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Psychiatrie und Psychosomatik

Psychiatrie

Da war ich also in der Psychiatrie. In der geschlossenen Abteilung.
»Wow«, dachte ich. »Da hab ich es ja weit gebracht.«

Ich bekam Medikamente zum Schlafen, Antidepressiva und Tavor. Eine Menge Tavor.
Wir waren zu zweit im Zimmer.
Das Mädchen bei mir schien ganz nett.
Eines Nachts wurde ich geweckt und mit Bett aus dem Zimmer gefahren. Im Gang spazierten Männer um mich und starrten mich an. Ich starrte zurück. Da war ich also auch nicht besser. Nur war ich wohl die Einzige, die Angst dabei hatte. Wirklich erstaunlich, wie viele dort nicht schliefen.

Keine Ahnung was los war, aber im Zimmer wurde das nette Mädchen indessen an ihrem Bett fixiert. Was musste los gewesen sein, dass ein Mensch an sein Bett gefesselt wird? Und war ich da irgendwie im Spiel, ohne es zu wissen?
Mann, hatte ich Schiss!
Das Mädchen schien es witzig zu finden, als sie am nächsten Morgen beim Frühstück allen erzählte:
»Heute Nacht haben sie mich wieder fixiert.«

14 Tage war ich auf dieser Station.
J… hat mich sehr unterstützt und oft besucht. Mit ihm konnte ich raus, im Haus spazieren gehen. Ganz egal – es war einfach schön, wenn er da war.
Meine Eltern besuchten mich auch.
Ich nutzte alles, was man dort machen konnte, und nahm brav die vorgeschriebenen Medikamente.

Tavor

Das Problem war, wenn ich Tavor nahm, fühlte ich mich schlecht.

Eigentlich sollten die Dinger beruhigen, und das habe ich von anderen Patienten auch gehört. Nur bei mir schien das Gegenteil der Fall, was ich dem Personal mitteilte. Die taten das, was für sie wohl logisch war. Zur Beruhigung gab man mir mehr Tavor.

Ein Teufelskreis.
Ich fühlte mich wie ein Tier im Käfig, dessen Gitterstäbe immer enger wurden. Gleichzeitig war ich gedämpft, so das ich es nach außen nicht richtig mitteilen konnte. Wie sollte man also jemanden erklären, dass man zwar von Außen recht ruhig wirkt, innerlich aber komplett durchdreht?

Ich habe gelernt:
Psychiatrie bedeutet Medikamente.
Auch wenn man dort mit Psychologen reden konnte, wurde man erst mal ruhig gestellt, dann weitersehen.
Dort wo ich war, konnte ich das Problem mit dem Tavor nicht lösen.
Ich beschloss, das Medikament so schnell wie möglich abzusetzen, was recht gut klappte.
Erst viel später erfuhr ich, warum ich mich damit so mies fühlte.

Ein Arzt hat mir erklärt, dass es zwar selten der Fall ist, aber es gibt eine paradoxe Wirkung.
»Nehmen Sie das nie wieder.«, war seine Anweisung.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn immer, wenn ich mit Schmerzen in ein Krankenhaus komme, möchte man mir zur Beruhigung erst mal Tavor unterjubeln. Das passiert mir immer wieder.
»Da, nehmen Sie das erst mal.«
Zum Glück weiß ich, wie die Dinger aussehen.

Der Professor

Ich bekam einen Termin bei einem Professor.

Er war sehr nett und fragte mich, wie es mir in der geschlossenen Abteilung geht.
»Ich habe Angst«, sagte ich ihm.
Er nickte und lächelte, aber so, dass es mir ein positives Gefühl gab. Ich mochte ihn von Anfang an.
Wir unterhielten uns über meine Transplantation. Von meinem Gefühlschaos und den Schuldgefühlen.
»Sie haben das über 10 Jahre für sich behalten?«
»Ja, weil ich zwar irgendwie dankbar aber nie glücklich war. Das kann man doch nicht sagen, oder?«
»Sie sind damit nicht alleine«, war seine Antwort und er erklärte:
»Viele landen früher oder später hier, weil sie mit der Transplantation nicht fertig werden. Eigentlich bräuchte jeder Patient sofort nach der Operation psychologische Betreuung.«

Ich finde es schade, das das Ganze so ein Tabuthema ist.
Wenn ich transplantierte Patienten traf, dann waren sie scheinbar glücklich, und bestimmt sind das auch viele. Manche verpassten ihrem Organ sogar einen eigenen Namen und feierten ihren 2. Geburtstag.

Aber da war auch eine Patientin, die ständig Angst hatte, ihre Niere zu verlieren. Deshalb hatte sie ständig Panikattacken. Oder eine Andere, die ständig ihren Bauch hielt, als ob sie schwanger wäre. Sie konnte damit einfach nicht aufhören. Einer hatte ein Herz bekommen, und wollte sich umbringen.
Na ja, und ich? Ich war voller Schuldgefühle.

»Möchten Sie es mal auf meiner psychosomatischen Station probieren?«, fragte mich der Professor.
»Ich habe keine Ahnung was das ist«, antwortete ich. »Aber alles ist besser, als diese Geschlossene.«
Er lachte, und noch am selben Tag wechselte ich die Station.

Psychosomatik bedeutet reden.

Reden mit einer Psychologin. Reden in einer Gruppe. Reden, nach dem Malen von Bildern. Reden, reden, reden.

Obwohl wir zu viert im Zimmer waren und das Gebäude alt, mit Dusche und Toilette außerhalb, habe ich mich dort so richtig wohl gefühlt.
Es war eine Pause vom Leben. Sich fallen lassen und sicher sein, dass man aufgefangen wird. Jederzeit war jemand da, der sich kümmerte.
Monate war ich dort. Und hätte man mich nicht gezwungen, wäre ich wohl noch viel länger geblieben.
Tja, und was soll ich sagen:

Das Leben ging weiter
– immer noch.

In der Psychosomatik lernte ich, mit meinem Leben klar zu kommen. Die verordneten Antidepressiva spielten da wohl auch eine Rolle.

Also liefen die nächsten Jahre ganz gut – denke ich.
Obwohl ich glaube, dass ich die dialysefreie Zeit hätte besser nutzen müssen. Auch wenn ich immer wieder mit Fieber und Infektionen zu kämpfen hatte, hätte ich mehr daraus machen können.

Die Krankheit ließ mich oft vergessen, mein Leben zu steuern. Ich war gewohnt, zu reagieren auf das, was kommt, statt das Steuer selbst in die Hand zu nehmen.

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16.1) Die Sache mit der Psyche

Einmal saß ich bei einer Nachuntersuchung alleine im Untersuchungszimmer. Meine Akte lag offen auf dem Tisch, und natürlich musste ich einen Blick reinwerfen:
»Spender, männlich, 44 Jahre, Motorradunfall.«

Plötzlich bekam der anonyme Spender ein Gesicht.
Ein Mann, ein Motorradfahrer.
Bei dem Alter bin ich mir tatsächlich nicht sicher. Irgendwas zwischen 40 und 44 Jahre. Seltsam, dass ich das nicht behalten konnte. Aber eigentlich spielt das keine Rolle.

Dieser so um die 40 Jahre alte Motorradfahrer hatte ein Gesicht.
Ich konnte ihn mir bildlich vorstellen. Mit dunklen Haaren und Dreitagebart. Der Mann, der für mich gestorben war. Und ich träumte oft von einem Motorradfahrer von hinten.
Objektiv oder nicht.

