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Freche Gans


Wenn man viel fotografiert, dann sammeln sich auch unzählige Bilder auf dem Computer.

Diese Woche habe ich angefangen, ein bisschen zu sortieren.
Dabei habe ich wieder die Bilder der frechen Gans gefunden, und möchte sie Euch heute mal zeigen.

Die Kleine hat mich so fasziniert, da musste ich natürlich bleiben und fotografieren.

An der Kamera knabbern

Gut, dass ich meine gerade in den Händen hielt

Ups …

war ich das etwa?

Finger …

ob ich da mal knabbern darf?

Am Ende bekam ich noch ein Foto, das ich perfekt malen konnte

Weitere gemalte Vogelbilder findest Du auf www.RobbyD.de

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Psychiatrie und Psychosomatik

Psychiatrie

Da war ich also in der Psychiatrie. In der geschlossenen Abteilung.
»Wow«, dachte ich. »Da hab ich es ja weit gebracht.«

Ich bekam Medikamente zum Schlafen, Antidepressiva und Tavor. Eine Menge Tavor.
Wir waren zu zweit im Zimmer.
Das Mädchen bei mir schien ganz nett.
Eines Nachts wurde ich geweckt und mit Bett aus dem Zimmer gefahren. Im Gang spazierten Männer um mich und starrten mich an. Ich starrte zurück. Da war ich also auch nicht besser. Nur war ich wohl die Einzige, die Angst dabei hatte. Wirklich erstaunlich, wie viele dort nicht schliefen.

Keine Ahnung was los war, aber im Zimmer wurde das nette Mädchen indessen an ihrem Bett fixiert. Was musste los gewesen sein, dass ein Mensch an sein Bett gefesselt wird? Und war ich da irgendwie im Spiel, ohne es zu wissen?
Mann, hatte ich Schiss!
Das Mädchen schien es witzig zu finden, als sie am nächsten Morgen beim Frühstück allen erzählte:
»Heute Nacht haben sie mich wieder fixiert.«

14 Tage war ich auf dieser Station.
J… hat mich sehr unterstützt und oft besucht. Mit ihm konnte ich raus, im Haus spazieren gehen. Ganz egal – es war einfach schön, wenn er da war.
Meine Eltern besuchten mich auch.
Ich nutzte alles, was man dort machen konnte, und nahm brav die vorgeschriebenen Medikamente.

Tavor

Das Problem war, wenn ich Tavor nahm, fühlte ich mich schlecht.

Eigentlich sollten die Dinger beruhigen, und das habe ich von anderen Patienten auch gehört. Nur bei mir schien das Gegenteil der Fall, was ich dem Personal mitteilte. Die taten das, was für sie wohl logisch war. Zur Beruhigung gab man mir mehr Tavor.

Ein Teufelskreis.
Ich fühlte mich wie ein Tier im Käfig, dessen Gitterstäbe immer enger wurden. Gleichzeitig war ich gedämpft, so das ich es nach außen nicht richtig mitteilen konnte. Wie sollte man also jemanden erklären, dass man zwar von Außen recht ruhig wirkt, innerlich aber komplett durchdreht?

Ich habe gelernt:
Psychiatrie bedeutet Medikamente.
Auch wenn man dort mit Psychologen reden konnte, wurde man erst mal ruhig gestellt, dann weitersehen.
Dort wo ich war, konnte ich das Problem mit dem Tavor nicht lösen.
Ich beschloss, das Medikament so schnell wie möglich abzusetzen, was recht gut klappte.
Erst viel später erfuhr ich, warum ich mich damit so mies fühlte.

Ein Arzt hat mir erklärt, dass es zwar selten der Fall ist, aber es gibt eine paradoxe Wirkung.
»Nehmen Sie das nie wieder.«, war seine Anweisung.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn immer, wenn ich mit Schmerzen in ein Krankenhaus komme, möchte man mir zur Beruhigung erst mal Tavor unterjubeln. Das passiert mir immer wieder.
»Da, nehmen Sie das erst mal.«
Zum Glück weiß ich, wie die Dinger aussehen.

Der Professor

Ich bekam einen Termin bei einem Professor.

Er war sehr nett und fragte mich, wie es mir in der geschlossenen Abteilung geht.
»Ich habe Angst«, sagte ich ihm.
Er nickte und lächelte, aber so, dass es mir ein positives Gefühl gab. Ich mochte ihn von Anfang an.
Wir unterhielten uns über meine Transplantation. Von meinem Gefühlschaos und den Schuldgefühlen.
»Sie haben das über 10 Jahre für sich behalten?«
»Ja, weil ich zwar irgendwie dankbar aber nie glücklich war. Das kann man doch nicht sagen, oder?«
»Sie sind damit nicht alleine«, war seine Antwort und er erklärte:
»Viele landen früher oder später hier, weil sie mit der Transplantation nicht fertig werden. Eigentlich bräuchte jeder Patient sofort nach der Operation psychologische Betreuung.«

Ich finde es schade, das das Ganze so ein Tabuthema ist.
Wenn ich transplantierte Patienten traf, dann waren sie scheinbar glücklich, und bestimmt sind das auch viele. Manche verpassten ihrem Organ sogar einen eigenen Namen und feierten ihren 2. Geburtstag.

Aber da war auch eine Patientin, die ständig Angst hatte, ihre Niere zu verlieren. Deshalb hatte sie ständig Panikattacken. Oder eine Andere, die ständig ihren Bauch hielt, als ob sie schwanger wäre. Sie konnte damit einfach nicht aufhören. Einer hatte ein Herz bekommen, und wollte sich umbringen.
Na ja, und ich? Ich war voller Schuldgefühle.

