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18.4) Dialyse B..

Doktor B… war megafreundlich.
Er hörte sich meine Geschichte und der zugehörigen Bedenken an.

Danach führte er uns durch sein Zentrum.
Ich lernte sehr viel Technisches über die Dialyse.
Das die Reinheit des Wassers eine große Rolle spielt. Oder den Aufbau des Filters.

Je länger ich mit dem Doktor redete, desto sympathischer wurde er mir.
Und was soll ich sagen?
Er konnte alle Bedenken ausräumen.
Bereits am nächsten Tag hatte ich seine Dialyse ausprobiert.
»Wenn es Ihnen nicht gefällt, dann gehen Sie einfach wieder.«

Wegen meiner Migräne hatte er auch etwas.
»Kein Problem«, meinte er. Dann stellte er das Bicarbonat als Profil ein. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es so etwas gibt.
Aber so einfach war das.
4 Jahre lang 3 Mal die Woche Migräne wären mit nur einem Klick an der Maschine weg gewesen.
Darüber dachte ich lieber nicht weiter nach.
Vorbei ist vorbei.
Super, dass ich jetzt eine so große Hilfe bekam.

Es war klar:
HIER BLEIBE ICH!
Und heute sind es über 10 Jahre, dass ich dort bin.

Natürlich gibt es mal was zum Meckern. Schließlich sieht man sich 3 Mal die Woche für ein paar Stunden. Wir sind eben alle Menschen.

Ich fühlte und fühle mich dort wohl und möchte auch nicht weg.

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18.3) Dialyse A.. die 2.

Zuerst war ich wieder in A….
Schließlich war da mein Nephrologe und ich kannte ja auch keine andere Dialyse.

Irgendwie war es dort genau so, wie vor 13 Jahren. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Beinahe ging ich auf meinen alten Platz zu. Und tatsächlich war mein neues Bett im damaligen Zimmer.

Und wieder kam etwas, auf das ich verzichten konnte.
Die Migräne!
13 Jahre war sie weg. Nur nach einer Dialyse war sie wieder da.
Und wieder sagte man mir, dass es damit nichts zu tun hat.

Ich hatte starke Schmerzen an der Spenderniere.
Man sagte mir, dass es diese Art Schmerzen nicht gibt.

Dazu klappte das Stechen sehr oft nicht und so einige vom Pflegepersonal brachten mich zur Verzweiflung.
Kurz gesagt, ich fühlte mich dort extrem unwohl und nicht ernst genommen.

Ich weiß noch, dass ich mit J… und meinen Eltern in ihrem ›Garten‹ saß und ich mein Leid klagte.
Sie fragten, warum ich das Dialysezentrum nicht wechsle.
Ich sagte, das in Deutschland zwar freie Arztwahl galt, aber, dass das nicht so einfach wäre. Ich wusste nicht, wie die Fahrten von der Krankenkasse geregelt wurden. Zur nächsten Dialyse wurde Hin- und Rückweg mit einem Taxi übernommen.
Aber was, wenn der Weg weiter war?

Alle waren sich einig:
Kein Problem, das geht schon.
»Schließlich sind wir eine Familie«, meinte mein Vater.
Also – gesagt, getan.

Erst mal recherchieren, wo das nächste gute Zentrum
war, was sich schwierig gestaltete. Wie sollte man wissen, wo es gut ist?
Zum Glück war der Mann meiner Bekannten in Dialyse B… und von dort begeistert. Also meldete ich mich in der Praxis zu einem Gespräch.

Ich hatte ein bisschen Bammel vor dem Termin. Was würde auf mich zukommen?
Ich kannte ja nur A… und die Ärzte dort.
Zum Glück kam J… mit.

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18.2) Shunt-OP die X.

Zuerst – ganz klar – ein neuer Shunt musste her.
Der Arzt wollte das mit einer örtlichen Betäubung machen.
»Im Leben nicht«, erwiderte ich. »Auf gar keinen Fall!«

Alleine bei dem Gedanken daran wurde mir heiß und ich spürte die Schmerzen vom ersten Schnitt.
Der Doktor redete auf mich ein. Wie gefährlich eine Narkose sei, und dass man ja ›nachlegen‹ konnte, wenn etwas nicht passte. Außerdem würde er die Stelle direkt betäuben, nicht die Spritze in die Achsel.

Warum auch immer. Nach seinem Versprechen, er würde mir sofort eine Narkose geben, wenn es notwendig war, ließ ich mich wieder darauf ein.