Mein ganzes Gefühlsleben war bereits vorher ein reines Chaos. Aber ab da wurde es noch schlimmer, was ich natürlich wieder für mich behielt.

Irgendwann hatte man sich daran gewöhnt, dass ich transplantiert war, und ich wurde nicht mehr darauf angesprochen. Auch nicht auf mein Gewicht.

Und rate mal … das Leben ging weiter!

Eigentlich sollte ich in der dialysefreien Zeit etwas Sinnvolles schaffen.
Ich fing an, stundenweise bei meinem Vater im Büro zu arbeiten. Versicherung. Es war fürchterlich. Ich konnte mir diese ganzen Arten mit ihren Bestimmungen und verschiedenen Fällen zwar merken. Das aber einem Kunden zu vermitteln, war absolut nicht mein Ding. Ich glaube, mein Vater wusste das. Ich bin nicht sicher, ob ich für ihn wirklich eine Hilfe war, oder ob er mir nur einen Gefallen tat.

Ich bin ein kreativer Mensch. Deshalb suchte ich mir immer wieder ein neues Hobby. Da meine Mutter einen Laden für Bastelbedarf hatte, war ich an der Quelle für allerlei interessanter Ideen.

Ich bewältigte das Chaos in mir soweit möglich und als ich das Cortison nicht mehr nehmen musste, wurde mein Basketball-Gesicht langsam wieder normaler.
Mein Gewicht wurde nicht weniger.
Und ganz ehrlich, ich hab ja beide Gewicht-Varianten durch und verstehe jeden, der abnehmen will. Die Frustration, wenn man denkt, dass man alles dafür macht, es aber einfach nicht funktioniert.

Ich musste mich wohl an diesen Zustand gewöhnen. Genau so wie an die Träume von dem Motorradfahrer und meine Gedanken an ihn und seiner Familie

Also war alles soweit in Ordnung, oder?

Bis ich anfing, nicht mehr zu schlafen.
Wenn ich dachte, dass das Chaos vorher schlimm war, wurde ich eines Besseren belehrt.
Während ich die Nächte wach lag, kam alles wieder hoch.
Wirklich alles. Und mehr.
Die Schwangerschaft hatte nicht geklappt. Mein größter Traum ging nicht in Erfüllung.
Die Zeit in der Arbeit, obwohl ich dachte, dass sich das mit der Rente erledigt hätte. Die ganze 7-jährige Hölle in allen Einzelheiten.
Die Transplantation mit all den Schuldgefühlen.
Sogar Dinge, die in meiner Jugend passiert sind.
Die ganzen Menschen, die gestorben sind.

Und ich habe nichts geschafft!
Wenn mir das Geschenk einer Spenderniere gemacht wurde, sollte ich dann nicht etwas schaffen? Etwas Besonderes? Großartiges? Überdimensional Bombastisches?
Stattdessen lebte ich mein arbeitsloses, nutzloses Leben. Stattdessen zwang ich meinen Schatz, das Ganze mit mir zu leben.

Warum konnte ich nicht schlafen?
Warum durfte ich nicht sterben?

Ich könnte die Seiten hier vollschreiben, und nicht erklären, was in oder mit mir los war. Dieses Chaos, in dem absolut nichts mehr stimmte.
Fakt war, mein Kopf hörte nicht mehr auf zu arbeiten.

Ich wanderte Tag und Nacht. Schlief da, wo ich gerade stand oder saß. Wachte kurze Zeit später wieder auf und wanderte weiter.
Wenn dieser verflixte Überlebenswille nicht gewesen wäre, hätte ich einen Weg gefunden, das zu beenden. Aber Besagter brachte mich zu Frau Doktor WU…, der ich sagte:
»Geben Sie mir etwas zum Schlafen, oder ich kaufe mir was. Und zwar genug davon.«

Die Ärztin sah meinen Zustand und meinte:
»Setzen Sie sich mal, Frau Dorfner. Ich denke, Sie bleiben hier.«
»Auf gar keinen Fall werde ich ins Krankenhaus gehen!«, sagte ich.
Dann diskutierten wir, weil Frau Doktor mich auf keinen Fall mehr nach Hause lassen wollte.
Wir einigten uns, dass ich etwas zum Schlafen bekomme. 3 Nächte Ruhe. Die Vorstellung war unbeschreiblich schön.
Im Gegenzug verpflichtete ich mich, mit einem Psychologen zu reden. Nur ein Mal, um zu sehen, was wird.
Gesagt, getan.

Tat das gut!
Einfach schlafen. Kein Wandern. Dem Kopf eine kleine Pause gönnen.
Wenn ich wach war, blieben die Gedanken natürlich.
Und die teilte ich einem Psychologen mit.
Mein Mann saß daneben. Dabei dachte ich mir nichts. Im Nachhinein glaube ich, dass das nicht so gut war. Nachdem ich so einiges erzählte, meinte der Psychologe sofort, dass ich kein Fall für seine psychosomatische Abteilung sei. Das war mir ganz recht, denn da wollte ich sowieso nicht hin.

Aber die Alternative war nicht besser.
Die Ärztin teilte mir ihre Meinung mit. Ich sollte in die Psychiatrie nach München. Der Weg dorthin wäre nur über die geschlossene Abteilung möglich. Ich könnte, wenn ich freiwillig dort hingehe, jederzeit wieder nach Hause.

Was für ein Shit! Verrückt? Gaga? ICH?
Ich wusste, dass ich so nicht mehr weiterleben konnte. Im Grunde wollte ich das auch nicht. Ich wollte sterben. Aber wie?

Ein Kampf zwischen Kopf und Herz. Zwischen Vernunft und Gefühl.
Schließlich entschied ich mich, mir das mal ein paar Tage anzusehen. Ich konnte da ja jederzeit wieder abhauen.

Beim Einlass in die geschlossene Abteilung wurde alles kontrolliert. Alles was irgendwie nach scharfer Kante oder so aussah, wurde konfisziert. Sogar das Handy musste ich abgeben. Und meine zuckerfreien Bonbons.
Mal drinnen angekommen war ich mir sicher:
»Morgen geh ich wieder!«

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15.4) Nur noch einmal zur Arbeit

Eigentlich sollte ich wieder arbeiten, aber das war nicht möglich.
Allein der Gedanke daran ließ meinen ganzen Körper erzittern.

J… schlug vor:
»Erkundige Dich doch mal, was Du bei Erwerbsunfähigkeitsrente bekommen würdest.«
Da zu dieser Zeit noch im Alter hochgerechnet wurde, war das gar nicht so schlecht.

Also beantragte ich die Rente.
Es hat keine 4 Wochen gedauert, dann hatte ich sie, ohne Probleme. Krank genug war ich also.

Aber ganz ehrlich, hätte ich eine Arbeit gehabt, ohne Mobbing und Ordner beschriften. Wo ich mit Respekt behandelt wurde, dann hätte ich das mit der Rente nicht gemacht.
Aber unter den gegebenen Umständen konnte ich nicht zurück in diese Hölle.
Noch heute wird mir warm, wenn wir mit dem Auto an dem Haus vorbei fahren.

Nur noch ein einziges Mal musste ich dorthin, um meinem Chef von meiner Rente zu berichten.