»Möchten Sie es mal auf meiner psychosomatischen Station probieren?«, fragte mich der Professor.
»Ich habe keine Ahnung was das ist«, antwortete ich. »Aber alles ist besser, als diese Geschlossene.«
Er lachte, und noch am selben Tag wechselte ich die Station.

Psychosomatik bedeutet reden.

Reden mit einer Psychologin. Reden in einer Gruppe. Reden, nach dem Malen von Bildern. Reden, reden, reden.

Obwohl wir zu viert im Zimmer waren und das Gebäude alt, mit Dusche und Toilette außerhalb, habe ich mich dort so richtig wohl gefühlt.
Es war eine Pause vom Leben. Sich fallen lassen und sicher sein, dass man aufgefangen wird. Jederzeit war jemand da, der sich kümmerte.
Monate war ich dort. Und hätte man mich nicht gezwungen, wäre ich wohl noch viel länger geblieben.
Tja, und was soll ich sagen:

Das Leben ging weiter
– immer noch.

In der Psychosomatik lernte ich, mit meinem Leben klar zu kommen. Die verordneten Antidepressiva spielten da wohl auch eine Rolle.

Also liefen die nächsten Jahre ganz gut – denke ich.
Obwohl ich glaube, dass ich die dialysefreie Zeit hätte besser nutzen müssen. Auch wenn ich immer wieder mit Fieber und Infektionen zu kämpfen hatte, hätte ich mehr daraus machen können.

Die Krankheit ließ mich oft vergessen, mein Leben zu steuern. Ich war gewohnt, zu reagieren auf das, was kommt, statt das Steuer selbst in die Hand zu nehmen.

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Endlich geimpft

Die Corona-Impfung

Es ist Sonntag und Zeit für die „AKTUELLE WOCHE“

Unser Dialysearzt hatte von Anfang an versucht, dass wir in der Dialysestation geimpft werden.
Damit hatte er kein Glück.

Obwohl wir alle der Meinung waren, dass wir Patienten extrem gefährdet sind, wurde die Impfung nicht genehmigt.
Am Anfang waren wir Priorität 3. Das wurde aber wegen einem Vorfall in einer anderen Dialysepraxis irgendwo in Deutschland geändert auf Priorität 2. Da hatten sich alle Patienten gegenseitig angesteckt.
Man hatte danach wohl festgestellt, dass wir ja nicht einfach zu Hause bleiben konnten.

Ich hatte mich zwar im Internet angemeldet, war aber froh, dass bei uns an der Dialyse seit April auch geimpft wurde.

Ich muss zugeben, dass ich schon sehr nervös war und das Ganze dann doch mit einer gewissen Angst verbunden war.

Die erste Frage, die jeder bei uns stellte war:
“Welcher Impfstoff ist es?“
Und ganz ehrlich, bei Astra Zeneka hätte ich dann doch lieber noch gewartet.
Obwohl ich glaube, dass das auch ein guter Stoff ist, habe ich im Vorfeld einfach zu viel gehört und gelesen. Wer weiß schon, ob man nicht zu diesen seltenen Fällen gehört und mit starken Nebenwirkungen kämpfen müsste.
Zum Glück gab es bei uns Biontech.

Angst vor Nebenwirkungen
hatte ich, und ein bisschen habe ich es schon gespürt.

Die Spritzte tat fast nicht weh. Nur ein leichter Druck durch die Flüssigkeit. Aber das ist so wenig, dass es auch gleich wieder vorbei war. Nach der ersten Impfung war ich am nächsten Tag sehr müde und „knatschig“ das war es aber auch schon.
Einige meiner Kollegen bekamen nach der zweiten Impfung Fieber und Grippesymptome. Deshalb war ich wieder sehr nervös und ängstlich.
Aber ich hatte Glück und war nur für einen Tag müde und der Arm tat mir etwas weh..

Jetzt habe ich es hinter mir und bin wirklich froh.
Ich glaube, dass es bei uns in der Familie keinen einzigen Corona-Fall gab und auch an der Dialysestation nur 2 Mal einen Verdacht, der sich nicht bestätigte, ist ein kleines Wunder.

Das Leben hat mich wieder, und ich freue mich darauf.
Ganz besonders, dass ich meine Freunde und Familie wieder sehen kann. ganz ohne Bildschirm zwischen uns.

Auf jeden Fall finde ich es gut, dass es keine Impfpflicht gibt.
Das muss schon jeder für sich selbst entscheiden.

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16.1) Die Sache mit der Psyche

Einmal saß ich bei einer Nachuntersuchung alleine im Untersuchungszimmer. Meine Akte lag offen auf dem Tisch, und natürlich musste ich einen Blick reinwerfen:
»Spender, männlich, 44 Jahre, Motorradunfall.«

Plötzlich bekam der anonyme Spender ein Gesicht.
Ein Mann, ein Motorradfahrer.
Bei dem Alter bin ich mir tatsächlich nicht sicher. Irgendwas zwischen 40 und 44 Jahre. Seltsam, dass ich das nicht behalten konnte. Aber eigentlich spielt das keine Rolle.

Dieser so um die 40 Jahre alte Motorradfahrer hatte ein Gesicht.
Ich konnte ihn mir bildlich vorstellen. Mit dunklen Haaren und Dreitagebart. Der Mann, der für mich gestorben war. Und ich träumte oft von einem Motorradfahrer von hinten.
Objektiv oder nicht.