UND ES TAT WEH! RICHTIG WEH!

Von wegen, er würde bei Bedarf ›nachlegen‹.
Meine Tränen liefen nicht nur wegen der Schmerzen, auch weil immer mehr Panik in mir aufstieg. Nachspritzen half nichts. Also bettelte ich nach der erlösenden Narkose.
Immer wieder meinte er, dass es nicht mehr lange dauern würde.
Aber mal ehrlich. Wenn man Schmerzen hat, dann ist jede einzelne Minute zu viel.

Gegenüber war eine Uhr. Wie lange war ›nicht mehr lange‹?
Bei diesem Arzt war es fast 1 Stunde. Beinahe 60 Minuten der reinste Horror.
Offensichtlich klappte das mit der örtlichen Betäubung bei mir nicht.
Oder lag es am Doktor?

Heute muss ich sagen, dass ich viele Shunts oder Shuntreparaturen hatte, mit örtlicher Betäubung und zusätzlich einem Nickerchen. Das gibt es nämlich auch. Ein netter Narkosearzt hat mir das gesagt. Und damit komme ich hervorragend klar.
Also – keine Angst – so geht es auch. Es gibt oft einen erträglicheren Weg.

Nachdem das geschafft war, begann das Warten.
Warten, bis die Werte immer schlechter wurden. Bis unter 11 % Nierenleistung, meinte mein Nephrologe.

Nach 13 Jahren war meine dialysefreie Zeit vorbei.
Und – glaub es oder nicht – ich war froh.
Als klar war, dass ich mich in dieser Einbahnstraße befand, dachte ich nämlich:

Ich war glücklich mit der Dialyse und unglücklich mit der Spenderniere. Musste ich da nicht glücklich sein, wenn ich wieder an der Dialyse war?
Würde der Druck der Schuldgefühle, mit denen ich zwar irgendwie klar kam, aber mich dennoch plagten, würde der nicht abfallen?

Irgendwie klang das so schön einfach.
Aber – bei Frau Dorfner war eben nix einfach.
Und du ahnst es:
Das erhoffte Glück kam auch mit der Dialyse nicht zurück.

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18.1) Nierenbiopsie die 2.

Nach etwa 10 Jahren fing meine transplantierte Niere an ›krank‹ zu werden.

Mir war immer klar, dass die Transplantation keine ewige Sache sein würde.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das viele nicht wissen.

Ich habe von Nieren gehört, die 30 Jahre lang hielten. Aber ich denke, das ist eher die Ausnahme.
Ein Doktor erklärte mir, dass die durchschnittliche Lebensdauer eines Spenderorgans etwa 9,5 Jahre beträgt. Da war ich, mit meinen 10 Jahren nicht schlecht dran. Und es fing ja erst an.

Aber da waren sie wieder, die ständigen Kontrollen und Verschlechterungen. Diesmal wusste ich Bescheid und konnte das ganze nicht ignorieren oder lächelnd abnicken.

Und dann sollte ich zur Nierenbiopsie.
Scheiße – hatte ich Angst!
Zu deutlich waren die Erinnerungen an meine erste.

Auch wenn die transplantierte Niere nun im Bauch war, passte die Erklärung des Arztes, dass es keine große Sache sei, nicht in meine Vorstellung. Schließlich hatte man das damals auch gesagt.

Beim Runterfahren in den Untersuchungsraum war ich noch ganz mutig.
Aber dann ging es los!
Zuerst kamen ein paar versteckte Tränchen, dann habe ich hoffnungslos angefangen zu heulen. Es war mir zwar peinlich, aber die Tränen liefen unkontrolliert.

Eine Schwester kam, und fragte, was denn mit mir los ist.
Als ich ihr von meiner Panik erzählte, und dass damals ja auch alle sagten, es wäre keine große Sache, lächelte sie:
»Es ist wirklich kein Ding. Die Niere liegt ja jetzt direkt unter der Haut. Sie werden sehen, das ist schnell vorbei.«
Ich hatte panische Angst, alleine bei der Spritze, die die Haut betäubte.
Der Arzt, der diesmal sehr freundlich war, zeigte mir das ›Stanzgerät‹.
Und als er anfing, machte ich mich auf alles gefasst. Alles, bis zu Schmerzstärke 10 und grauenhafte Übelkeit mit übergeben.

Ich hörte ein ›klick‹, und dann … nichts.
Ein weiteres Klicken … wieder nichts.
Kein Schmerz, keine Übelkeit.
Fast schämte ich mich für mein Verhalten, was, durchaus etwas peinlich war.