Ich brauchte meinen ganzen Mut und meine ganze Kraft, alleine um das Gebäude zu betreten. Die Menschen dort zu treffen, die mir 7 Jahre lang das Leben zur Hölle machten, war unerträglich.

Herr O… war überrascht. Dachte, ich wäre auf einem anderen Posten, was ich seltsam fand. Hätte ich das nicht wissen müssen? Aber das war egal.

Ich berichtete ihm kurz und knapp von der Lage. An einer Unterhaltung war ich nicht interessiert. Ich weiß noch, dass er meinte:
»Warum bekommen Sie die Rente, und ich nicht?«, was echt ne doofe Frage war.

»Tja, vielleicht haben Sie sich die falsche Krankheit ausgesucht«, sagte ich und verabschiedete mich mit einem Lächeln. Nur ein kleiner Satz, aber es tat so gut, diesen Menschen so verdutzt zu sehen.

Es war geschafft!

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15.3) Kreuth / Das Leben danach

Bereits nach 2 Wochen wurde ich von GN… entlassen und nach Kreuth geschickt.
Nicht in das schöne Kurhaus an der Hauptstraße, sondern weiter den Berg rauf.

Man erzählte mir, dass es eine ehemalige Sterbeklinik war. Und genau so sah es dort aus.
Ich sah ein Zimmer, ein kleines Kämmerchen, gerade mal ein Bett und darüber ein Kreuz. Das erinnerte mich tatsächlich an ein Sterbezimmer.

Das Durchschnittsalter der Patienten betrug so um die 90 Jahre.
Kein Kiosk, kein Café. Da war rein gar nichts. Es gab auch keinerlei Behandlung oder so etwas. Ich war irgendwie nur aufgehoben.

Zum Glück war J… beinahe täglich bei mir und fuhr mich zu einem Café im Dorf. Etwas anderes sehen, als alte, kranke Menschen. Ich freute mich immer sehr, wenn er kam.
Nach 2 Wochen habe ich den Arzt in GN… angerufen und ihm gesagt, dass ich es nicht mehr aushalte.
»Das verstehe ich«, meinte er. »Sie können nach Hause.«
Sofort rief ich J… an, der sich gleich auf den Weg machte und mich holte.
Ich habe gehört, dass es dieses Haus nicht mehr gibt.
Was für ein Glück!

Verhalten zu Hause
Noch in GN… wurde ich aufgeklärt, was zu tun war, da mein Immunsystem durch die Medikamente gedämpft wurde. Das musste so sein, damit die Niere vom Körper nicht abgestoßen wurde.
Es waren 2 Ärzte mit unterschiedlichen Meinungen.

Der Erste erklärte, dass ich draußen immer einen Mundschutz tragen sollte. Am Besten die ersten paar Monate die Wohnung nicht verlassen und wenn mein Mann mal krank sein sollte, musste ich mich oder ihn ausquartieren.
Ach ja, und die Vögel, die wir hatte, sollte ich weggeben.
Ich war nach dem Gespräch sehr traurig. Sollte ich doch nicht nur unsere Vögel, sondern auch meine Freiheit verlieren.

Bei der nächsten Visite kam ein anderer Arzt.
Ich sprach das Thema nochmal an. Und dieser Doktor hatte eine vollkommen andere Meinung.
Da wir die Vögel bereits länger hatten, war mein Immunsystem daran gewöhnt.
Die konnten also bleiben.
Und sich von allem abschotten war falsch. Ich sollte ruhig aus dem Haus gehen, schließlich musste das Immunsystem eine gewisse Menge aushalten.

Er erklärte:
»Wenn der Briefträger erkältet ist und ihnen einen Brief bringt und vorher niest, dann bekommen Sie genauso die Vieren ab.«
Lächelnd meinte er:
»Leben Sie einfach weiter so, wie bisher.«

Das hörte sich viel besser an, als das erste Gespräch. Was nun von beiden richtig war, weiß ich nicht. Ich denke, es wird wohl der Mittelweg sein.
Ich beschloss, weiter zu leben, wie bisher.

Leben danach
Von Kreuth erst mal ins nächste Kaufhaus und neue Klamotten kaufen, ohne Mundschutz. Mir hat das nie geschadet. Wir lebten wie bisher, nur ohne Dialyse.

Das Problem war, dass ich in rasender Geschwindigkeit zunahm.
Die ersten 10 Kilo fand ich noch ganz witzig. Ich wog gerade mal 40 kg und wusste von anderen, dass man nach der Transplantation etwas an Gewicht zulegte. Da war mit 158 cm Körpergröße noch Luft nach oben.
Aber das hörte nicht auf.

Mein Gesicht schwoll vom Cortison zu einem Basketball an.
Wenn ich in den Spiegel schaute, kannte ich die Person, die ich sah nicht mehr.
Es war natürlich auch meine Schuld.
Als ich an der Dialyse war, konnte ich essen, was ich wollte, oder eben durfte, und habe kein Gramm zugenommen.
Jetzt gab es keine Einschränkungen mehr wegen Phosphat oder Kalium.
Und es schmeckte alles viel besser.
Durch das Cortison bekam ich Heißhunger-Attacken und hatte ständig den Drang, etwas zu essen.
Dem zu widerstehen war schwer.

So wurde ich immer runder, bis ich stolze 70 kg auf die Waage brachte.
Von 40 auf 70, in nicht mal einem Jahr.
Ich hasste das!
Wer war diese Person im Spiegel?

Nicht nur, dass ich immer mehr wurde. Durch das Cortison wurde ich ›unförmig‹.
Ein vollkommen anderer Mensch mit Vollmondgesicht.

Ich kenne so einige Patienten, die dieses Problem nicht haben, aber ich bekam die Nebenwirkungen mit voller Wucht.

Ich war unglücklich, mehr als ich sagen kann. Es war unerträglich, aber wenn ich das jemanden sagte, dann hörte ich sowas wie:
»Das ist doch nicht so schlimm. Sei lieber dankbar und glücklich, dass du die Niere bekommen hast und sie funktioniert.«

J… sagte, dass er mich liebt, ganz egal, ob ich zunehme.
Ich konnte ihm nicht glauben. Wie sollte er diese hässliche Person nur lieben können.
Dieses hässliche Cortison-Monster!

Ich ging nicht mehr aus dem Haus.
Schämte mich und wollte nie wieder einen anderen Menschen treffen.
Aber J… hatte das nicht akzeptiert, gab mir den sprichwörtlichen Tritt in den Hintern.

Also war unser erster Ausflug nach Regensburg.
Es war die Hölle!
In der Stunde Autofahrt wäre ich am liebsten irgendwo im Nirgendwo ausgestiegen.
Da, wo es keine Menschen gibt.

Sie waren sehr nett, die Eltern von J…. Haben mich nicht auf mein Gesicht angesprochen, oder weil ich so stark zugenommen habe.
Trotzdem wollte ich in dem Eck, auf der Couch, versinken.
Ganz weit in den Boden, ganz weit weg.

Dann war da eine Veranstaltung von Kolping. Wir sind beide Mitglied, ich bereits, seit ich 15 Jahre alt bin. Ich glaube, es war Kolpinggedenktag.
Mir war klar, dass ich alle Bekannten treffen würde. Alle, die mich mit 40 kg kannten. Zierlich und klein. Jetzt war ich nur noch klein.