Mein ganzes Gefühlsleben war bereits vorher ein reines Chaos. Aber ab da wurde es noch schlimmer, was ich natürlich wieder für mich behielt.

Irgendwann hatte man sich daran gewöhnt, dass ich transplantiert war, und ich wurde nicht mehr darauf angesprochen. Auch nicht auf mein Gewicht.

Und rate mal … das Leben ging weiter!

Eigentlich sollte ich in der dialysefreien Zeit etwas Sinnvolles schaffen.
Ich fing an, stundenweise bei meinem Vater im Büro zu arbeiten. Versicherung. Es war fürchterlich. Ich konnte mir diese ganzen Arten mit ihren Bestimmungen und verschiedenen Fällen zwar merken. Das aber einem Kunden zu vermitteln, war absolut nicht mein Ding. Ich glaube, mein Vater wusste das. Ich bin nicht sicher, ob ich für ihn wirklich eine Hilfe war, oder ob er mir nur einen Gefallen tat.

Ich bin ein kreativer Mensch. Deshalb suchte ich mir immer wieder ein neues Hobby. Da meine Mutter einen Laden für Bastelbedarf hatte, war ich an der Quelle für allerlei interessanter Ideen.

Ich bewältigte das Chaos in mir soweit möglich und als ich das Cortison nicht mehr nehmen musste, wurde mein Basketball-Gesicht langsam wieder normaler.
Mein Gewicht wurde nicht weniger.
Und ganz ehrlich, ich hab ja beide Gewicht-Varianten durch und verstehe jeden, der abnehmen will. Die Frustration, wenn man denkt, dass man alles dafür macht, es aber einfach nicht funktioniert.

Ich musste mich wohl an diesen Zustand gewöhnen. Genau so wie an die Träume von dem Motorradfahrer und meine Gedanken an ihn und seiner Familie

Also war alles soweit in Ordnung, oder?

Bis ich anfing, nicht mehr zu schlafen.
Wenn ich dachte, dass das Chaos vorher schlimm war, wurde ich eines Besseren belehrt.
Während ich die Nächte wach lag, kam alles wieder hoch.
Wirklich alles. Und mehr.
Die Schwangerschaft hatte nicht geklappt. Mein größter Traum ging nicht in Erfüllung.
Die Zeit in der Arbeit, obwohl ich dachte, dass sich das mit der Rente erledigt hätte. Die ganze 7-jährige Hölle in allen Einzelheiten.
Die Transplantation mit all den Schuldgefühlen.
Sogar Dinge, die in meiner Jugend passiert sind.
Die ganzen Menschen, die gestorben sind.

Und ich habe nichts geschafft!
Wenn mir das Geschenk einer Spenderniere gemacht wurde, sollte ich dann nicht etwas schaffen? Etwas Besonderes? Großartiges? Überdimensional Bombastisches?
Stattdessen lebte ich mein arbeitsloses, nutzloses Leben. Stattdessen zwang ich meinen Schatz, das Ganze mit mir zu leben.

Warum konnte ich nicht schlafen?
Warum durfte ich nicht sterben?

Ich könnte die Seiten hier vollschreiben, und nicht erklären, was in oder mit mir los war. Dieses Chaos, in dem absolut nichts mehr stimmte.
Fakt war, mein Kopf hörte nicht mehr auf zu arbeiten.

Ich wanderte Tag und Nacht. Schlief da, wo ich gerade stand oder saß. Wachte kurze Zeit später wieder auf und wanderte weiter.
Wenn dieser verflixte Überlebenswille nicht gewesen wäre, hätte ich einen Weg gefunden, das zu beenden. Aber Besagter brachte mich zu Frau Doktor WU…, der ich sagte:
»Geben Sie mir etwas zum Schlafen, oder ich kaufe mir was. Und zwar genug davon.«

Die Ärztin sah meinen Zustand und meinte:
»Setzen Sie sich mal, Frau Dorfner. Ich denke, Sie bleiben hier.«
»Auf gar keinen Fall werde ich ins Krankenhaus gehen!«, sagte ich.
Dann diskutierten wir, weil Frau Doktor mich auf keinen Fall mehr nach Hause lassen wollte.
Wir einigten uns, dass ich etwas zum Schlafen bekomme. 3 Nächte Ruhe. Die Vorstellung war unbeschreiblich schön.
Im Gegenzug verpflichtete ich mich, mit einem Psychologen zu reden. Nur ein Mal, um zu sehen, was wird.
Gesagt, getan.

Tat das gut!
Einfach schlafen. Kein Wandern. Dem Kopf eine kleine Pause gönnen.
Wenn ich wach war, blieben die Gedanken natürlich.
Und die teilte ich einem Psychologen mit.
Mein Mann saß daneben. Dabei dachte ich mir nichts. Im Nachhinein glaube ich, dass das nicht so gut war. Nachdem ich so einiges erzählte, meinte der Psychologe sofort, dass ich kein Fall für seine psychosomatische Abteilung sei. Das war mir ganz recht, denn da wollte ich sowieso nicht hin.

Aber die Alternative war nicht besser.
Die Ärztin teilte mir ihre Meinung mit. Ich sollte in die Psychiatrie nach München. Der Weg dorthin wäre nur über die geschlossene Abteilung möglich. Ich könnte, wenn ich freiwillig dort hingehe, jederzeit wieder nach Hause.

