir ein Abführmittel, das ich Krümel erst zu Hause geben sollte. Außerdem war es ratsam, ihn im Bad mit dem Katzenklo einzusperren.
Gesagt, getan.

Ich betete, dass mein Kleiner das Plastik unbeschadet loswerden würde und schwor, dass ich nie wieder einen Einkauf im Gang stehen ließ.
Nach etwa einer Stunde ging ich vorsichtig ins Bad, wo mein Kater seelenruhig im Waschbecken schlief. Der Rest im Raum – na ja – du kannst es dir vielleicht vorstellen. Das Abführmittel hatte ganze Arbeit geleistet. Aber mein Kleiner war am Leben. Nur das zählte.

Irgendwann fing er an, überall seinen Urin zu verteilen, oder Dinge kaputt zu machen. Und zwar immer dann, wenn er alleine war.
Er war einsam.
Da wir aber nun beide arbeiten mussten, beschloss ich, ihm eine zweite Katze, zu holen.

Tissy
Ich hörte, dass im Tierheim München eine Katze mit einer leichten Gehbehinderung war, die deshalb keiner wollte,
Ein Fall für mich, ganz klar.
Ich fuhr gleich am nächsten Tag dorthin, um mir die Kleine mal anzusehen.

Eine süße Kätzin. Oben ein bisschen braun getigert, mit weißem Bauch, Gesicht und Pfoten. Ihr Hinterteil kippte beim Laufen nach links.
Das war mir egal. Sobald dieses kleine Wesen auf mich zu kam und mich ansah, war es Liebe auf den ersten Blick.
Tissy war ihr Name und wurde die neue Partnerin von Krümel.

»Nur du kannst eine behinderte Katze aus dem Tierheim holen«, sagte mein Mann.
»Ja«, erwiderte ich. »Weil sie sonst keiner haben will. Niemand hätte Tissy zu sich geholt.«

Krümel verstand sich sofort mit unserer neuen Mitbewohnerin. Die Behinderung störte in der Wohnung kaum. Sie kam sehr gut zurecht. Und wenn sie zu mir wackelte, um ihre Streicheleinheiten abzuholen – wirklich zuckersüß.

Tiger
Irgendwann hörte ich von einem Tierschutzverein, nähe Ebersberg, der ein Zuhause für Kätzchen suchte. Man fand die Kleinen direkt an einer vielbefahrenen Straße. Wahrscheinlich eine Mischung aus Straßen- und Siamkatze.

Sie waren maga scheu, aber sowas von süß. Und ein grau getigerter Kater mit blauen Augen war so wunderschön, dass ich ihn spontan mitgenommen habe.
Ich nannte ihn Tiger, ganz einfach.

Er war wirklich extrem scheu, versteckte sich bei jedem kleinen Geräusch sofort hinter dem Schrank.
Mein Glück war, dass Tiger meinen Krümel als sowas wie seinen Vater ansah. Er folgte Papa auf Schritt und Tritt. Sogar zum Katzenklo.
Mit viel Geduld und Leckerchen schaffte ich, dass sich der kleine Kater zu mir auf die Couch setzte, solange sich sonst nichts regte. Dann sprang er sofort hinter den Schrank.

Ich liebte die 3, auch wenn sie mächtig viel anstellten.
Einmal tobten sie so wild, dass ein schmaler Schrank mitten im Wohnzimmer umfiel.
Ein anderes Mal schubsten sie den schweren Gulaschtopf – natürlich gefüllt – vom Ofen und hatten ein Festmahl.
Meine ganze Wohnung war voll mit Pfotenabdrücken von der Gulaschsoße.
Wie sie diesen Topf vom Ofen bekommen haben, frage ich mich noch heute.

Ganz klar, dass ich die Katzen nach der Trennung behielt.
So lebten Krümel, Tissy und Tiger mit mir, in der 3 Zimmer Wohnung.

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12) Verzweiflung und der Kaliumvorfall

Verzweiflung
Das Leben ging wieder weiter …

Mittlerweile musste ich mein Motorrad verkaufen, weil mir durch die lange Dialysezeit die Kraft fehlte.
Ich weinte sehr, als der neue Besitzer mit ›meiner‹ geliebten Maschine wegfuhr.