Aber das war es nicht allein.
Ich schämte mich nicht nur wegen der hässlichen Person, zu der ich geworden war. Da war noch die Sache mit der Spenderniere.
Natürlich wussten, dank meiner Eltern, beinahe alle davon. Und die, die es noch nicht wussten, würden es sehen. Mein ganzer Körper schrie:
»Wegen mir ist jemand gestorben. Und ich habe jetzt seine Niere.«

Objektiv, oder nicht. Genau das dachte ich, als ich an der Türe stand und den Saal betreten sollte.
Es war schlimm.
Ich hatte das Gefühl, dass mich alle anstarrten.

Ich wollte weg, raus, mich in Luft auflösen oder noch besser, für immer im Boden versinken.
»Du hast ein bisschen zugenommen, oder?« Was für eine Frage!
Aber so etwas hörte ich an diesem Tag öfter.

Wie fühlst Du Dich …
Und da war noch JK…, eine junge Frau.
Wir unterhielten uns etwas und da stellte sie die Frage:
»Und wie fühlt man sich, wenn jemand für Dich gestorben ist?«
»So kann man das nicht sagen«, antwortete ich lächelnd, obwohl im gleichen Moment eine Welt in mir zusammenbrach.
Weil es eben doch so war.

Und JK… sagte es.
Das, was alle dachten.

Klar wusste mein Kopf die Wahrheit.
Aber meine Gefühle spielten vollkommen verrückt.

Und immer wieder sollte ich dankbar und glücklich sein.
Und das war ich. Immer mit einem Lächeln nach außen.
Aber in mir war das absolute Chaos.

Tatsächlich hatte ich oft das Gefühl, dass ich so nicht mehr weiter leben konnte.
Mit der Scham. Mit dem Menschen, den ich auf dem Gewissen hatte.

Und nicht nur der.
Da war noch Herr L… vom technischen Dienst. Oder der Mann, dem ich meinen ersten Dialyseplatz verdankte. Den ich durch seinen Tod bekam.

Alles prasselte auf mich ein, während ich lächelnd mein Leben weiter lebte.

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15.2) Der Anruf

Es dauerte nicht lange, da klingelte bei uns spät abends das Telefon. Dr. NE… war am Apparat. Die freudige Nachricht:
»Sie bekommen die Spenderniere.«
»Nein, ich will das nicht«, sagte ich und wollte auflegen.
J… hat sich noch mit dem Doktor unterhalten.
Keine Ahnung was. Ich flüchtete ins Schlafzimmer, vollkommen durcheinander.
Er kam zu mir und erklärte, dass wir den Doktor gleich nochmal anrufen sollten, um ihm meine Entscheidung mitzuteilen.

Mein Herz schrie: »Nein, Nein,Nein.«
Aber da war noch der Verstand, und mein sehnlichster Wunsch.
»Wir versuchen das mit dem Kind?«, fragte ich J…. »Versprochen, wir machen das, okay?«
»Ja«, sagte er. »Ja, aber es ist ganz alleine Deine Entscheidung. Du musst das wissen.«
Also entschied ich mich dafür, obwohl ich im Grunde nicht bereit dazu war.
Aber schließlich wollte ich mit ihm ein Kind. Das größte Geschenk zweier, die sich lieben.

Wir fuhren nach GN… ins Krankenhaus. Dort wurde ich untersucht, und es wurde eine Menge Blut abgenommen.
Nachdem man feststellte, dass ich für die Transplantation geeignet war, begann das Warten auf die Operation.

Mann – hatte ich Angst. Ich wusste ja gar nicht, was so auf mich zukam.
Eine Schwester merkte meine Aufregung und gab mir eine Tablette, damit ich schlafen konnte.
Am nächsten Morgen ging alles so schnell, dass ich mich nur an das Wecken vor der Operation und an das Aufwachen danach erinnere.
Das war auf der Transplantationsstation.
Ein Zimmer mit einem Mann, getrennt durch einen Vorhang

Nach der OP
Die neue Niere funktionierte hervorragend. Ich brauchte keine Dialyse mehr. Bereits 3 oder 4 Tage nach der Transplantation waren meine Blutwerte beinahe normal.

Aber ich war nicht normal.
Ständig musste ich an die Person denken, die sterben musste. Der ich zu verdanken hatte, jetzt ohne Dialyse zu leben.

Und so sehr mein Verstand sagte, dass dieser Mensch nicht wegen mir gestorben war, mein Gefühl war genau das Gegenteil. Ich lebte, und jemand ist dafür gestorben.
Zumindest profitierte ich von seinem Tod.

Ich habe das einem netten Arzt gesagt, der in das Zimmer kam. Der meinte, ich sollte mir darüber keine Gedanken machen.
»Derjenige ist nicht für Sie gestorben.«
Und da hörte ich es zum ersten Mal:
»Sie sollten dankbar sein, und glücklich.«

Am 2. Tag bekam ich Schmerzen im Bauch. Und da war ein Gefühl, das ich nicht einordnen konnte. Ich bekam Angst und klingelte nach einer Schwester. Nachdem ich ihr meine Symptome erklärte, lächelte sie und meinte:
»Probieren Sie es mal mit der Toilette. Sie müssen Wasser lassen.«
Pinkeln, so einfach war das.
Grinsend kam ich aus dem Klo.
»Keine Sorge, das passiert vielen Nullausscheidern«, meinte die Schwester lächelnd.
Ich war so lange ein sogenannter Nullausscheider, jemand, der schlicht und einfach nicht mehr pinkeln konnte, dass ich das Gefühl vergessen hatte.
Wenn die Blase voll war, und geleert werden wollte.
Und es war wirklich ein tolles Gefühl.
Manchmal wartete ich darauf, und genoss es, wenn ich zur Toilette musste.

Ich durfte wieder trinken. Noch besser, ich sollte trinken, so viel es mir möglich war.
Und egal was.
Ich durfte Cola trinken und Chips essen.
Trinken und Essen, was ich wollte.
WOW!

Das war so großartig. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit.
Krass, bombastisch, wundervoll.
Alles, was ich hier schreiben könnte, würde dieses Feeling nur im Entferntesten erklären.
Aber dennoch war da dieses – na ja – fast schlechte Gewissen, weil dieser Mensch sterben musste, für mich.

Und glaube mir, wenn ich es heute hier so aufschreibe, klingt es schon ein wenig verrückt. Aber ich war in diesem Zwiespalt zwischen Freude und schlechtem Gewissen.
Das war sehr schwer.

Meine Eltern besuchten mich im Krankenhaus. Ich freute mich. Als sie fragten, ob man in der Arbeit schon Bescheid wusste, sagte ich:
»Nein, ich hab mich nur krank gemeldet. Niemand weiß warum. Und ich möchte, dass es erst mal so bleibt.«
»Wieso?«, fragte einer von ihnen.
»Ich muss mit der Situation erst mal selbst klar kommen.«
Ich weiß noch, dass sie es nicht verstanden. Schließlich wäre das ja kein Geheimnis. Ich sollte – und da war es wieder:
Dankbar und glücklich sein.
»Das bin ich«, sagte ich. »Trotzdem sollte es noch keiner wissen.«

Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf von meiner Freundin und danach von meinem Kollegen MD….
Ich war irritiert, da ja eigentlich niemand etwas wusste. Schon gar nicht wie ich telefonisch erreichbar war und fragte Karin:
»Woher weißt Du, wo ich bin?«
Die Antwort traf mich wie ein Donnerschlag.
»Deine Eltern haben alle angerufen.«

Ich war wütend und stellte meine Eltern zur Rede.
Mein Vater war dran und erklärte mir, dass man das ja nicht verheimlichen konnte.
»Davon war nie die Rede. Ich sagte, dass ich noch Zeit brauche, um mit der Situation erst mal selbst klar zu kommen.«
Sie haben es nicht verstanden. Das war nicht ungewöhnlich, wir waren oft anderer Meinung. Aber ich dachte, dass sie meinen Wunsch respektieren würden.
Ich hatte mich leider geirrt.