Was für ein Shit! Verrückt? Gaga? ICH?
Ich wusste, dass ich so nicht mehr weiterleben konnte. Im Grunde wollte ich das auch nicht. Ich wollte sterben. Aber wie?

Ein Kampf zwischen Kopf und Herz. Zwischen Vernunft und Gefühl.
Schließlich entschied ich mich, mir das mal ein paar Tage anzusehen. Ich konnte da ja jederzeit wieder abhauen.

Beim Einlass in die geschlossene Abteilung wurde alles kontrolliert. Alles was irgendwie nach scharfer Kante oder so aussah, wurde konfisziert. Sogar das Handy musste ich abgeben. Und meine zuckerfreien Bonbons.
Mal drinnen angekommen war ich mir sicher:
»Morgen geh ich wieder!«

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Das Tagebuch.


GedankenGefühleEreignisse

War meine Woche interessant?
Wie oft hast Du gedacht, dass in Deinem Leben nicht viel passiert?
Es vielleicht sogar langweilig ist?
Dass Dich der Alltagstrott voll im Griff hat?

Genau so ging es mir auch, bis ich einen kleinen, einfachen Tip bekommen habe:
EIN TAGEBUCH

Aber halt! Ist das nicht eher was für Teenager?
Bevor Du jetzt denkst, dass das Ganze mit mega viel Arbeit verbunden ist und Du dazu schlicht keinen Nerv hast …

Genau das ist es nämlich, was ich Augen verdrehend dachte und diesen Vorschlag schon im ersten Moment so gar nicht ernst genommen habe.
Ich konnte mir nicht vorstellen, mich jeden Abend hinzusetzen und ellenlange Texte zu verfassen von Tagen an denen eh nicht viel passiert. Und darum ging es auch nicht.

Jeden Tag ein Wort

Die meisten von uns haben einen Terminkalender.
In Papierform oder einfach nur auf dem Handy oder Computer.
Ich persönlich bevorzuge mein Handy, weil ich es eben immer dabei habe.
Zusätzlich habe ich auch noch eine „Zettelwirtschaft“ an meiner Haustüre. Da ich dort ja immer vorbeikomme, hängen da kleine, handgeschriebene Notizen über Dinge, die ich nicht vergessen darf.

Ein „Tagebuch“ ist nichts Anderes.
Wenn Du sowieso Deinen Planer in der Hand hast, dann überlege kurz, was gestern oder heute passiert ist. Und damit meine ich nicht die Riesen Ereignisse, die Dein Leben verändern könnten. Wenn Du danach jeden Tag suchst, dann wirst Du verzweifeln. Und wahrscheinlich wird es Dir schnell langweilig dabei. Das macht kein Spaß.

Schreibe einfach nur eine kleine Notiz, so wie Du einen Termin eintragen würdest.
Ob es ein kleines Ereignis ist, ein Gefühl, oder ein Gedanke, ist dabei vollkommen egal.
Richtig oder falsch gibt es nicht.

Ich kombiniere gerne mit kleinen Emoji wie:
“Anna getroffen 😀“ oder
“Termin vergessen 😩“
Manchmal steht da einfach nur „Scheiße!“ oder „Cool!“

Und wenn Du dann nach einiger Zeit zurückblickst, dann stellst Du vielleicht fest, dass doch so einiges passiert.

Es sind nicht nur die Riesen Ereignisse oder grandiosen Gefühle und Gedanken, die unser Leben prägen. Ich glaube, dass es die vielen kleinen Dinge sind, wie bei mir in dieser Woche:

  • An Catja gedacht
  • Mit Manuela telefoniert 😀
  • Schmerzen 😭
  • Wann werde ich geimpft?
  • Klavier geübt

Und wenn dann doch mal was großes, bombastisches passiert, dann verdient es vielleicht ja auch ein paar Worte mehr.

Mir hilft mein kleines „Tagebuch“.
Gerade in Zeiten wo ich dachte dass alles schief läuft findet sich immer mal wieder ein kleiner positiver Eintrag, der dann doch wieder Mut macht. Und wenn es nur ein aufmunterndes Lächeln einer Freundin war.

Auch ein Vorteil von einem „Tagebuch“
Ohne diese kleine Notiz wäre alles einfach nur Misst.
Aber so …

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15.4) Nur noch einmal zur Arbeit

Eigentlich sollte ich wieder arbeiten, aber das war nicht möglich.
Allein der Gedanke daran ließ meinen ganzen Körper erzittern.

J… schlug vor:
»Erkundige Dich doch mal, was Du bei Erwerbsunfähigkeitsrente bekommen würdest.«
Da zu dieser Zeit noch im Alter hochgerechnet wurde, war das gar nicht so schlecht.

Also beantragte ich die Rente.
Es hat keine 4 Wochen gedauert, dann hatte ich sie, ohne Probleme. Krank genug war ich also.

Aber ganz ehrlich, hätte ich eine Arbeit gehabt, ohne Mobbing und Ordner beschriften. Wo ich mit Respekt behandelt wurde, dann hätte ich das mit der Rente nicht gemacht.
Aber unter den gegebenen Umständen konnte ich nicht zurück in diese Hölle.
Noch heute wird mir warm, wenn wir mit dem Auto an dem Haus vorbei fahren.

Nur noch ein einziges Mal musste ich dorthin, um meinem Chef von meiner Rente zu berichten.

