Veröffentlicht in Das Buch

17.3) Der Bauch

Irgend wann bekam ich Probleme mit meinem Magen.
Jetzt war es natürlich so, dass sich alle noch an die Affen in meinem Kopf erinnerten. An die Zeit, in der ich meinen Körper zum radikalen Abnehmen zwang.

Da war es klar, dass Magenprobleme ganz einfach dazu gehörten.
Aber ich hatte Normalgewicht und die Affen im Griff.

Ich bekam eine Magen- und Darmspiegelung.
Ganz tolle Untersuchung.. Magen geht ja noch, aber das mit dem Darm.
Da darf man als Dialysepatient mal so richtig viel trinken. 2 bis 3 Liter. Und dann schmeckte dieses Zeug so dermaßen ekelhaft. Dazu kam, dass mein Körper mit so viel Flüssigkeit überfordert war. Das passte gar nicht in mich rein, musste aber.
Also Augen zu und durch.

Bei der Untersuchung kam nichts raus. Nur ein bisschen entzündete Magenschleimhaut. Das erklärte die Schmerzen nicht.

Dann waren da CT-Untersuchungen mit und ohne Kontrastmittel und immer wieder Spiegelung und Ultraschall. Man kam zu keinem Ergebnis.
Erschwert kam dazu, dass die Schmerzen nicht ständig da waren, sondern in unregelmäßigen Intervallen kamen.

Dann aber so stark, dass ich es nicht aushalten konnte.
Schmerzstärke von 0 bis 10 eine glatte 12.

Insgesamt 3 Jahre kamen sie.
Am Anfang so alle 4 Wochen, was ja auch reichte.
Sie kündigten sich immer an, in dem ich an diesem Tag ein extremes Völlegefühl hatte. Seltsamerweise war das oft nach der Dialyse.
Da explodierte der Schmerz regelrecht. Erst in Wellen, die immer stärker wurden, bis zum Dauerschmerz und ständiges Übergeben.

Wenn ich nicht mehr konnte, brachte mich J… ins Krankenhaus nach München. Da bei den Untersuchungen nichts raus kam, war man sich einig:
Frau Dorfner hat Psyche.

Am Anfang glaubte ich das nicht. Ich fing an, immer das Gleiche zu essen, damit ich ausschließen konnte, dass sich da was ›Falsches‹ einschlich.
Inzwischen, im 14-tägigem Rhythmus, drehte ich durch vor Schmerzen.
Immer wieder brachte J… mich ins Krankenhaus. Da man sich dort einig war, dass das Ganze psychisch ist, gab man mir Schmerzmittel. Oft wurde ich gefragt:
»Was haben Sie denn Schlimmes erlebt, Frau Dorfner?«

Einmal waren die Schmerzen so stark, dass ich echt ausgeflippt bin. Man holte einen Psychiater, mit dem ich bereitwillig redete. Alles war besser als dieser Zustand. Ich sagte ihm:
»Geben Sie mir was zum Schlafen. Koma wäre noch besser.«
Klar hat man da an Psyche gedacht. Das verstehe ich.

Das irre war, dass meist am nächsten Tag alles wieder okay war. Klar war ich fix und fertig, aber die Schmerzen waren fast weg. Das war der Beweis.
Frau Dorfner hat Psyche!
Damit ich nicht immer im Krankenhaus landete, wo man eh nichts machen konnte als Schmerzmittel, gab man mir diese mit nach Hause.
Palladon.
Retard jeden Tag und bei einer Attacke noch Akut-Tabletten.
Ich war sicher, mit diesen Waffen gab es keine Probleme mehr. Vorsichtshalber gab es weiterhin immer das gleiche Essen.
Das klappte super! Mann war ich glücklich!

So etwa 3 Wochen, dann waren sie wieder da.
Aber kein Problem, ich hatte ja die netten Akut-Tabletten.
Und wenn man genug davon nimmt …

Und das tat ich.
Vomex gegen die Übelkeit, Palladon gegen die Schmerzen.
Krankenhaus war gestrichen. Die meinten eh, dass es sich nicht lohnt. Schließlich würden sie auch nichts anderes machen.
Da war zu Hause besser, denn da gab es keine Grenzen. Niemand sagte:
»Sie bekommen erst in 2 Stunden wieder etwas.«

Ich weiß, es war alles andere als gut. Aber wenn man vor Schmerzen eingeht und man nicht weiß, wie man die nächsten Minuten so überstehen soll, dann denkt man nicht gerade logisch.
Unzählige Male schrie ich:
»Lass mich sterben.«
J… litt auch. Nicht nur körperlich, denn er musste morgens in die Arbeit. Und in diesen Nächten war an Schlaf nicht zu denken. Immer wieder sagte er:
»Ich würde Dir die Schmerzen so gerne abnehmen.«
Meine Antwort war immer:
»Ich würde sie Dir nie geben. Das würde ich Dir nie antun.«

So verbrachte ich die Nächte mit Schmerzen, kotzen,
und viel zu viel Medikamenten, bis ich schließlich einschlief.
Am nächsten Morgen war ich zwar kaputt, aber im allgemeinen war es dann vorbei.

Einmal, als ich in der psychosomatischen Klinik war, bekam ich auch diese Attacke. Die Tabletten bekam man nur von der Station, natürlich streng nach Anweisung.
Zu wenig für so eine Nacht!

Ich dachte, ich drehe durch. Ständig war jemand bei mir und wir redeten. Klar, das lenkte ein wenig ab, aber bei weitem nicht genug.
Also verbrachte ich die Nacht mit kotzen, Schmerzen und weinen.

Irgendwann war es Morgen und es wurde besser.
»Sehen Sie Frau Dorfner, reden hilft.«

Es war also so:
• Immer gleich essen half nicht
• Palladon half nicht
• Das Krankenhaus konnte nichts finden
• Alle Untersuchungen blieben ohne Befund
• Laut Psychosomatik half reden
• Alle Ärzte sagen, dass es psychisch ist
• Magenschmerzen wegen der Psyche, das hörte man
öfter
Dann musste es wohl so sein!

Immer wieder wurde ich bei diesen Attacken gefragt:
»Was haben Sie denn Schlimmes erlebt, Frau Dorfner?«
Und wenn ich ganz fest darüber nachdachte, dann fiel mir in meinem Dialyse-Alltag auch irgendwas ein, was irgendwie als ›schlimm‹ eingestuft werden konnte.
Also ergab ich mich meinem Schicksal.

Ich aß immer das Gleiche, nur keine Experimente.
Trotzdem kamen die Attacken in unregelmäßigen Abständen, die ich mit viel Medikamenten bekämpfte.

Meinen ›Kotzeimer‹ nannte ich Charles.
Etwas, das ich so oft im Arm hielt, verdiente einen Namen.

Ich musste nur den nächsten Morgen überstehen, dann war alles wieder gut.
Immer wieder schrie ich, dass ich sterben will, aber das hat nicht geklappt.
Mit mir litt auch J…, was mir so unendlich leidtat.
Geteiltes Leid ist doppeltes Leid!