Natürlich sprach es sich rum und ich bekam immer wieder zu hören, wie dankbar und glücklich ich sein musste.
»Ja klar, das bin ich«, war jedes Mal meine Antwort.

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15.1) Spenderniere/ Die Frage/ Das Warten

Die Frage

Als ich zur Dialyse kam, wurde ich gefragt, ob ich transplantiert werden möchte.
»Klar«, hab ich gesagt.
Ich war jung, und was sprach dagegen.

Zuerst musste ich eine Menge Untersuchungen durchstehen.
HNO, Zahnarzt, Kardiologe, Urologe (was ich ganz sicher nie wieder machen werde), allerlei Röntgen und Ultraschalluntersuchungen.
Tja, offensichtlich musste man rund um gesund sein, abgesehen von der Tatsache, dass die Nieren den Geist aufgegeben haben.

Eigentlich habe ich mir bei der Sache mit der Spenderniere nicht viel gedacht.
Natürlich wusste ich, dass jemand sterben musste. Aber so richtig nachgedacht habe ich da nicht.

Die Niere meiner Mutter
Meine Mutter hat die gleiche Blutgruppe und wollte mir ihre Niere spenden.
Mal ernsthaft, das war keine Option für mich – niemals!
Warum nicht?
Viele würden so ein Angebot dankbar annehmen. Aber ich war zwar dankbar, aber lehnte strikt ab.

Da war die Tatsache, dass ich meine Eltern liebte. Trotz aller Streitereien.
Wie konnte ich also von jemanden, den ich liebte, verlangen, sich dieser nicht einfachen Operation zu unterziehen?
Was, wenn etwas schief ginge. Ich die Niere hätte, und meine Mutter schwer krank, oder gar die OP nicht überleben würde?
Ich habe gelesen, dass viele Spender mit Nebenwirkungen zu kämpfen hatten.

Oder mal angenommen, es würde alles gut gehen, meine Mutter aber mit nur einer Niere in der Zukunft, durch einen Unfall oder Krankheit, die 2. Niere dringen benötigte.
Alles Schwarzmalerei, ganz klar!

Ich bekam von meinen Eltern einige Wochen immer wieder Zeitungsartikel über Transplantationen von Bruder, Mutter, oder Vater. Da ging alles gut. Natürlich, sonst hätte man es ja nicht in die Zeitung geschrieben.

Eigentlich schade. Da würde ich mir mehr ehrliche Berichte wünschen.
Mein Standpunkt war klar.
Ich konnte dieses riesen Opfer und Geschenk meiner Mutter nicht annehmen. Ich konnte das einem Menschen, den ich liebte, nicht antun. Zu groß war die Angst, dass etwas passieren würde.
Niemals!
Irgendwann hatten das meine Eltern akzeptiert.
Nicht verstanden, das war klar. Aber was sollten sie auch machen?!

Das Warten
Also wartete ich, bis ich auf der Liste von Eurotransplant nach oben rutschte. Bis ich auf Platz 1 war und der Anruf kam, der die Dialysezeit beenden würde.

Wir warteten alle in unserem Zimmer.
6 Dialysepatienten, die eine Niere brauchten. Und natürlich unterhielten wir uns darüber.

Da war eine Frau, sie war sehr nett. Ich besuchte sie mal. Sie hatte ein tolles Haus, einen Mann und bereits erwachsene Kinder. Ach ja, und einen Hund.

Als das Thema ›wir warten auf eine Spenderniere‹ aufkam, sagte sie:
»Ich hoffe, dass bald jemand stirbt, damit ich besser leben kann.«
Alle waren entsetzt über ihre Wortwahl.
»So kann man das nicht sagen«, meinte Herr KR… empört.
»Warum nicht«, dachte ich, ohne etwas zu sagen.

Genau das war es doch. Ganz egal, welch schöne Worte wir benutzen.
Letztlich war es genau das, was die Frau sagte.
Wir alle warteten darauf, bis der richtige Mansch sterben wird. Bis die vielen Menschen sterben, damit wir bei Eurotransplant nach oben rutschten.

Ich hatte davor nicht darüber nachgedacht. Nicht so konkret.
Ich hatte das Gefühl, dass dieser Mensch, wer es auch immer sein mag, für mich sterben müsste.
»Schrei jetzt nicht«, dachte ich.
Natürlich wusste ich, dass das nicht der Fall war, dass es das letzte große Geschenk war, das ein Mensch machen konnte. Und dass er, oder seine Familie, sich bewusst dafür entschieden haben.

Na ja, da ist die Sache mit dem Kopf und dem Herz.
Der Verstand war klar, aber meine Gefühle sagten mir, dass ich nicht länger warten konnte, bis der passende Mensch für mich sterben würde.
So unsinnig sich das auch anhört.
Keinen einzigen Tag mehr!

Ich ging zu meinem Arzt, Doktor HL…, und erklärte ihm, dass ich gerade nicht bereit war, eine Spenderniere zu bekommen.
Ich sagte sowas wie, dass ich meine Katzen nicht hergeben will, was man nach einer Transplantation sollte, wegen der Infektionsgefahr.
Ich glaube, heute ist das nicht mehr so, aber sicher bin ich nicht.

Der Doktor erklärte mir, dass man sich NT melden kann. Derzeit nicht Transplantierbar, auf eigenen Wunsch.
»Machen Sie das«, sagte ich.
Es war einfacher, als ich dachte.
Und der ganze Druck fiel von mir ab.
Das ganze Nachdenken, über das warten, bis der passende Mensch stirbt.
Und ich war leichter, zufriedener. Alles war gut, so wie es war.
Ich lebte gut mit der Dialyse.

Von meiner Entscheidung wusste niemand, außer der Doktor und ich.
Bis ich mit J… meine Zukunft plante, und ich mir mit ihm ein Kind wünschte. Beinahe unmöglich mit Dialyse.
Und ein Kind, würde das die Sache nicht rechtfertigen?
Also sagte ich Dr. HL…, er solle den NT-Status beenden und mich transplantierbar melden.

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14.2) Die Hochzeit

Das Standesamt

Wir sagten dem Standesbeamten, dass wir keine kirchliche Trauung hatten. Er sollte es so schön wie möglich gestalten, inklusive dem Wechsel der Ringe.

Mann, war ich aufgeregt. In wenigen Minuten würde ich diesen verdammt gutaussehenden Mann heiraten.
Auch wenn mir meine Kleidung nicht gefiel, dafür strahlte er umso mehr mit seinem blauen Anzug.
Dazu muss ich noch sagen …
Ich wollte auf keinen Fall in schwarz heiraten, obwohl das meine Farbe ist. Die Farbauswahl ging also auf mein Konto.