Und ich war ganz offiziell von meinem Mann getrennt. Es war ganz friedlich. Er suchte sich eine Wohnung, wir teilten Hausstand und Finanzen – das war’s.
Ich wohnte weiter in der Dienstwohnung.

Einmal, wir waren bereits getrennt, fuhr ich mit meinem Ex-Mann im Auto irgendwo hin. Er zeigte auf einen Mann auf der Straße und meinte:
»Ach, da läuft der J. mit seinem Jungen.«
Ich sah den Mann an: Groß, breite Schultern, dunkle Haare, Vollbart und dachte:
»Wow, was für ein Mann.«
Das krasse Gegenteil von meinem Ex neben mir. Diesen Vorfall habe ich schnell wieder vergessen und lebte, zwischen Ordner beschriften und Dialyse.
Auch wenn ich beim Ordnerbeschriften keine Fehler machen konnte, war das Leben unter meinen Kollegen nicht schöner.

Ich stand ständig unter Druck, wollte raus aus diesem Leben, was mir eher wie eine minimale Existenz vorkam.
Uns Dialysepatienten wurde gesagt:
Sollten wir dort nicht erscheinen, würde die Polizei gerufen und wir würden von ihnen zur ›Zwangsdialyse‹ gebracht.
Ich weiß nicht, ob das wahr war, aber ich glaubte es. Deshalb schmiedete ich den Plan, wegzufahren, in irgendein Hotel auf der Welt, wo ich mich versteckte. Einfach warten was passiert, so ganz ohne Dialyse.
Wie lange es dauern würde?
War es schmerzhaft?
Noch ein paar schöne Tage, bevor das Unvermeidliche kam.

Der Kaliumvorfall

Bei uns im Dialysezentrum wollte sich ein Mann umbringen. Aus Erzählungen weiß ich, dass er sich erst die Pulsadern in der Toilette aufschnitt, aber noch rechtzeitig gefunden wurde.

Bananen haben sehr viel Kalium, was Dialysepatienten nicht verarbeiten können. Das macht die Muskeln schwach, wenn der Wert zu hoch wird.
Und da das Herz ein Muskel ist …

Dieser Mann sperrte sich in ein Zimmer und aß Bananen, bis er an einem zu hohen Wert starb. Sein Herz blieb stehen.
Wir Patienten fanden diese Todesart gar nicht so übel. Aber die Ärzte meinten, dass es wohl eine qualvolle Art zu sterben war.
Ob das stimmte?

Auf die Frage, wie das wäre, wenn man mit der Dialyse aufhört, erzählte man uns die Sache mit der Polizei.
Ich war mir sicher, dass ich diese Scheiße nicht länger mitmachen wollte.
Arbeit – Dialyse – Arbeit – Dialyse ….
Das Ganze seit etwa 6 Jahren.

Ich brauchte eine Pause, aber die gab es nicht, niemals für mich.
Erschwert kam hinzu, dass die Kotzerei bei der Dialyse zwar aufhörte, aber ein anderes Problem auftauchte. Durch die Umstellung auf Bicarbonat bekam ich rasende, migräneartige Kopfschmerzen.
Nach jeder Dialyse.
Dreimal die Woche hockte ich im dunklen Raum und nahm immer höhere Schmerzmittel.

Raus!
Weg von hier!
Weg aus der Krankheit.

Aber der einzige Weg war, raus aus dem Leben.
Aber was passierte genau, wenn ich in irgendeinem Hotel auf dieser Welt auf das Sterben wartete? Und da war er ja noch, dieser verflixte ÜBERLEBENSINSTINKT, den uns das Leben mitgab.

Wie sollte ich den ausschalten?
Und die Angst, zu sterben.
Ob qualvoll oder schnell, was passierte nach dem Ende in dieser Existenz?

Und in dieser ganzen Verzweiflung brauchte ich ein Fliegengitter …

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11.4) Der neue Posten

Tja, nun rate mal …
Das Leben ging weiter – immer noch.


Irgendwann wurde der Posten für die Rechnungsbearbeitung von jemand Anderem besetzt. Ich schätze, heute macht das Herr Computer hervorragend.