Ich brauchte meinen ganzen Mut und meine ganze Kraft, alleine um das Gebäude zu betreten. Die Menschen dort zu treffen, die mir 7 Jahre lang das Leben zur Hölle machten, war unerträglich.

Herr O… war überrascht. Dachte, ich wäre auf einem anderen Posten, was ich seltsam fand. Hätte ich das nicht wissen müssen? Aber das war egal.

Ich berichtete ihm kurz und knapp von der Lage. An einer Unterhaltung war ich nicht interessiert. Ich weiß noch, dass er meinte:
»Warum bekommen Sie die Rente, und ich nicht?«, was echt ne doofe Frage war.

»Tja, vielleicht haben Sie sich die falsche Krankheit ausgesucht«, sagte ich und verabschiedete mich mit einem Lächeln. Nur ein kleiner Satz, aber es tat so gut, diesen Menschen so verdutzt zu sehen.

Es war geschafft!

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* NEU * AKTUELL

Während es in meinem Buch um bereits erlebtes geht, möchte ich in dieser Kategorie Aktuelles eintragen.

Einmal in der Woche
Gedanken – Gefühle – Ereignisse

Starten möchte ich diese Kategorie mit einer kleinen Umfrage

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der kleinen Umfrage.

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15.3) Kreuth / Das Leben danach

Bereits nach 2 Wochen wurde ich von GN… entlassen und nach Kreuth geschickt.
Nicht in das schöne Kurhaus an der Hauptstraße, sondern weiter den Berg rauf.

Man erzählte mir, dass es eine ehemalige Sterbeklinik war. Und genau so sah es dort aus.
Ich sah ein Zimmer, ein kleines Kämmerchen, gerade mal ein Bett und darüber ein Kreuz. Das erinnerte mich tatsächlich an ein Sterbezimmer.

Das Durchschnittsalter der Patienten betrug so um die 90 Jahre.
Kein Kiosk, kein Café. Da war rein gar nichts. Es gab auch keinerlei Behandlung oder so etwas. Ich war irgendwie nur aufgehoben.

Zum Glück war J… beinahe täglich bei mir und fuhr mich zu einem Café im Dorf. Etwas anderes sehen, als alte, kranke Menschen. Ich freute mich immer sehr, wenn er kam.
Nach 2 Wochen habe ich den Arzt in GN… angerufen und ihm gesagt, dass ich es nicht mehr aushalte.
»Das verstehe ich«, meinte er. »Sie können nach Hause.«
Sofort rief ich J… an, der sich gleich auf den Weg machte und mich holte.
Ich habe gehört, dass es dieses Haus nicht mehr gibt.
Was für ein Glück!

Verhalten zu Hause
Noch in GN… wurde ich aufgeklärt, was zu tun war, da mein Immunsystem durch die Medikamente gedämpft wurde. Das musste so sein, damit die Niere vom Körper nicht abgestoßen wurde.
Es waren 2 Ärzte mit unterschiedlichen Meinungen.

Der Erste erklärte, dass ich draußen immer einen Mundschutz tragen sollte. Am Besten die ersten paar Monate die Wohnung nicht verlassen und wenn mein Mann mal krank sein sollte, musste ich mich oder ihn ausquartieren.
Ach ja, und die Vögel, die wir hatte, sollte ich weggeben.
Ich war nach dem Gespräch sehr traurig. Sollte ich doch nicht nur unsere Vögel, sondern auch meine Freiheit verlieren.

Bei der nächsten Visite kam ein anderer Arzt.
Ich sprach das Thema nochmal an. Und dieser Doktor hatte eine vollkommen andere Meinung.
Da wir die Vögel bereits länger hatten, war mein Immunsystem daran gewöhnt.
Die konnten also bleiben.
Und sich von allem abschotten war falsch. Ich sollte ruhig aus dem Haus gehen, schließlich musste das Immunsystem eine gewisse Menge aushalten.

Er erklärte:
»Wenn der Briefträger erkältet ist und ihnen einen Brief bringt und vorher niest, dann bekommen Sie genauso die Vieren ab.«
Lächelnd meinte er:
»Leben Sie einfach weiter so, wie bisher.«

Das hörte sich viel besser an, als das erste Gespräch. Was nun von beiden richtig war, weiß ich nicht. Ich denke, es wird wohl der Mittelweg sein.
Ich beschloss, weiter zu leben, wie bisher.

Leben danach
Von Kreuth erst mal ins nächste Kaufhaus und neue Klamotten kaufen, ohne Mundschutz. Mir hat das nie geschadet. Wir lebten wie bisher, nur ohne Dialyse.

Das Problem war, dass ich in rasender Geschwindigkeit zunahm.
Die ersten 10 Kilo fand ich noch ganz witzig. Ich wog gerade mal 40 kg und wusste von anderen, dass man nach der Transplantation etwas an Gewicht zulegte. Da war mit 158 cm Körpergröße noch Luft nach oben.
Aber das hörte nicht auf.

Mein Gesicht schwoll vom Cortison zu einem Basketball an.
Wenn ich in den Spiegel schaute, kannte ich die Person, die ich sah nicht mehr.
Es war natürlich auch meine Schuld.
Als ich an der Dialyse war, konnte ich essen, was ich wollte, oder eben durfte, und habe kein Gramm zugenommen.
Jetzt gab es keine Einschränkungen mehr wegen Phosphat oder Kalium.
Und es schmeckte alles viel besser.
Durch das Cortison bekam ich Heißhunger-Attacken und hatte ständig den Drang, etwas zu essen.
Dem zu widerstehen war schwer.