Die Spannung war kaum auszuhalten, bis wir aufgerufen wurden.
Und dann ging alles ganz schnell.
Turboschnell!
Der Standesbeamte raste durch das Programm und vergaß am Ende auch noch den Ringtausch. Das holten wir dann selbst ganz schnell so zwischen den Unterschriften nach.
Fakt ist, dass die Zeremonie viel zu schnell und so gar nicht schön war.

Und dann unterschrieb ich das erste Mal mit meinem
Namen: Dorfner

Wie so oft vorher fragte ich mich, warum mich dieser wundervolle Mann heiratete.
Gerade mich, die Unscheinbare, Kranke …

Die Feier
Das Desaster fing gerade erst an.
Nach der Turbo-Trauung fuhren unsere Gäste – es waren nicht viel, so 20 bis 30 – in die Wirtschaft, während wir zum Fotografen gingen.
Das mit den Fotos hat geklappt.
Für diesen Tag ein echtes Wunder.

Unsere Gäste sollten mit einem Glas Sekt empfangen werden, um die Wartezeit zu überbrücken.

So ein Sektempfang ist einfach eine schöne Sache. Wenn es klappt.
Als wir aber nach dem Fototermin im Gasthaus ankamen, hatten noch lange nicht alle ein Glas bekommen. Warum das nicht klappte, war mir nicht klar. Schließlich waren es nur ein paar Leute.
Ein Sektempfang, wie ausgemacht, stellte ich mir anders vor.

Es ging weiter:
Der Wirt hatte für unsere Gesellschaft und eine weiteren kleinen im Nebenzimmer, nur eine Bedienung abgestellt, die auch noch alle Getränke selbst zapfen musste.
Bedeutet, dass alles sehr lange dauerte.
Teilweise so lange, dass wir gefragt wurden, ob man nur ein Getränk bestellen durfte, weil das Zweite einfach nicht kam. Das war mir echt peinlich und ärgerte mich sehr.

Das Essen, obwohl gerade mal 2 abgemachte Gerichte, kam eher ›tröpfchenweise‹, so dass ein gemeinsames Essen nicht möglich war. Mein Vater bekam sein bestelltes Gericht erst gar nicht.
Also, das reinste Desaster.

Ich hätte heulen können, wäre da nicht die Tatsache, dass ich DIESEN Mann geheiratet habe. Den Mann, den ich über alles liebte.

Glaub es oder nicht: Noch heute, über 21 Jahre später, kribbelt es in meinen Fingern, wenn er meine Hand nimmt. Wenn er mir einen Kuss gibt, wird mir warm. Tja, es gibt sie doch, die Schmetterlinge im Bauch, das Schweben durch den Raum, die Wärme ums Herz, oder wie man es noch beschreiben könnte.

So war der 17.07.1998 zwar ein Desaster, aber die Jahre, die folgenden dafür besser – für mich.

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14.1) Vom Fliegengitter zum Glück

Direkt vor meinem Badezimmerfenster baute man eine Lampe. Durch das Licht im Raum, und dem zusätzlichen draußen, kamen so allerhand Insekten in die Wohnung.
Die Lösung – ein Fliegengitter.

Da das bei diesem Fenster nicht so einfach war, rief ich meinen Ex-Mann an, der mir sagte, wo er sich abends mit Bekannten traf. Ich fuhr da hin und erklärte ihm das Problem.
»Die Katzen drehen voll durch, mit den vielen Insekten. Aber durch das Katzenklo muss das Fenster ja offenbleiben.«
Spontan sagte er:
»Frag mal den J…, der kann sowas, glaube ich«, und zeigte auf einen Mann, der sich unterhielt.

Da war er: Groß, breite Schultern, dunkle Haare, Vollbart.
Der Mann von neulich, im Auto.
Und was für ein Mann!
»Ich glaub, ich trau mich nicht«, sagte ich.
»Frag ihn einfach, er ist nett«.
Also ging ich hin und starrte ihn dabei an. Ich konnte
einfach nicht damit aufhören.
Ob er es merkte?

Schüchtern stellte ich mich vor und erklärte ihm mein Problem.
Spontan meinte J…, dass er am nächsten Tag zum Ausmessen kommen würde.
Mann, war ich nervös.

Diese ganzen ›Schmetterlinge im Bauch‹, die gibt es wirklich. Und dass es einem nur beim Gedanken an jemanden ›warm ums Herz‹ wird, tja, das gibt es auch. Obwohl es dafür keinen Grund gab.

Erst mal war ich nicht allzu lange von meinem Mann getrennt und hatte vor, mit meinen 3 Katzen alleine zu bleiben. Und zum Zweiten hatte J… ja laut meinen Ex-Mann einen Jungen, was wohl hieß, dass er verheiratet war.

Aber sag das mal meinem Kopf, Herz, Magen. Einfach alles spielte verrückt, nur bei dem Gedanken an die wunderschönen Augen dieses Mannes.

Er kam wie versprochen zum Ausmessen und wir unterhielten uns noch bei einer Tasse Tee.

Die meisten Dialysepatienten dürfen nicht viel trinken. Ich gehörte auch dazu. Bei keiner Ausscheidung sind es offiziell 500 ml am Tag.
Es hat so gutgetan, mit J… einen Tee zu trinken, da war mir mein ›Wasserhaushalt‹ vollkommen egal.

Wir kamen uns immer näher, und ich erfuhr, dass er sich gerade von seiner Freundin trennte. Später betonte er, dass es nicht wegen mir war und ich hoffte, dass es auch wirklich so war.

Einmal, da wusste ich noch nicht so recht, was mit uns beiden so war.
Also klar, ich liebte ihn.
Aber er?

Ich hatte mit J… auch noch anderen Besuch, den er nach Hause fahren wollte. Als alle draußen waren schloss ich die Türe. Da kam er nochmal rein, küsste mich ganz schnell hinter der Türe und ging wieder.
Das war mein erster Kuss von ihm.

Ich schwebte durch die Wohnung und war der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Und ja, dass es ›kribbelt‹ bei der kleinsten Berührung oder bei einem kurzen Blick, das gibt es auch.
Das passiert noch heute, nach über 20 Jahren.

Bald darauf zogen wir in unsere erste gemeinsame Wohnung.
Meine Eltern waren nicht begeistert. Zum ersten, weil es nicht sein konnte, dass man so kurz nach einer Trennung wieder ›den Nächsten hat‹, wie sie es ausdrückten.
Und zum Zweiten, das habe ich nie vergessen, meinte meine Mutter:
»Ich wette mit dir, dass J… nach spätestens 5 Jahren geht, weil es wegen deiner Krankheit eh keiner mit Dir aushält. Gewöhn Dich dran, dass Du alleine bleibst.«

Mann, war ich beleidigt. Ich wollte nicht einsehen, warum ich nicht glücklich sein durfte, auch mit Krankheit.
Natürlich ließ ich mir nichts anmerken.

Mit der Zeit gewöhnten sie sich an meinen neuen Freund, den ich so sehr liebte, und das heute noch.

Einmal fuhren wir in den Bayerischen Wald, wo meine Eltern eine Ferienwohnung hatten.
Wir gingen am Abend in eine kleine Wirtschaft, sowas wie eine Skihütte.
Nach gutem Essen landeten wir an der Bar und tranken das ein- oder andere Schnäpschen.
Es ging lustig zu. Ich kann mich noch an einen Geckoschnaps erinnern, da war das Tier tatsächlich eingelegt. Ich weigerte mich standhaft, diesen auch nur zu probieren.