Mann war ich froh und zog mit meinen Sachen in das Büro zu meinem Kollegen MD…. Der Einzige, mit dem ich mich verstand. Das war cool.
Leider war das ein Duchgangsbüro, weshalb ständig jemand kam.
Nicht so toll, mit meiner Ruhe war es vorbei.
Vielleicht war der Job ja ganz gut, dachte ich.

Das erfuhr ich nämlich erst mal nicht, was ich in der ersten Woche noch ganz witzig fand. In der zweiten wunderte ich mich. Man sagte mir, dass man sich erst noch besprechen musste. Und so ging es weiter.

Mein neuer Chef, Herr SN…, redete sich immer wieder raus.
8 Stunden rumsitzen und nichts tun ist wirklich hart. Das waren 24 Stunden in der Woche.
Natürlich konnte ich nicht einfach mit dem Gameboy spielen oder Bücher lesen. Also ging ich nochmals zu Herrn SN… und bat ihn um Arbeit.

ER: »Sie arbeiten nur 3 Tage in der Woche. Wir haben keine Beschäftigung für Sie.«
ICH: »Das ist etwas mehr als eine Halbtagsstelle. Sie haben auch Arbeit für Halbtagskräfte.«
Darauf ER: »Lassen sie sich eine Spenderniere geben und sind 5 Tage da. Dann bekommen Sie wieder Arbeit.«
»Klar«, meinte ich spontan. »Morgen bestelle ich mir eine beim Quelle-Versandhaus.«

Schnell verzog ich mich Richtung Toilette, wo ich jämmerlich weinte.
Vor Entsetzen, vor Wut, vor Traurigkeit. Keine Ahnung, wahrscheinlich wegen allem.
Wieder war es diese verflixte Krankheit.
Die Wartezeit für eine Spenderniere betrug auch damals etwa 7 Jahre. Da hatte ich noch mächtig viel Zeit, nichts zu tun.

Da kam eine junge Frau zu uns an die Dialyse. Ich weiß noch, dass sie sehr nett war und von ihrer Arbeit im Büro erzählte.
Wir kamen ins Gespräch und sie sprach von ihrem rücksichtsvollen Chef und dass sich nichts geändert hatte, obwohl sie nur 3 Tage arbeiten konnte.
Ich beglückwünschte sie zu diesem Chef und den Kollegen. Trotz Privatwirtschaft hatte sie den Jackpot gezogen. Dort ging es wohl humaner zu, als bei uns.
Einige Wochen später kam die junge Frau weinend zu mir. Man hatte ihr den schönen Schreibtisch genommen und in eine kleine Ecke gesetzt. Schließlich wäre sie ja nur 3 Tage da.
Das tat mir so leid. Ich hätte ihr so sehr gewünscht, dass es bei ihr anders läuft.
Besser!
Die junge Frau wechselte die Dialyse, deshalb weiß ich leider nicht, was aus ihr wurde.

Ich saß zwar an einem großen Schreibtisch, hatte aber weiterhin nichts zu tun. Zudem wurde ich angehalten, nicht zu zeigen, dass ich nichts zu tun hatte. Das würde kein gutes Bild auf die Dienststelle werfen.

Also saß ich an meinem Schreibtisch und tat so, als würde ich arbeiten. Obwohl ich natürlich ein Buch im offenen Ordner versteckte.
Fast sehnte ich mich zurück zu meiner Freundin, der Schreibmaschine.
In jedem Fall sehnte ich mich zurück zum technischen Dienst, wo arbeiten Spaß machte und anerkannt wurde.

Irgendwann dachte ich, dass unsere Ordner im Büro in einem wirklich erbarmungswürdigen Zustand waren.
Da ich ungewollt eine Menge Zeit hatte, entwarf ich am Computer neue Ordnerrücken und beklebte diese. Vorlagen gab es da natürlich noch nicht.
Farbig geordnete Themen unter Klarsichtfolie, damit das Ganze auch so lange wie möglich schön blieb.

Das hatte einige Zeit gedauert und auch mächtig viel Spaß gemacht. Die Aktenschränke in unserem Büro sahen wirklich gut aus.
Das fiel immer mehr Kollegen auf, die in unser Büro kamen, und lockte auch meinen Chef, Herrn SN… zu uns.