So wurde ich immer runder, bis ich stolze 70 kg auf die Waage brachte.
Von 40 auf 70, in nicht mal einem Jahr.
Ich hasste das!
Wer war diese Person im Spiegel?

Nicht nur, dass ich immer mehr wurde. Durch das Cortison wurde ich ›unförmig‹.
Ein vollkommen anderer Mensch mit Vollmondgesicht.

Ich kenne so einige Patienten, die dieses Problem nicht haben, aber ich bekam die Nebenwirkungen mit voller Wucht.

Ich war unglücklich, mehr als ich sagen kann. Es war unerträglich, aber wenn ich das jemanden sagte, dann hörte ich sowas wie:
»Das ist doch nicht so schlimm. Sei lieber dankbar und glücklich, dass du die Niere bekommen hast und sie funktioniert.«

J… sagte, dass er mich liebt, ganz egal, ob ich zunehme.
Ich konnte ihm nicht glauben. Wie sollte er diese hässliche Person nur lieben können.
Dieses hässliche Cortison-Monster!

Ich ging nicht mehr aus dem Haus.
Schämte mich und wollte nie wieder einen anderen Menschen treffen.
Aber J… hatte das nicht akzeptiert, gab mir den sprichwörtlichen Tritt in den Hintern.

Also war unser erster Ausflug nach Regensburg.
Es war die Hölle!
In der Stunde Autofahrt wäre ich am liebsten irgendwo im Nirgendwo ausgestiegen.
Da, wo es keine Menschen gibt.

Sie waren sehr nett, die Eltern von J…. Haben mich nicht auf mein Gesicht angesprochen, oder weil ich so stark zugenommen habe.
Trotzdem wollte ich in dem Eck, auf der Couch, versinken.
Ganz weit in den Boden, ganz weit weg.

Dann war da eine Veranstaltung von Kolping. Wir sind beide Mitglied, ich bereits, seit ich 15 Jahre alt bin. Ich glaube, es war Kolpinggedenktag.
Mir war klar, dass ich alle Bekannten treffen würde. Alle, die mich mit 40 kg kannten. Zierlich und klein. Jetzt war ich nur noch klein.

Aber das war es nicht allein.
Ich schämte mich nicht nur wegen der hässlichen Person, zu der ich geworden war. Da war noch die Sache mit der Spenderniere.
Natürlich wussten, dank meiner Eltern, beinahe alle davon. Und die, die es noch nicht wussten, würden es sehen. Mein ganzer Körper schrie:
»Wegen mir ist jemand gestorben. Und ich habe jetzt seine Niere.«

Objektiv, oder nicht. Genau das dachte ich, als ich an der Türe stand und den Saal betreten sollte.
Es war schlimm.
Ich hatte das Gefühl, dass mich alle anstarrten.

Ich wollte weg, raus, mich in Luft auflösen oder noch besser, für immer im Boden versinken.
»Du hast ein bisschen zugenommen, oder?« Was für eine Frage!
Aber so etwas hörte ich an diesem Tag öfter.

Wie fühlst Du Dich …
Und da war noch JK…, eine junge Frau.
Wir unterhielten uns etwas und da stellte sie die Frage:
»Und wie fühlt man sich, wenn jemand für Dich gestorben ist?«
»So kann man das nicht sagen«, antwortete ich lächelnd, obwohl im gleichen Moment eine Welt in mir zusammenbrach.
Weil es eben doch so war.

Und JK… sagte es.
Das, was alle dachten.

Klar wusste mein Kopf die Wahrheit.
Aber meine Gefühle spielten vollkommen verrückt.

Und immer wieder sollte ich dankbar und glücklich sein.
Und das war ich. Immer mit einem Lächeln nach außen.
Aber in mir war das absolute Chaos.

Tatsächlich hatte ich oft das Gefühl, dass ich so nicht mehr weiter leben konnte.
Mit der Scham. Mit dem Menschen, den ich auf dem Gewissen hatte.

Und nicht nur der.
Da war noch Herr L… vom technischen Dienst. Oder der Mann, dem ich meinen ersten Dialyseplatz verdankte. Den ich durch seinen Tod bekam.

Alles prasselte auf mich ein, während ich lächelnd mein Leben weiter lebte.

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15.2) Der Anruf

Es dauerte nicht lange, da klingelte bei uns spät abends das Telefon. Dr. NE… war am Apparat. Die freudige Nachricht:
»Sie bekommen die Spenderniere.«
»Nein, ich will das nicht«, sagte ich und wollte auflegen.
J… hat sich noch mit dem Doktor unterhalten.
Keine Ahnung was. Ich flüchtete ins Schlafzimmer, vollkommen durcheinander.
Er kam zu mir und erklärte, dass wir den Doktor gleich nochmal anrufen sollten, um ihm meine Entscheidung mitzuteilen.

Mein Herz schrie: »Nein, Nein,Nein.«
Aber da war noch der Verstand, und mein sehnlichster Wunsch.
»Wir versuchen das mit dem Kind?«, fragte ich J…. »Versprochen, wir machen das, okay?«
»Ja«, sagte er. »Ja, aber es ist ganz alleine Deine Entscheidung. Du musst das wissen.«
Also entschied ich mich dafür, obwohl ich im Grunde nicht bereit dazu war.
Aber schließlich wollte ich mit ihm ein Kind. Das größte Geschenk zweier, die sich lieben.