Also, es war zünftig, als der Standesbeamte des Dorfes kam und jemand, ich weiß nicht wer, die Idee hatte, dass wir doch gleich hier in der Wirtschaft heiraten könnten.
Ich war mir nicht sicher.
Wir hatten etwas mehr getrunken und ich wollte nicht heiraten, wenn sich mein Mann am nächsten Tag nicht mehr daran erinnerte. J… versicherte mir, dass dies nicht der Fall sein würde, und fragte mich ganz offiziell, ob ich seine Frau werde.
Ringe wurde auch gefunden.
Das ganze scheiterte dann, weil wir keine Geburtsurkunden dabei hatten.
Na ja, wer denkt schon an sowas, wenn man in den Urlaub fährt.

Da wurde der Grundstein für unsere Hochzeit gelegt.
Beim nach Hause fahren fuhren wir bei meinen zukünftigen Schwiegereltern vorbei, um ihnen die frohe Nachricht zu überbringen.
Eigentlich nahmen sie es gut auf, dachte ich zuerst.
Aber als J… zur Toilette ging, sagte seine Mutter, was mir wohl einfällt, ihren Sohn zu heiraten.
»Du mit deiner Krankheit. Ich komme auf keinen Fall zu der Hochzeit.«

Ich weinte im stillen, als J… wieder ins Zimmer kam. Ich wollte nicht, dass er das erfuhr. Erst nach vielen Jahren habe ich ihm davon erzählt.
Sie kam natürlich zu unserer Hochzeit. Und ich hatte nie wieder ein Problem mit ihr.

Verlobt haben wir uns am 19. Mai 1998 in dem kleinen ›Kapellerl‹ neben dem Regensburger Dom. Nur wir zwei, ganz still tauschten wir Ringe. Das war wunderschön. Ich war so glücklich. Wenn ich auch Schwierigkeiten hatte, rückte die Krankheit nach hinten.
Da war J… und ich, und die Hochzeit.

Weil ich meine Familie mit meiner ersten Heirat ja enttäuscht hatte, wollte ich diesmal alles richtig machen.
Im Nachhinein war das falsch, aber wer weiß das schon.

Ich musste Cortison nehmen, weshalb ich sehr viel zugenommen hatte. Dazu kam noch der dicke Bauch von
der Transplantation (Nächstes Kapitel).

Ich ging mit meiner Mutter in München einkaufen, bzw. versuchten wir es.
Ich erinnere mich gut an diesen Tag. Es war extrem heiß, dass mein Kreislauf versagte. Erschöpft saß ich in dem Kaufhaus und war verzweifelt. Es gab einfach nichts, was mir passte. Und mit Hose wollte ich nicht heiraten. Es musste doch ein Kleid geben, in dem ich gut aussah.
Meine Mutter schlug vor, Rock und Weste aus Seide zu nähen.
Mit Seidenmalerei, das konnte sie.

Es war eine sehr gute Arbeit, das war mir klar.
Nur, es gefiel mir nicht.
Aber wie konnte ich ihr das erklären, nach all der Mühe.
Ich sagte es ihr natürlich nicht. Schließlich wollte ich ja alles richtig machen, bei meiner Familie. Und was sollte ich anderes anziehen, bei meiner Figur.
Also rein in die Klamotten!

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13) Meine 3 Katzen

Krümel
Mitten in der Planung der gemeinsamen Wohnung mit meinem ersten Mann bekam eine Katze von seiner Mutter Junge. Ich glaube, es waren 3. Leider überlebten 2 davon nicht.
Der letzte Kater schien gesund.
Ich hielt den Kleinen in meiner Hand. Megasüß, schwarzweiß, die Augen fest geschlossen. Nicht mal so groß wie meine Handfläche.

Es war üblich, kleine Katzen direkt nach der Geburt – na ja – zu entsorgen. Das war nicht böse gemeint. Damals war das die Art, weil man die vielen kleinen Kätzchen nicht behalten konnte.
Ich fand und finde noch heute kein Verständnis dafür. Schließlich gibt es andere Möglichkeiten.

So sagte die Oma meines Verlobten zu mir:
»Gib mas, dann drah i eam an Grong um.«
Für die alte Frau war das eine ganz normale Sache, für mich nicht.
Da saß ich mit dem winzigen Lebewesen auf dem
Boden und sollte den Kleinen einfach so abgeben. Um ihm den ›Grong umdrah’n‹ zu lassen.
UNMÖGLICH!

Ich sah meinen Verlobten an und er wusste, dass ich das auf keinen Fall konnte.
Eigentlich wollten wir in unserer ersten gemeinsamen, kleinen Wohnung keine Katze, aber, bei meinem Blick sagte er:
»Okay.«

Überglücklich taufte ich den Kater ›Krümel‹, weil er eben so winzig in meiner Hand lag.
Er wuchs erst mal bei seiner Mama, in der Wohnung meiner Schwiegermutter auf. So oft ich konnte besuchte ich ihn und wartete – na ja – eher sehr ungeduldig, bis er von seiner Mutter wegkonnte.
Das dauerte …
Er wollte und wollte einfach nicht alleine fressen. Und mit Gewalt wollte ich das natürlich nicht.
Seine Mama fütterte ihn geduldig weiter, bis es auch ihr zu viel wurde.

Als Krümel dann zu uns in die neue Wohnung kam, weigerte er sich standhaft, irgendein Katzenfutter zu fressen. Nur Milch und Wasser, was natürlich nicht gerade gesund für ihn war.
Ich holte mir Rat beim Tierarzt und fing an, ihm Hackfleisch mit Milch zu geben. Oder Hüttenkäse, wo ich Fleisch und immer wieder Katzenfutter unterjubelte.
Ganz langsam nahm dieser Sturkopf dann endlich Katzenfutter an. Aber nur eine einzige Marke: Die Dosen vom Aldi.
Leckerchen durften es schon sein. Da war er nicht so wählerisch.

Einmal sah ich, dass er vom Balkon in die Wohnung, seinen Hintern auf dem Teppich schleifte und braune Spuren hinterließ.
Ich wunderte mich, weil er sauber war und ohne Probleme das Katzenklo benutzte.
Also untersuchte ich ihn und sah außer Kot noch Plastik von einer Einkaufstüte. Da fiel mir ein, dass ich den Einkauf vom Metzger im Flur stehen ließ. Und dieser Kater hat das Fleisch wohl inklusive der Tüte gefressen.

Sofort fuhr ich zum Tierarzt.
Der erklärte mir, dass es wichtig wäre, die Tüte so schnell wie möglich loszuwerden. Ansonsten bestand die Gefahr, dass sie sich im Darm verfing.
Er gab mir ein Abführmittel, das ich Krümel erst zu Hause geben sollte. Außerdem war es ratsam, ihn im Bad mit dem Katzenklo einzusperren.
Gesagt, getan.

Ich betete, dass mein Kleiner das Plastik unbeschadet loswerden würde und schwor, dass ich nie wieder einen Einkauf im Gang stehen ließ.
Nach etwa einer Stunde ging ich vorsichtig ins Bad, wo mein Kater seelenruhig im Waschbecken schlief. Der Rest im Raum – na ja – du kannst es dir vielleicht vorstellen. Das Abführmittel hatte ganze Arbeit geleistet. Aber mein Kleiner war am Leben. Nur das zählte.