Ich musste ihn zu seinem Büro folgen, wo er mir seine Ordnerwand zeigte. Ein schlimmer Anblick. Zum Teil zerfetzte Aktenordner, die uralt sein mussten.
»Sie wollten eine Tätigkeit«, meinte er.
Und wenn ich damit fertig wäre, dann stände mir das gesamte Haus zur Verfügung. Jeder einzelne Ordner – eine Lebensaufgabe, das stand fest.

Und ich sank …
• von der Verwaltungsfachangestellten
• zur Schreibkraft und nun
• zur Ordnerbeschrifterin
WAS FÜR EINE KARRIERE!

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11.3) Rechnungsbearbeitung

Dorthin hatte man mich gesetzt, obwohl klar war, dass es sich dabei um Skonto-Fristen handelte, die unbedingt eingehalten werden mussten.
Täglich!
Mein Einwand, dass ich ja nicht jeden Tag da sei, wurde von Herrn O… zur Kenntnis genommen. Aber das war es dann auch.

Stell dir das etwa so vor:
Ich bekam Rechnungen von verschiedenen Firmen, zum Beispiel der Wäscherei.
Um sie zu bezahlen, musste ich ein Formular ausfüllen. Da es ja zu dieser Zeit noch nicht so viele Computer gab, saß ich dafür an einer Schreibmaschine.
Das Formular wurde in 3-facher Ausfertigung geschrieben, was bedeutete, Kohlepapier zwischen die Seiten legen.
Das war es eigentlich schon.
Wörter, Zahlen und Buchstaben in ein Formular tippen. Genau in die dafür vorgesehenen Felder natürlich.
Eine Schreibkraft, so gesehen.

Da man weniger bezahlen musste, wenn eine Firma Skonto bei zum Beispiel 30 Tagen gewährte, musste man diese Fristen unbedingt einhalten.
Das lag in meiner Verantwortung.
Da so eine Rechnung durch viele Hände wanderte, und auch nach mir noch, war es wichtig, das Ganze pünktlich zu bearbeiten.

Bei den Formularen musste der Betrag in Zahlen und Buchstaben fehlerfrei getippt werden. Verbessern, wie heute am Computer, gab es nicht.
Also, einmal vertippt bedeutete ein neuer Versuch.
Ich wollte nicht im Haupthaus sein. Nicht im Vorzimmer vom Chef. Nicht an dieser Schreibmaschine.

Habe ich erwähnt, dass ich die Dinger hasste?
Hätte ich Schreibkraft werden wollen, hätte ich das gelernt, und nicht Verwaltungsfachangestellte. Jetzt war ich eine.
Frau Y… lernte mich ein. Sie hatte diesen Posten vor mir und erklärte, dass sie diese Arbeit in 5 Tagen beinahe nicht bewältigen konnte.
»Da können Sie das niemals in 3 Tagen schaffen.«
Ich dachte: »Wieso in aller Welt, gab man mir dann diesen Posten?«

Aber sie hatte auch meinen Ehrgeiz geweckt.
Ich hatte im Haupthaus einen schlechten Ruf. Teils unberechtigt, aber sicher habe ich auch dazu beigetragen. Da man hier ja wusste, dass ich sowieso nicht mittrinken wollte, wurde ich zur Kaffee-Runde gar nicht erst eingeladen.
Im technischen Bereich war das kein Problem.

Hier konnte ich die Zeit auch in meinem Büro verbringen und mich mit meiner Schreibmaschine anfreunden.
Und das tat ich!
Anfangs schlichen sich noch einige Fehler ein, weshalb ich so manches Formular mehrfach tippen musste. Aber mit der Zeit wurde ich immer sicherer und schneller.
Ich werde diese Arbeit schaffen, das schwor ich mir.
Und ich schaffte es!

Das ›Unvorstellbare‹.
Ich erledigte alles, was Montag, Mittwoch und Freitag auf meinem Tisch lag, obwohl Dienstag und Donnerstag alles liegen blieb.
Ich war Herr meines kleinen Büros. Klein, aber mein. Meine neue Freundin, die Schreibmaschine.
Ohne lange Kaffee-Runden oder interne Feiern, wo mich sowieso keiner wollte, war die Arbeit auch in 3 Tagen zu schaffen.