Wir fuhren nach GN… ins Krankenhaus. Dort wurde ich untersucht, und es wurde eine Menge Blut abgenommen.
Nachdem man feststellte, dass ich für die Transplantation geeignet war, begann das Warten auf die Operation.

Mann – hatte ich Angst. Ich wusste ja gar nicht, was so auf mich zukam.
Eine Schwester merkte meine Aufregung und gab mir eine Tablette, damit ich schlafen konnte.
Am nächsten Morgen ging alles so schnell, dass ich mich nur an das Wecken vor der Operation und an das Aufwachen danach erinnere.
Das war auf der Transplantationsstation.
Ein Zimmer mit einem Mann, getrennt durch einen Vorhang

Nach der OP
Die neue Niere funktionierte hervorragend. Ich brauchte keine Dialyse mehr. Bereits 3 oder 4 Tage nach der Transplantation waren meine Blutwerte beinahe normal.

Aber ich war nicht normal.
Ständig musste ich an die Person denken, die sterben musste. Der ich zu verdanken hatte, jetzt ohne Dialyse zu leben.

Und so sehr mein Verstand sagte, dass dieser Mensch nicht wegen mir gestorben war, mein Gefühl war genau das Gegenteil. Ich lebte, und jemand ist dafür gestorben.
Zumindest profitierte ich von seinem Tod.

Ich habe das einem netten Arzt gesagt, der in das Zimmer kam. Der meinte, ich sollte mir darüber keine Gedanken machen.
»Derjenige ist nicht für Sie gestorben.«
Und da hörte ich es zum ersten Mal:
»Sie sollten dankbar sein, und glücklich.«

Am 2. Tag bekam ich Schmerzen im Bauch. Und da war ein Gefühl, das ich nicht einordnen konnte. Ich bekam Angst und klingelte nach einer Schwester. Nachdem ich ihr meine Symptome erklärte, lächelte sie und meinte:
»Probieren Sie es mal mit der Toilette. Sie müssen Wasser lassen.«
Pinkeln, so einfach war das.
Grinsend kam ich aus dem Klo.
»Keine Sorge, das passiert vielen Nullausscheidern«, meinte die Schwester lächelnd.
Ich war so lange ein sogenannter Nullausscheider, jemand, der schlicht und einfach nicht mehr pinkeln konnte, dass ich das Gefühl vergessen hatte.
Wenn die Blase voll war, und geleert werden wollte.
Und es war wirklich ein tolles Gefühl.
Manchmal wartete ich darauf, und genoss es, wenn ich zur Toilette musste.

Ich durfte wieder trinken. Noch besser, ich sollte trinken, so viel es mir möglich war.
Und egal was.
Ich durfte Cola trinken und Chips essen.
Trinken und Essen, was ich wollte.
WOW!

Das war so großartig. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit.
Krass, bombastisch, wundervoll.
Alles, was ich hier schreiben könnte, würde dieses Feeling nur im Entferntesten erklären.
Aber dennoch war da dieses – na ja – fast schlechte Gewissen, weil dieser Mensch sterben musste, für mich.

Und glaube mir, wenn ich es heute hier so aufschreibe, klingt es schon ein wenig verrückt. Aber ich war in diesem Zwiespalt zwischen Freude und schlechtem Gewissen.
Das war sehr schwer.

Meine Eltern besuchten mich im Krankenhaus. Ich freute mich. Als sie fragten, ob man in der Arbeit schon Bescheid wusste, sagte ich:
»Nein, ich hab mich nur krank gemeldet. Niemand weiß warum. Und ich möchte, dass es erst mal so bleibt.«
»Wieso?«, fragte einer von ihnen.
»Ich muss mit der Situation erst mal selbst klar kommen.«
Ich weiß noch, dass sie es nicht verstanden. Schließlich wäre das ja kein Geheimnis. Ich sollte – und da war es wieder:
Dankbar und glücklich sein.
»Das bin ich«, sagte ich. »Trotzdem sollte es noch keiner wissen.«

Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf von meiner Freundin und danach von meinem Kollegen MD….
Ich war irritiert, da ja eigentlich niemand etwas wusste. Schon gar nicht wie ich telefonisch erreichbar war und fragte Karin:
»Woher weißt Du, wo ich bin?«
Die Antwort traf mich wie ein Donnerschlag.
»Deine Eltern haben alle angerufen.«

Ich war wütend und stellte meine Eltern zur Rede.
Mein Vater war dran und erklärte mir, dass man das ja nicht verheimlichen konnte.
»Davon war nie die Rede. Ich sagte, dass ich noch Zeit brauche, um mit der Situation erst mal selbst klar zu kommen.«
Sie haben es nicht verstanden. Das war nicht ungewöhnlich, wir waren oft anderer Meinung. Aber ich dachte, dass sie meinen Wunsch respektieren würden.
Ich hatte mich leider geirrt.

Natürlich sprach es sich rum und ich bekam immer wieder zu hören, wie dankbar und glücklich ich sein musste.
»Ja klar, das bin ich«, war jedes Mal meine Antwort.

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15.1) Spenderniere/ Die Frage/ Das Warten

Die Frage

Als ich zur Dialyse kam, wurde ich gefragt, ob ich transplantiert werden möchte.
»Klar«, hab ich gesagt.
Ich war jung, und was sprach dagegen.