Die Untersuchung brachte das Ergebnis:
Die Niere geht kaputt. Das Ganze war nur noch eine Frage der Zeit.
Nun gut, jetzt hatte ich es amtlich. Es ging von vorne los. Nur wusste ich diesmal genau, was auf mich zukam.

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17.8) Bauch-OP mit Folgen

Ich hatte unzählige Operationen.
Davon, klar, die Transplantation, die Niere wieder raus. Die Gallenblase wurde entfern, genau so wie die Gebärmutter.

Unendlich viele Shuntoperationen, Bypass für die Hand, und noch mehr, an die ich mich nicht mehr erinnere.

Insgesamt wurde ich 4 Mal am Bauch operiert.
Immer wieder gab es Probleme mit der Wundheilung.
Und jedes Mal schlimmer.

Es war, bzw. ist wirklich nervig. Tatsächlich habe ich heute noch eine offene Stelle.
Ich glaube, es war bei der 2. Operation. Die Fäden wurden gezogen und alles schien okay. Doch als der Verband am nächsten Tag gewechselt wurde, war die Wunde wieder aufgegangen.
Was für ein Anblick!

Der Schnitt ging von unterhalb des Bauchnabels bis zu den ersten Rippen.
Und das war offen.
Echt gruselig.
Nachdem das wieder ›repariert‹ wurde, wollte es nicht mehr heilen.

Nach der 3. Operation war es von Anfang an schwierig.
Ich bekam einen Verband mit Vakuum, der 3 Mal die Woche gewechselt wurde. Jedes Mal mit einer kleinen Narkose. Immer wieder wurde ›faules Fleisch‹ entfernt. Damit wurde das ganze natürlich nicht kleiner.

Man entschied sich für eine Hauttransplantation.
Von meinem Oberschenkel an meinen Bauch.
Na ja, warum nicht?
Bei den ganzen Narben also dann auch noch das.
Und da die Wunde bereits meinen Bauchnabel erreichte, musste der auch daran glauben.
Also echt, so ein Bauch ohne Nabel sieht extrem doof aus. Man sollte meinen, dass dieses kleine Ding keine große Rolle spielt. Vor allem unter den ganzen Narben.
Aber ehrlich, ich vermisse meinen Bauchnabel.

Neben diesen ganzen kleinen Operationen war da ja noch Montag, Mittwoch und Freitag die Dialyse.
Das war extrem anstrengend. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Der Norovirus

Ich erinnere mich, dass ich Durchfall hatte. Und dann, dass mir in der Nacht extrem schlecht wurde.

Das war am Donnerstag vor Neujahr.
Bis auf kleine Erinnerungsfetzen wie, die Ärztin steht an meinem Bett, oder wie ich irgendwo hingeschoben wurde, war da nichts mehr.

Als Nächstes wache ich auf und wundere mich, dass sowohl Handy als auch das iPad komplett leer waren. Ich steckte sie an das Ladegerät und rief sofort J… an. Der meinte:
»Wundere Dich nicht, wir haben heute den 1. Januar.«
Er erklärte mir, dass er am Donnerstag noch bei mir war, was ich nicht mehr wusste.
Es stellte sich heraus, dass ich den Norovirus erwischte.

Am Freitag wollte J… mich besuchen. Er war bereits in BZ…, als er merkte, dass auch er diesen Virus hatte. Ich schätze, dass er sich wohl bei mir ansteckte.

Sonntag war dann der 1. Januar.
Was war Freitag und Samstag passiert?
Wieder die Kontrolle verloren und keinen Schimmer.
Was für ein misst!

Der Durchfall und die Übelkeit wurden besser.
Aber ich weiß noch, egal was ich zum Essen bekam, alles schmeckte nach Erbrochenen.
Nach Norovirus.

Jemand erklärte mir, dass es ab Februar mit diesem wieder losgeht.
Und das gemeine ist, dass er 72 Stunden vor dem Ausbruch bereits ansteckend ist.
Ich hoffe, dass ich diese Bekanntschaft nie wieder machen muss.

Als auch das überstanden war, war der Weg zur nächsten Katastrophe frei.

Anders sehen

Ich wachte morgens auf, bzw. wurde wie immer geweckt. Der erste Eindruck war, dass irgendwas anders war. Aber ich konnte das nicht richtig einordnen.