Das brachte mich zum nächsten Problem.
Ich war zu schnell!
Da Frau Y. allen erzählte, dass ihre Arbeit – jetzt meine – in 5 Tagen kaum zu schaffen war, war es natürlich unmöglich, dass die Kranke das in 3 Tagen hinkriegen würde.
UNMÖGLICH!

Ich hatte mich sowieso in meinem Büro verschanzt, was vielleicht ein Fehler war. Wäre ich auf die Menschen zugegangen, wer weiß.
Da war ein Kollege, MD…, der war nett. Mit ihm verstand ich mich sehr gut. Aber sonst war da keiner.
Als ich also das ›Unmögliche‹ schaffte, wäre Frau Y. in einem schlechten Licht gestanden. Da war es sehr viel einfacher, mich schlecht zu machen.

Tja, ich war sowieso schon die Kranke, dumme, blau machende, nur 3 Tage arbeitende und 5 Tage Geld bekommende, usw. usw. usw.
Wie es genau ablief, weiß ich nicht. Aber die Erbsenzählerei und Fehlersucherei ging wieder los. Und es wurde immer schlimmer.
Konnte ja nicht sein, dass ich Kranke was hinbekam.
Ich passte peinlich genau auf, dass mir ja kein Tippfehler passiert, oder ihn nicht bemerkte, genau wie die Wochen davor.

Das Problem war: Ich entwickelte eine Panik, etwas falsch zu machen.
Ständig kontrollierte ich jedes Formular, zum Teil 10 Mal und mehr.
Wenn Herr O… dann einen Tippfehler fand, wurde ich zu ihm gerufen und er hielt ihn mir vor die Nase.
Dann wurde ich noch panischer. Und je panischer ich wurde, desto unsicherer wurde ich. Ich prüfte jeden Buchstaben und jede Zahl x mal. Wieder und wieder und wieder. 10-mal, 20-mal und mehr.
ES WAR EIN DESASTER!

Meine neue Freundin Schreibmaschine wurde wieder zum Hassobjekt.
Immer öfter wurde ich krank, was die Sache nicht besser machte.
Dialysetage, samt Kotzerei wurden, im Gegensatz zur Arbeit, Erholung.

Nur mal ein Beispiel:
An einem Tag war ein Riesen Stapel Rechnungen auf meinem Schreibtisch. Da ich wusste, dass ich am nächsten Tag nicht da war, habe ich alles abgearbeitet.
Immer wieder kontrollierte ich alles von vorne. Immer, und immer wieder voller Panik, es könnte sich ein Fehler eingeschlichen haben.
Ich wusste, der Chef würde nach einem suche. Er sollte auf keinen Fall fündig werden.
Erst als ich ganz sicher war, na ja, besser gesagt, so sicher wie möglich, habe ich den Stapel Herrn O… auf den Schreibtisch gelegt. Er musste jedes Formular unterschreiben, bevor es zur nächsten Stelle weiterging.
Damit die Skontofrist eingehalten wurde, war das am Tag darauf notwendig.

Ich hatte die Rechnungen am Montag bearbeitet. Am Dienstag sollte alles raus. Am Mittwoch kam ich wieder zur Arbeit, und sofort musste ich bei Herrn O… antreten.
OH JE!

Auf seinem Schreibtisch war meine gesamte Arbeit von Montag, die ja eigentlich weg sein sollte.
Irritiert sah ich auf den Stapel und fragte:
»Stimmt etwas nicht? Ich habe das Montag extra fertig gemacht, wegen der Skontofrist.«
Der Chef nahm das oberste Formular, drehte es zu mir und zeigte mit seinem Finger auf eine Stelle:
»Hier ist ein Fehler.«
Ich sah angestrengt, aber es dauerte ein wenig, bis ich diesen ›riesen‹ Fehler fand:
Statt FÜNFHUNDERT habe ich FUNFHUNDERT geschrieben. Statt dem Ü ein U.