Zuerst musste ich eine Menge Untersuchungen durchstehen.
HNO, Zahnarzt, Kardiologe, Urologe (was ich ganz sicher nie wieder machen werde), allerlei Röntgen und Ultraschalluntersuchungen.
Tja, offensichtlich musste man rund um gesund sein, abgesehen von der Tatsache, dass die Nieren den Geist aufgegeben haben.

Eigentlich habe ich mir bei der Sache mit der Spenderniere nicht viel gedacht.
Natürlich wusste ich, dass jemand sterben musste. Aber so richtig nachgedacht habe ich da nicht.

Die Niere meiner Mutter
Meine Mutter hat die gleiche Blutgruppe und wollte mir ihre Niere spenden.
Mal ernsthaft, das war keine Option für mich – niemals!
Warum nicht?
Viele würden so ein Angebot dankbar annehmen. Aber ich war zwar dankbar, aber lehnte strikt ab.

Da war die Tatsache, dass ich meine Eltern liebte. Trotz aller Streitereien.
Wie konnte ich also von jemanden, den ich liebte, verlangen, sich dieser nicht einfachen Operation zu unterziehen?
Was, wenn etwas schief ginge. Ich die Niere hätte, und meine Mutter schwer krank, oder gar die OP nicht überleben würde?
Ich habe gelesen, dass viele Spender mit Nebenwirkungen zu kämpfen hatten.

Oder mal angenommen, es würde alles gut gehen, meine Mutter aber mit nur einer Niere in der Zukunft, durch einen Unfall oder Krankheit, die 2. Niere dringen benötigte.
Alles Schwarzmalerei, ganz klar!

Ich bekam von meinen Eltern einige Wochen immer wieder Zeitungsartikel über Transplantationen von Bruder, Mutter, oder Vater. Da ging alles gut. Natürlich, sonst hätte man es ja nicht in die Zeitung geschrieben.

Eigentlich schade. Da würde ich mir mehr ehrliche Berichte wünschen.
Mein Standpunkt war klar.
Ich konnte dieses riesen Opfer und Geschenk meiner Mutter nicht annehmen. Ich konnte das einem Menschen, den ich liebte, nicht antun. Zu groß war die Angst, dass etwas passieren würde.
Niemals!
Irgendwann hatten das meine Eltern akzeptiert.
Nicht verstanden, das war klar. Aber was sollten sie auch machen?!

Das Warten
Also wartete ich, bis ich auf der Liste von Eurotransplant nach oben rutschte. Bis ich auf Platz 1 war und der Anruf kam, der die Dialysezeit beenden würde.

Wir warteten alle in unserem Zimmer.
6 Dialysepatienten, die eine Niere brauchten. Und natürlich unterhielten wir uns darüber.

Da war eine Frau, sie war sehr nett. Ich besuchte sie mal. Sie hatte ein tolles Haus, einen Mann und bereits erwachsene Kinder. Ach ja, und einen Hund.

Als das Thema ›wir warten auf eine Spenderniere‹ aufkam, sagte sie:
»Ich hoffe, dass bald jemand stirbt, damit ich besser leben kann.«
Alle waren entsetzt über ihre Wortwahl.
»So kann man das nicht sagen«, meinte Herr KR… empört.
»Warum nicht«, dachte ich, ohne etwas zu sagen.

Genau das war es doch. Ganz egal, welch schöne Worte wir benutzen.
Letztlich war es genau das, was die Frau sagte.
Wir alle warteten darauf, bis der richtige Mansch sterben wird. Bis die vielen Menschen sterben, damit wir bei Eurotransplant nach oben rutschten.

Ich hatte davor nicht darüber nachgedacht. Nicht so konkret.
Ich hatte das Gefühl, dass dieser Mensch, wer es auch immer sein mag, für mich sterben müsste.
»Schrei jetzt nicht«, dachte ich.
Natürlich wusste ich, dass das nicht der Fall war, dass es das letzte große Geschenk war, das ein Mensch machen konnte. Und dass er, oder seine Familie, sich bewusst dafür entschieden haben.

Na ja, da ist die Sache mit dem Kopf und dem Herz.
Der Verstand war klar, aber meine Gefühle sagten mir, dass ich nicht länger warten konnte, bis der passende Mensch für mich sterben würde.
So unsinnig sich das auch anhört.
Keinen einzigen Tag mehr!

Ich ging zu meinem Arzt, Doktor HL…, und erklärte ihm, dass ich gerade nicht bereit war, eine Spenderniere zu bekommen.
Ich sagte sowas wie, dass ich meine Katzen nicht hergeben will, was man nach einer Transplantation sollte, wegen der Infektionsgefahr.
Ich glaube, heute ist das nicht mehr so, aber sicher bin ich nicht.

Der Doktor erklärte mir, dass man sich NT melden kann. Derzeit nicht Transplantierbar, auf eigenen Wunsch.
»Machen Sie das«, sagte ich.
Es war einfacher, als ich dachte.
Und der ganze Druck fiel von mir ab.
Das ganze Nachdenken, über das warten, bis der passende Mensch stirbt.
Und ich war leichter, zufriedener. Alles war gut, so wie es war.
Ich lebte gut mit der Dialyse.

Von meiner Entscheidung wusste niemand, außer der Doktor und ich.
Bis ich mit J… meine Zukunft plante, und ich mir mit ihm ein Kind wünschte. Beinahe unmöglich mit Dialyse.
Und ein Kind, würde das die Sache nicht rechtfertigen?
Also sagte ich Dr. HL…, er solle den NT-Status beenden und mich transplantierbar melden.