Bei der Visite sagte ich, dass ich irgendwie komisch sehe. Der Arzt lächelte:
»Aha, Sie sehen komisch.«
Na was sollte er sonst machen. Meine Angaben waren alles andere als präzise.

Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass der Grund mein linkes Auge war. Das Gesichtsfeld war stark eingeschränkt. Als ich es J… erzählte, ging er gleich zu Dr. K…, die sofort reagierte. Ein Neurologe kam und machte so allerlei Tests.

Da mit meinem Kopf zum Glück alles in Ordnung war, entschied man, dass ich nach München in die Augenklinik sollte. In diesem Fall eine Station im RR.

Die Fahrt dort hin war cool. Mir ging es nicht schlecht, deshalb konnte ich mich mit dem netten Sanitäter unterhalten. Wenn es einem nicht ›kotzig‹ geht, kann so eine Fahrt im Krankenwagen auch Spaß machen.

Die Angst saß mir im Nacken. Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, was das sein könnte.

Beim Augenlicht hört der Spaß auf.
J… fuhr mit dem Auto nach München und wir trafen uns in der Klinik. Zusammen warteten wir auf der Station.

Da es bereits Abend war, kam ich als Notfall, wie auch noch ein paar andere Patienten.
Wir warteten und warteten. Es schien kein Ende in Sicht.
Uns wurde gesagt, dass der zuständige Arzt alleine war und noch weitere Stationen zu betreuen hatte.

Nach Stunden, ich glaube, es war bereits 22:00 Uhr, kam ich dran. Bis dahin glaubte ich, dass das schon wieder wird.
Auch der Arzt war erst mal irritiert. Es schien alles in Ordnung, bis auf die Einschränkung im Gesichtsfeld. Er rief die Oberärztin an, die extra wegen mir ins Krankenhaus fuhr. Deshalb dauerte das nochmal eine Ewigkeit.
Die Ärzte diskutierten, untersuchten mich und diskutierten weiter.

Dann erklärte mir die Oberärztin:
»Sie hatten so etwas wie einen Schlaganfall im Auge. Durch den extrem niedrigen Blutdruck sind die Augen unterversorgt.«

»Und was machen wir jetzt?«, fragte ich.
»Da kann man nichts machen«, war die nüchterne Antwort.

Ich war irritiert. Nicht, dass das eine Kleinigkeit wäre. Ich sehe nur noch wenig auf dem linken Auge. Du kannst Dir vorstellen, dass ich mich etwas aufregte.

Die Ärztin holte mich schnell runter mit:
»Seien Sie froh, dass es so ist. Sie hätten das im Kopf haben können, dann wären Sie schwer behindert oder sogar tot.«

Also sollte ich mich freuen, konnte es aber nicht.
Heute habe ich mich daran gewöhnt, dass ich komisch, oder anders sehe.

TIA
Einmal sagte mir ein Kardiologe:
»Mit dem niedrigen Blutdruck bekommen Sie wenigstens keinen Herzinfarkt oder Schlaganfall.«

Leider hatte er nicht recht.
Einmal hatte ich eine TIA, so etwas wie ein Vorbote vor einem Schlaganfall.

Ich weiß noch, dass wir beim Essen waren, da fühlte sich schon irgendwas komisch an. Wieder mal, was ich nicht einordnen konnte. Aber es war nicht schlimm oder schmerzhaft, deshalb dachte ich nicht viel darüber nach.

Am Nachmittag gingen J… und ich ins Fitnessstudio.
Auf dem Rudergerät merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Als ich aufstand, war die linke Seite irgendwie leichter. Als ob die Anziehungskraft rechts die Erde war und links der Mond.

Ich sagte es J… und meinte:
»Ist wohl besser, wenn wir ins Krankenhaus fahren.«
Das Packen und die Fahrt nach München dauerte etwa eine Stunde. Bis dahin war das Gefühl weg und ich sicher, dass wir gleich wieder nach Hause können. Fast wäre ich gar nicht ins Krankenhaus gegangen. Aber Miss Vernunft entschied, dass ich das zumindest mal einem Arzt erzählen musste.

Eigentlich drehte ich immer am Rad, wenn ich in der Notaufnahme war.
Diesmal war es genau andersrum.
Ich musste sofort auf die Intensivstation und bekam Blutverdünner.

