Veröffentlicht in Das Buch

17.6) Herzstillstand? Ich?

In mir schrie es, aber ich hatte nicht die Kraft, das nach Außen zu bringen.
»Okay«, brachte ich leise hervor und schlief wieder ein.

Irgendwann sagte ich:
»Ich spüre meine Füße nicht mehr.«
Man machte Tests. Es war, als ob da nichts wäre. Ich wusste, da muss was sein, aber das fehlte einfach.
Klar konnte ich nicht aufstehen. Nicht mal umdrehen war so richtig möglich.
Mann, hatte ich Angst, dass das so bleiben würde.
Was für eine Scheiße!

Ein Arzt von der nephrologischen Abteilung kam am nächsten Tag zu mir und erklärte:
»Die Narbe am Oberschenkel, da, wo die Ader entfernt wurde, blutete innen weiter. Sie haben gut 1,5 Liter Blut verloren.«

»Okay«, sagte ich. »Deshalb fühlte ich mich so mies?«
»Ja. Sie haben einen HB von knapp 5. Als das Blut an der Dialyse rausgezogen wurde, wehrte sich der Körper. Deshalb ihre Reaktion. Bei dem Wert wäre jeder ausgeflippt.«
Boa, war ich froh!

Es gab eine Erklärung. Eine, die ich nicht wegatmen konnte.
Frau Dorfner hatte keine Psyche!
So eine ›kleine‹ Sache, wie ein Herzstillstand musste das beweisen. Und wieder bin ich der Meinung, dass ich zu früh abgestempelt wurde.

Der Dialysearzt meinte, dass ich zu viel Wasserentzug angegeben hätte. Also, ganz klar, bei einem HB von 5 geht eine Menge Blut ab, das der Körper braucht. Dazu noch der Entzug, das war dem Herz zu viel. Das Problem war, dass ich ja nicht wusste, dass da 1,5 Liter im System fehlten. Meine Angaben waren also korrekt.
Aber für die Ärzte stand fest:
Der Herzstillstand wurde durch zu viel Wasserentzug ausgelöst.
Und die Menge hatte ich ja selbst angegeben.
Deshalb ist Frau Dorfner selbst schuld!

Kam nur mir das seltsam vor?
2 Tage sagte ich, dass es mir mies ging. Hätte man da nicht mal das Blut untersuchen müssen? Aber eine Atemtherapeutin?
Da hätte ich noch so viel atmen können!

Und jetzt saß ich mächtig in der Scheiße

Na ja, ich lag.
Beinahe unfähig, mich nach der Hüfte zu bewegen. Meine Füße waren weg. Was, wenn das so bleiben würde?

Die Dialyse auf der Intensivstation läuft ja wieder sehr lange. Was eigentlich egal wäre, würde sie nicht über den Shunt laufen. Man legte mich auf die Seite, rechter Arm ausgestreckt. Mit Nadeln bewegt man sich freiwillig nur wenig.

Die ersten Tage hatte ich keinen Hunger. Als man dann mit leichter Nahrung, Suppe und Pudding, anfing, kam das unvermeidliche. Und wenn man sich fast nicht bewegen kann, und der Darm sich bemerkbar macht … na ja, Du kannst es Dir wohl mal wieder vorstellen.
Und das nahm auch kein Ende. Die Tage vergingen, ohne meine Füße. Da es mir bis auf ›diese Kleinigkeit‹ immer besser ging, sollte ich aus der Intensivstation raus. Der Platz wurde für einen dringenderen Fall gebraucht. Ganz klar, sowas geht vor.
Im Eiltempo wurden meine Sachen gepackt und auf das Bett gelegt.

Auf der Station angekommen, stand bzw. lag ich vor einem Problem:

Ich sollte vom Intensiv-Bett in das Normale umsteigen.
»Können Sie die paar Schritte laufen«, wurde ich gefragt.
»Nein, meine Füße sind nicht da.«

»Sie können nicht aufstehen?«, fragte die Schwester schockiert.
»Nein, leider nicht.«
Das gefiel ihr gar nicht. Offenbar wurde sie darüber nicht aufgeklärt.

Über ein Brett wurde ich in das andere Bett geschoben. Und mal ehrlich, ich fühlte mich wie ein nasser, schwerer Sack.
Und wieder die Angst:
Was, wenn das so bleibt?
Wenn ich tatsächlich im Rollstuhl lande?
Wie sollte es dann weiter gehen?

Mein Respekt für alle Rollstuhlfahrer, die sehr gut damit leben und klar kommen!

Tatsächlich kann ich mich fast nicht an die Zeit auf der Normalstation erinnern.
Frau F…, die Therapeutin von der Psychosomatik kam oft. Das half. Ich mochte diese Frau.
J… kam beinahe täglich. Er war wieder der Fels in der Brandung.
Aber wieder war geteiltes Leid doppeltes Leid.

Wer weiß, was die Zeit mit ihm gemacht hat.
Eine Zeit, geprägt von Krankheit.

Ich bekam Physiotherapie. Am Anfang im Bett aufrichten, dann an der Bettkante sitzen. Mehr war nicht möglich, bis sich dann meine Füße bemerkbar machten. Erst ein Kribbeln, dann konnte ich sie wieder bewegen.
MANN, WAS FÜR EIN GEFÜHL!
Und als ich das erste mal vom Bettrand ganz kurz aufstehen konnte …
Mit Hilfe, aber echt … BOAH!
Das erste Mal mit so einem Rollator, wo man sich mit dem ganzen Unterarm abstützen konnte. Und damit dann die ersten Schritte …
Es war ein Gefühl, so unbeschreiblich, fantastisch, krass, und alles, was Du Dir vorstellen kannst.

Jeder Schritt tat weh, aber was solls!
Kein Rollstuhl!
ICH KANN LAUFEN!
Und dann das erste mal allein Duschen. WOW!
Damit war die Krankenhauszeit nach vielen Wochen zu Ende.

Was gesehen?
Wenn ich erzähle, dass ich einen Herzstillstand hatte, dann werde ich manchmal gefragt, ob ich etwas ›gesehen‹ habe.

Ich kann mich an Folgendes erinnern:
Da war dieser Arzt von der Dialyse im Krankenhaus. Ich habe mit ihm schon öfter, na ja, heftig diskutiert. Wir waren beinahe nie einer Meinung. Kurz gesagt, ich hatte mit ihm so meine Probleme und mochte ihn nicht.
Und gerade diesen Doktor sah ich und dachte die ganze Zeit:
»Ich kann nicht sterben. Nicht wenn ich IHN als letztes sehe.«
Immer wiederholte ich diesen Satz.
Ob ich das wirklich dachte, oder ob es ein Traum war, kann ich nicht sagen.
Tatsächlich glaube ich, dass mich dieser Gedanke am Leben hielt.
Aber ob das wirklich so ist?