»Das tut mir leid«, was sollte ich auch anderes sagen.
»Und der Rest?«, fragte ich und erwähnte vorsichtig die Skontofrist.
»Das ist ja wohl Ihre Schuld, wenn Sie ihre Arbeit nicht richtig machen.«
Dieser ganze Berg Arbeit blieb liegen, wegen einem U, statt einem Ü.
Wie viel Zeit musste er investiert haben, um diesen winzigen Fehler zu finden.

Er hätte nur diese eine Rechnung behalten können und alle Anderen offensichtlich fehlerfreien weiter schicken. Aber die Präsentation war mit dem Stapel natürlich beeindruckender.
Was für ein Shit!

Und wirksam, was mich betraf.
Meine Panik wurde immer größer.
Jedes Formular wurde von mir x-Mal kontrolliert.
Wort für Wort, Zahl für Zahl, Buchstabe für Buchstabe.
Wenn ich abends ging, hatte ich Panik vor jedem nächsten Arbeitstag.
So ging das weiter. Mit jedem kleinsten Fehler wurde ich noch panischer und übersah dabei irgendetwas. Ein nicht endender Kreislauf.

Noch heute wird alles, was ich schreibe x-fach von mir kontrolliert.
Dabei habe ich trotzdem ein schlechtes Gefühl.
Unsicherheit ist mein ständiger Begleiter.

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Der neue Job / technischer Bereich

Die Situation wurde für mich immer unerträglicher.
Da es außerhalb von C… keine Chancen gab, bewarb ich mich innerhalb der Dienststelle.
2 Stockwerke höher, bei Herrn O…, der mir beim Bewerbungsgespräch freundlich erklärte, dass für ihn die Sache mit der Dialyse kein Problem wäre.
Gemacht, getan. 3. Stock, ULB – ich komme.

Aber ich hätte wohl wissen müssen, dass ein Wechsel innerhalb des Hauses und der befreundeten Chefs unter Big Boss, keine so gute Idee war.
Lächelnd und freudig meldete ich mich ordnungsgemäß bei Herrn O….
Der begrüßte mich und meinte:
»Sie brauchen sich nicht einbilden, dass Sie eine Tätigkeitsdarstellung bekommen. Sie machen das, was die Anderen nicht mögen.«

Da war er wieder, der Donnerschlag, der mich mit voller Wucht traf. Ein paar Worte, und ich wusste bescheid.
Ich war nichts wert, das zeigte man mir wieder sehr deutlich. War ich wirklich so dumm, zu glauben, dass sich etwas ändern würde?
Ja, das war ich!

Der technische Bereich

Das, was keiner machen wollte, sollte sich nur wenige Minuten nach meiner Ankunft zeigen. Im technischen Bereich ging jemand in Rente und ich sollte eingearbeitet werden.
Ich war dort noch nie, und mächtig angespannt.

Ein netter älterer Herr stellte sich mit Herr JN… vor. Er sollte mich einarbeiten. Das Ganze lief etwa so ab:
ER: »Auf dieser Seite ist die Lohnbearbeitung, das ist wichtig und muss täglich geführt werden, sonst bekommen die Arbeiter ihr Geld nicht. Auf der anderen Seite finden Sie alles, was für die Meister wichtig ist. Dazu gehören auch alle Schreiben am Computer. Kennen Sie sich mit Word und Exel aus?«
ICH: nicke
ER: »Schön, dann kommen Sie ja zurecht. Ich werde mich dann mal verabschieden. Ab sofort bin ich in Rente.«

Sprachlos sah ich ihm hinterher und ließ das Ganze erst mal sacken.
Okay, ich war in einem absolut fremden Bereich, in dem ich keinen kannte. Ich sollte Lohnbearbeitung machen, von der ich nur wenig Ahnung von meiner Ausbildung hatte.
EIN WENIG!

Das Ganze sollte täglich stattfinden, sonst bekommen die Arbeiter ihr Geld nicht korrekt.
SUPER!
Ich war ja 2 Tage die Woche nicht da.
Ein kleiner Lichtblick war der Computer. Damit kannte ich mich aus.