»Sie hatten eine TIA, das ist ein Vorbote vom Schlaganfall. Gut, dass Sie gekommen sind. Das hätte schlimm ausgehen können.«

72 Stunden musste ich auf dieser Station bleiben. Und ich musste dort Patienten sehen, die viele Folgeschäden auf Grund eines Schlaganfalls hatten.
Ich hoffe, dass mir das erspart bleiben wird.

Aber durch den extrem niedrigen Blutdruck ist mein Kopf unterversorgt. Ich könnte dadurch wieder eine TIA oder Schlimmeres bekommen. Und die Augen leiden auch darunter.

In der Augenklinik sagte man mir:
»Suchen Sie sich einen guten Internisten und sehen Sie, dass der Blutdruck nach oben geht.«
Der gute Internist sagt:
»Es gibt keine Möglichkeit mehr. Fragen Sie doch in der Augenklinik, was denen einfällt.
Aber die sagen:
»Wir sind nur Augenärzte.«

Eine verzwickte Situation, unter der ich leide.
Einmal fragte ich:
»Ich habe das links über Nacht bekommen. Kann es sein, dass ich aufwache, und ich sehe auch auf dem rechten Auge nicht mehr?
»Ja«, war die Antwort.
»Dann könnte ich über Nacht blind werden?«
»Ja.«
WAS FÜR EIN SHIT!

Ich bin oft die ganze Nacht auf, weil ich Angst habe, dass ich blind werde.
Dass am nächsten Morgen alles schwarz ist.

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17.7) Die Sache mit der Sucht

Ich habe 25 Jahre lang geraucht.
Zuerst, habe ich mir eingebildet, dass ich jederzeit aufhören kann. Dann habe ich es oft probiert, aber nie geschafft.

In einer Klinik fragte mich die Ärztin:
»Möchten Sie einen Nichtraucherkurs mitmachen?«
»Klar«, hab ich gesagt. »Kann ja nicht schaden.«
Tatsächlich hat mir der Kurs sehr bei diesem Schritt in meinem Leben geholfen.

Nach 25 Jahren und etlichen Versuchen wurde ich endlich Nichtraucher.
Jeder hat seinen Grund oder seinen ›Knackpunkt‹, den er braucht, um damit aufzuhören.

Ich fand sehr hilfreich, dass man keine schlimmen Bilder von Raucherlungen, oder Schreckensgeschichten von Raucherkrankheiten besprach. Jeder der raucht, kennt die Risiken. Und wahrscheinlich glaubt jeder, dass es immer nur den anderen erwischt.

Die Aussage, bei dem es bei mir ›klick‹ machte, war:

»Sie können, wie die Oma nebenan, die ihr Leben lang geraucht hat, auch 96 Jahre alt werden.
»Aber, wenn Sie wegen Zigaretten sterben, dann sterben Sie qualvoll.«


Am Ende sollten wir einen Brief schreiben, bei dem wir die Gründe aufzählen sollten, warum wir aufhören wollten. Dieser Satz stand ganz groß an erster Stelle:

ICH MÖCHTE NICHT QUALVOLL STERBEN!

Diesen Brief habe ich ein halbes Jahr später bekommen. Es war schön, zu lesen, warum ich diesen Schritt ging. Eine Bestätigung, dass es so richtig war.

Auch das Schreiben dazu fand ich gut.
Eine Gratulation wenn es geklappt hat.
Und wenn nicht, dann rufen Sie mich an, stand da.
Kein Vorwurf.
Wenn es nicht geklappt hat, dann würde man helfen.
Ein toller Kurs, mit einem tollen Abschluss.

Vor diesem hatte ich ein Jahr lang nicht geraucht.
Dann habe ich zu einer Bekannten gesagt, dass ich eine mitrauche. Einfach so. Ohne darüber groß nachzudenken.
Und ganz ehrlich – das tat so gut!
Auf eine kleine Art war ich ein wenig high.
Mein Körper freute sich, den altgewohnten Qualm zu bekommen.
Und was mache ich sofort als Nächstes?
Ich kaufe mir beim Kiosk eine Schachtel Zigaretten und dazu ein Feuerzeug.

Wahnsinn, was so eine Sucht macht.
Ein paar Monate habe ich wieder geraucht, bis zu diesem Kurs.

Wenn ich neben einem Raucher stehe, würde ich mir auch heute noch nur allzu gerne eine schnorren. Aber ich weiß, was passiert.

Zum Glück war das nach einem Jahr.
Kaum vorzustellen, wenn ich nach 10 Jahre nur mal eine mitgeraucht hätte.

Heute bin ich über 14 Jahre rauchfrei.