Irgendwann fing er an, überall seinen Urin zu verteilen, oder Dinge kaputt zu machen. Und zwar immer dann, wenn er alleine war.
Er war einsam.
Da wir aber nun beide arbeiten mussten, beschloss ich, ihm eine zweite Katze, zu holen.

Tissy
Ich hörte, dass im Tierheim München eine Katze mit einer leichten Gehbehinderung war, die deshalb keiner wollte,
Ein Fall für mich, ganz klar.
Ich fuhr gleich am nächsten Tag dorthin, um mir die Kleine mal anzusehen.

Eine süße Kätzin. Oben ein bisschen braun getigert, mit weißem Bauch, Gesicht und Pfoten. Ihr Hinterteil kippte beim Laufen nach links.
Das war mir egal. Sobald dieses kleine Wesen auf mich zu kam und mich ansah, war es Liebe auf den ersten Blick.
Tissy war ihr Name und wurde die neue Partnerin von Krümel.

»Nur du kannst eine behinderte Katze aus dem Tierheim holen«, sagte mein Mann.
»Ja«, erwiderte ich. »Weil sie sonst keiner haben will. Niemand hätte Tissy zu sich geholt.«

Krümel verstand sich sofort mit unserer neuen Mitbewohnerin. Die Behinderung störte in der Wohnung kaum. Sie kam sehr gut zurecht. Und wenn sie zu mir wackelte, um ihre Streicheleinheiten abzuholen – wirklich zuckersüß.

Tiger
Irgendwann hörte ich von einem Tierschutzverein, nähe Ebersberg, der ein Zuhause für Kätzchen suchte. Man fand die Kleinen direkt an einer vielbefahrenen Straße. Wahrscheinlich eine Mischung aus Straßen- und Siamkatze.

Sie waren maga scheu, aber sowas von süß. Und ein grau getigerter Kater mit blauen Augen war so wunderschön, dass ich ihn spontan mitgenommen habe.
Ich nannte ihn Tiger, ganz einfach.

Er war wirklich extrem scheu, versteckte sich bei jedem kleinen Geräusch sofort hinter dem Schrank.
Mein Glück war, dass Tiger meinen Krümel als sowas wie seinen Vater ansah. Er folgte Papa auf Schritt und Tritt. Sogar zum Katzenklo.
Mit viel Geduld und Leckerchen schaffte ich, dass sich der kleine Kater zu mir auf die Couch setzte, solange sich sonst nichts regte. Dann sprang er sofort hinter den Schrank.

Ich liebte die 3, auch wenn sie mächtig viel anstellten.
Einmal tobten sie so wild, dass ein schmaler Schrank mitten im Wohnzimmer umfiel.
Ein anderes Mal schubsten sie den schweren Gulaschtopf – natürlich gefüllt – vom Ofen und hatten ein Festmahl.
Meine ganze Wohnung war voll mit Pfotenabdrücken von der Gulaschsoße.
Wie sie diesen Topf vom Ofen bekommen haben, frage ich mich noch heute.

Ganz klar, dass ich die Katzen nach der Trennung behielt.
So lebten Krümel, Tissy und Tiger mit mir, in der 3 Zimmer Wohnung.

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12) Verzweiflung und der Kaliumvorfall

Verzweiflung
Das Leben ging wieder weiter …

Mittlerweile musste ich mein Motorrad verkaufen, weil mir durch die lange Dialysezeit die Kraft fehlte.
Ich weinte sehr, als der neue Besitzer mit ›meiner‹ geliebten Maschine wegfuhr.

Und ich war ganz offiziell von meinem Mann getrennt. Es war ganz friedlich. Er suchte sich eine Wohnung, wir teilten Hausstand und Finanzen – das war’s.
Ich wohnte weiter in der Dienstwohnung.

Einmal, wir waren bereits getrennt, fuhr ich mit meinem Ex-Mann im Auto irgendwo hin. Er zeigte auf einen Mann auf der Straße und meinte:
»Ach, da läuft der J. mit seinem Jungen.«
Ich sah den Mann an: Groß, breite Schultern, dunkle Haare, Vollbart und dachte:
»Wow, was für ein Mann.«
Das krasse Gegenteil von meinem Ex neben mir. Diesen Vorfall habe ich schnell wieder vergessen und lebte, zwischen Ordner beschriften und Dialyse.
Auch wenn ich beim Ordnerbeschriften keine Fehler machen konnte, war das Leben unter meinen Kollegen nicht schöner.

Ich stand ständig unter Druck, wollte raus aus diesem Leben, was mir eher wie eine minimale Existenz vorkam.
Uns Dialysepatienten wurde gesagt:
Sollten wir dort nicht erscheinen, würde die Polizei gerufen und wir würden von ihnen zur ›Zwangsdialyse‹ gebracht.
Ich weiß nicht, ob das wahr war, aber ich glaubte es. Deshalb schmiedete ich den Plan, wegzufahren, in irgendein Hotel auf der Welt, wo ich mich versteckte. Einfach warten was passiert, so ganz ohne Dialyse.
Wie lange es dauern würde?
War es schmerzhaft?
Noch ein paar schöne Tage, bevor das Unvermeidliche kam.

Der Kaliumvorfall

Bei uns im Dialysezentrum wollte sich ein Mann umbringen. Aus Erzählungen weiß ich, dass er sich erst die Pulsadern in der Toilette aufschnitt, aber noch rechtzeitig gefunden wurde.

Bananen haben sehr viel Kalium, was Dialysepatienten nicht verarbeiten können. Das macht die Muskeln schwach, wenn der Wert zu hoch wird.
Und da das Herz ein Muskel ist …

Dieser Mann sperrte sich in ein Zimmer und aß Bananen, bis er an einem zu hohen Wert starb. Sein Herz blieb stehen.
Wir Patienten fanden diese Todesart gar nicht so übel. Aber die Ärzte meinten, dass es wohl eine qualvolle Art zu sterben war.
Ob das stimmte?

Auf die Frage, wie das wäre, wenn man mit der Dialyse aufhört, erzählte man uns die Sache mit der Polizei.
Ich war mir sicher, dass ich diese Scheiße nicht länger mitmachen wollte.
Arbeit – Dialyse – Arbeit – Dialyse ….
Das Ganze seit etwa 6 Jahren.

Ich brauchte eine Pause, aber die gab es nicht, niemals für mich.
Erschwert kam hinzu, dass die Kotzerei bei der Dialyse zwar aufhörte, aber ein anderes Problem auftauchte. Durch die Umstellung auf Bicarbonat bekam ich rasende, migräneartige Kopfschmerzen.
Nach jeder Dialyse.
Dreimal die Woche hockte ich im dunklen Raum und nahm immer höhere Schmerzmittel.

Raus!
Weg von hier!
Weg aus der Krankheit.

Aber der einzige Weg war, raus aus dem Leben.
Aber was passierte genau, wenn ich in irgendeinem Hotel auf dieser Welt auf das Sterben wartete? Und da war er ja noch, dieser verflixte ÜBERLEBENSINSTINKT, den uns das Leben mitgab.

Wie sollte ich den ausschalten?
Und die Angst, zu sterben.
Ob qualvoll oder schnell, was passierte nach dem Ende in dieser Existenz?

Und in dieser ganzen Verzweiflung brauchte ich ein Fliegengitter …