Mutterseelenallein saß ich in diesem Büro, das wohl für 2 eingerichtet war, und überlegte, wie ich das nur schaffen sollte.
UNMÖGLICH!
Man hatte mich ins kalte Wasser geschmissen, was ja noch okay war. Man hat mir nur nicht gesagt, dass ich mitten im Ozean schwamm, ohne Aussicht auf Land.
So fühlte ich mich in meiner Einsamkeit, die nicht lange anhielt.

Ein Mann kam herein. Ich nenne ihn mal Meister 1 und fragte, wo Herr JN… ist.
»In Rente«, antwortete ich.
»Oh, heute schon. Hat er gar nicht gesagt. Und Sie sind die Aushilfe?«
»Ja, Aushilfe.«
Wir stellten einander vor. Darauf folgte ein kurzes Gespräch, in dem sehr schnell rauskam, dass ich so gut wie nicht wusste, was zu tun war. Und dass ich nur 3 Tage da war, habe ich auch gebeichtet.
Schnell bot mir Meister 1 das ›DU‹ an und meinte:
»Mach Dir keine Sorgen. Hier hilft Dir jeder. Frag, wenn Du was nicht weißt. Und das mit der Lohnbearbeitung ist kein Problem. Wenn Herr JN… nicht da war, dann haben wir das auch hinbekommen.«
WOW!

Zum ersten Mal seit 2 Jahren hörte sich das gut an.
RICHTIG GUT!
Sofort schlichen sich negative Gedanken ein.
›Das kann nicht sein.‹
›Das hält ganz sicher nicht lange.‹
›Dir passiert so was nicht.‹
UND WIE ES PASSIERTE!

Es stellte sich heraus, dass da 7 Meister waren, jeder für sein Handwerk wie Schreiner, Maler, Elektriker usw. Dazu ein Chef für alle.
Ich hatte einige Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass es mir an diesem Arbeitsplatz gut ging.
RICHTIG GUT!

Was zählte, war Leistung. Egal wie, man verlangte von mir, dass ich rechtzeitig, gute Arbeit ablieferte. Und das konnte ich.
Endlich hatte ich das Gefühl, dass sich meine Ausbildung lohnte.
Keine Erbsenzählerei und Fehlersuche. Keine ständigen Vorwürfe und Sticheleien.
Tja, was soll ich sagen, hier war ich Frau Falk oder Kerstin. Nicht die Kranke, die eigentlich nur so tat als ob, und dafür auch noch für 5 Tage Geld bekam.
Hier war ich Mensch.
WOW! Cool oder!!

Für meine 2 Fehltage fand man schnell eine Lösung.
Da war ein Elektriker, der aus irgendeinem Grund nicht mehr auf eine Leiter steigen konnte. Er kam zu mir ins Büro und kümmerte sich von da an um die tägliche Lohnbearbeitung.
Ich war von nun an für alles zuständig, was die Meister oder der Chef verlangten.
Wir waren ein tolles Team und hatten viel Spaß im Büro. So stellte ich mir arbeiten vor.
Als einzige Frau unter 9 Männern hatte ich anfangs Bedenken, was aber nicht notwendig war.
Es war einfach toll!

Irgendwie blieb ich an diesem Platz hängen und war darüber überglücklich.
Nach etwa einem Jahr wurde die Stelle offiziell ausgeschrieben. Da ich die Arbeit immer zur Zufriedenheit erledigte, bewarb ich mich auf den Posten. Ich hoffte sehr, dass ich dortbleiben konnte, und war eigentlich sicher, dass nichts dagegen sprach.

Da hatte ich die Rechnung aber ohne Big Boss gemacht.
Anscheinend hatte er das ganz übersehen. Aber dass sich Frau Falk wohlfühlte, das konnte auf keinen Fall sein.
Also wurde ich zu ihm ins Haupthaus beordert, was ja mal nix Gutes bedeuten konnte.
Wie Recht ich hatte!

Mündlich teilte er mir mit, dass ich den Posten nicht bekomme, weil die Arbeit in 3 Tagen nicht zu schaffen sei.
»Wir haben das im letzten Jahr doch gut hinbekommen, Herr L… und ich«, entgegnete ich.
»Die Stelle wird neu besetzt, Herr L… muss zurück in die Werkstatt. Und Sie kommen ins Haupthaus,« teilte mir Big Boss nüchtern mit.