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17.6) Herzstillstand? Ich?

In mir schrie es, aber ich hatte nicht die Kraft, das nach Außen zu bringen.
»Okay«, brachte ich leise hervor und schlief wieder ein.

Irgendwann sagte ich:
»Ich spüre meine Füße nicht mehr.«
Man machte Tests. Es war, als ob da nichts wäre. Ich wusste, da muss was sein, aber das fehlte einfach.
Klar konnte ich nicht aufstehen. Nicht mal umdrehen war so richtig möglich.
Mann, hatte ich Angst, dass das so bleiben würde.
Was für eine Scheiße!

Ein Arzt von der nephrologischen Abteilung kam am nächsten Tag zu mir und erklärte:
»Die Narbe am Oberschenkel, da, wo die Ader entfernt wurde, blutete innen weiter. Sie haben gut 1,5 Liter Blut verloren.«

»Okay«, sagte ich. »Deshalb fühlte ich mich so mies?«
»Ja. Sie haben einen HB von knapp 5. Als das Blut an der Dialyse rausgezogen wurde, wehrte sich der Körper. Deshalb ihre Reaktion. Bei dem Wert wäre jeder ausgeflippt.«
Boa, war ich froh!

Es gab eine Erklärung. Eine, die ich nicht wegatmen konnte.
Frau Dorfner hatte keine Psyche!
So eine ›kleine‹ Sache, wie ein Herzstillstand musste das beweisen. Und wieder bin ich der Meinung, dass ich zu früh abgestempelt wurde.

Der Dialysearzt meinte, dass ich zu viel Wasserentzug angegeben hätte. Also, ganz klar, bei einem HB von 5 geht eine Menge Blut ab, das der Körper braucht. Dazu noch der Entzug, das war dem Herz zu viel. Das Problem war, dass ich ja nicht wusste, dass da 1,5 Liter im System fehlten. Meine Angaben waren also korrekt.
Aber für die Ärzte stand fest:
Der Herzstillstand wurde durch zu viel Wasserentzug ausgelöst.
Und die Menge hatte ich ja selbst angegeben.
Deshalb ist Frau Dorfner selbst schuld!

Kam nur mir das seltsam vor?
2 Tage sagte ich, dass es mir mies ging. Hätte man da nicht mal das Blut untersuchen müssen? Aber eine Atemtherapeutin?
Da hätte ich noch so viel atmen können!

Und jetzt saß ich mächtig in der Scheiße

Na ja, ich lag.
Beinahe unfähig, mich nach der Hüfte zu bewegen. Meine Füße waren weg. Was, wenn das so bleiben würde?

Die Dialyse auf der Intensivstation läuft ja wieder sehr lange. Was eigentlich egal wäre, würde sie nicht über den Shunt laufen. Man legte mich auf die Seite, rechter Arm ausgestreckt. Mit Nadeln bewegt man sich freiwillig nur wenig.

Die ersten Tage hatte ich keinen Hunger. Als man dann mit leichter Nahrung, Suppe und Pudding, anfing, kam das unvermeidliche. Und wenn man sich fast nicht bewegen kann, und der Darm sich bemerkbar macht … na ja, Du kannst es Dir wohl mal wieder vorstellen.
Und das nahm auch kein Ende. Die Tage vergingen, ohne meine Füße. Da es mir bis auf ›diese Kleinigkeit‹ immer besser ging, sollte ich aus der Intensivstation raus. Der Platz wurde für einen dringenderen Fall gebraucht. Ganz klar, sowas geht vor.
Im Eiltempo wurden meine Sachen gepackt und auf das Bett gelegt.

Auf der Station angekommen, stand bzw. lag ich vor einem Problem:

Ich sollte vom Intensiv-Bett in das Normale umsteigen.
»Können Sie die paar Schritte laufen«, wurde ich gefragt.
»Nein, meine Füße sind nicht da.«

»Sie können nicht aufstehen?«, fragte die Schwester schockiert.
»Nein, leider nicht.«
Das gefiel ihr gar nicht. Offenbar wurde sie darüber nicht aufgeklärt.

Über ein Brett wurde ich in das andere Bett geschoben. Und mal ehrlich, ich fühlte mich wie ein nasser, schwerer Sack.
Und wieder die Angst:
Was, wenn das so bleibt?
Wenn ich tatsächlich im Rollstuhl lande?
Wie sollte es dann weiter gehen?

Mein Respekt für alle Rollstuhlfahrer, die sehr gut damit leben und klar kommen!

Tatsächlich kann ich mich fast nicht an die Zeit auf der Normalstation erinnern.
Frau F…, die Therapeutin von der Psychosomatik kam oft. Das half. Ich mochte diese Frau.
J… kam beinahe täglich. Er war wieder der Fels in der Brandung.
Aber wieder war geteiltes Leid doppeltes Leid.

Wer weiß, was die Zeit mit ihm gemacht hat.
Eine Zeit, geprägt von Krankheit.

Ich bekam Physiotherapie. Am Anfang im Bett aufrichten, dann an der Bettkante sitzen. Mehr war nicht möglich, bis sich dann meine Füße bemerkbar machten. Erst ein Kribbeln, dann konnte ich sie wieder bewegen.
MANN, WAS FÜR EIN GEFÜHL!
Und als ich das erste mal vom Bettrand ganz kurz aufstehen konnte …
Mit Hilfe, aber echt … BOAH!
Das erste Mal mit so einem Rollator, wo man sich mit dem ganzen Unterarm abstützen konnte. Und damit dann die ersten Schritte …
Es war ein Gefühl, so unbeschreiblich, fantastisch, krass, und alles, was Du Dir vorstellen kannst.

Jeder Schritt tat weh, aber was solls!
Kein Rollstuhl!
ICH KANN LAUFEN!
Und dann das erste mal allein Duschen. WOW!
Damit war die Krankenhauszeit nach vielen Wochen zu Ende.

Was gesehen?
Wenn ich erzähle, dass ich einen Herzstillstand hatte, dann werde ich manchmal gefragt, ob ich etwas ›gesehen‹ habe.

Ich kann mich an Folgendes erinnern:
Da war dieser Arzt von der Dialyse im Krankenhaus. Ich habe mit ihm schon öfter, na ja, heftig diskutiert. Wir waren beinahe nie einer Meinung. Kurz gesagt, ich hatte mit ihm so meine Probleme und mochte ihn nicht.
Und gerade diesen Doktor sah ich und dachte die ganze Zeit:
»Ich kann nicht sterben. Nicht wenn ich IHN als letztes sehe.«
Immer wiederholte ich diesen Satz.
Ob ich das wirklich dachte, oder ob es ein Traum war, kann ich nicht sagen.
Tatsächlich glaube ich, dass mich dieser Gedanke am Leben hielt.
Aber ob das wirklich so ist?

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17.5) Mein Schlimmstes in Sachen Psyche

Mein Shunt machte immer mehr Probleme.
Ständig gab die Maschine Alarm, weil die Drücke nicht stimmten.

Beinahe alle 2 Wochen ging der Shunt zu, weshalb ich immer wieder zu Doktor WF… musste, um ihn zu »reparieren«. Aber es half nichts, da musste ein neuer her.

Eigentlich dachte ich mir nicht so viel dabei, da ich mich bei Doktor WF… in guten Händen wusste. Aber diesmal hatte ich tatsächlich Angst. Ich fühlte mich schlapp, niedergeschlagen und kraftlos. Ich erinnere mich, dass ich so eine Woche vor dem Eingriff Alex traf und ihm sagte:
»Ich weiß nicht, ob ich die OP überstehe. Ich fühle mich so richtig scheiße.«
»Klar kriegst du das hin«, antwortete er.
Ich war mir nicht sicher.

Durch die schlechte Dialyse waren meine Werte ebenso mies. Ich fühlte, dass da irgend was war. Diesmal ging es nicht gut, sollte ich mich irren, umso besser.

Als mein ›psychisch‹ defekter Arm operiert wurde, entfernte man im Oberschenkel eine Ader, und setzte sie im Arm ein. Das klappte gut und war nun auch rechts geplant.

Die Shunt-OP

So viel Angst ich auch hatte, natürlich ging ich zu dem Termin. Wieder mal hatte ich keine Wahl, weil die Dialyse einen funktionierenden Shunt brauchte.

Die Vorbereitungen liefen gut.
Auf Wunsch durfte ich wieder ein Nickerchen machen. Noch immer schiebe ich voll die Panik, wenn ich nur an ›örtliche Betäubung‹ denke. Wahrscheinlich wird sich das nie ändern.

Da mein Blutdruck extrem niedrig war, wachte ich auf der Intensivstation auf. Zu der Zeit hatte ich ja noch die Magen-Attacken und dachte, dass sie wieder anfangen.
Super!
Aber irgend was war anders.
Ich erinnere mich, dass ich nachts eine Bluttransfusion
bekam. Na ja, außer ich hätte es geträumt.

Morgens ging es mir so richtig mies. Mir war übel und
ich hatte Bauchschmerzen. Aber da war noch etwas.
Ich konnte diesen Zustand nicht einordnen oder erklären. Obwohl ich es versuchte. Aber sofort stand fest:
Frau Dorfner hat Psyche!
Man schickte mir also eine Therapeutin, die meinte: »Atmen Sie, Frau Dorfner. Sie müssen den Schmerz und das Gefühl wegatmen.«
Okay, ich versuchte das wirklich.
Ich war so angespannt, dass mal in Ruhe atmen, zumindest dafür, helfen konnte. Das Gefühl blieb. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte.

Da ich zur Dialyse musste, verlegte man mich auf die Normalstation. Von dort wurde ich mit dem Krankentransport zur Dialyde B… gebracht.
Das ist echt eine miese Sache. Ganz egal, wie beschissen es einem geht, zur Dialyse muss man trotzdem.
J… war da. An diesem Tag wurde er im Krankenhaus gefragt, ob ich Drogen nehme. Vielleicht war es berechtigt. Mir ging es so dreckig, dass ich gar nicht mehr wusste, wie
ich rüberkam. Welchen Eindruck ich machte.

»Ich weiß nicht, ob ich das heute schaffe«, wiederholte ich immer wieder.
»Wenn ich nur beschreiben könnte, was ich fühle.«
Ich bekam erst mal was zur Beruhigung. Das fand ich gut und wartete sehnsüchtig auf die Wirkung.
»Jetzt mal ganz ruhig«, dachte ich und schaffte das ganz gut, beim Stechen der Nadeln.
Alles gut!
Bis die Maschine anfing zu laufen.
Was da passierte, fühlte ich so noch nie.
Ich wusste, dass mein Kreislauf abhaute. Aber so kurz nach dem Anhängen?
Weg! Ich musste weg! Raus!
Ich hing mit den Nadeln am neuen Shunt und konnte das nicht mehr kontrollieren.
J… und der Doktor hielten mich fest, während die Schwester mich schnell von der Maschine trennte.
Im Nachhinein ist mir das heute noch peinlich.

Ich sollte die Dialyse am nächsten Tag in Perlach wiederholen.
Tja, wie gesagt, ohne gehts halt nicht.
Vollkommen fertig wurde ich wieder ins Krankenhaus gebracht.
Das Gefühl, das sich leider nicht wegatmen ließ, wurde schlimmer. Mir wurde mächtig übel und ich fing an, mich zu übergeben. Den Rest des Tages und die ganze Nacht verbrachte ich über der Kotzschale. Dabei war ja bekannt:
Frau Dorfner hat Psyche!
Deshalb war die Nachtschwester sehr genervt, weil ich immer wieder neue Schalen brauchte.
Am nächsten Morgen kam J…, um mich nach Perlach zu begleiten.

Nach der Visite meinte die Schwester:
»Sie können dann nach der Dialyse nach Hause.«
Wir waren irritiert.

Mir ging es noch schlechter, war nur noch ein Häufchen Elend.
»Haben Sie die Frau mal angeschaut«, sagte J…. »Ich glaube, es ist ihr noch nie so schlecht gegangen.«
»Der Doktor hat gesagt, dass sie gehen kann.«
Die Entscheidung stand fest. J… packte meine Sachen.
Ich war zu nichts mehr fähig.

»Die Dialyse durchstehen«, dachte ich. »Dann sind die Werte besser. Dann wird es wieder.«
In Perlach war ich guter Dinge. Zwar ging es mir mies wie noch nie, aber ich behielt die Ruhe. Das Stechen der Nadeln klappte gut.
Na also, geht doch!

Bis die Maschine startete, dann war es wieder da.
Wie ein Tier, dessen Fluchtinstinkt geweckt wurde. Ein Reh, das den Tiger spürte.
Wieder konnte ich es nicht einordnen, und vor allem nicht kontrollieren. Sofort wurde ich abgehängt.
»Sie müssen ins Krankenhaus«, meinte die Ärztin.
Mir war es recht. Nur mal hingehen und Dialyse machen.
Ne schnelle Sache, dann gehts mir wieder besser.

Also fuhren wir ins Krankenhaus RR, weil man dort eine Dialysestation hatte.
Die Ärztin schrieb einen Brief, in dem natürlich auch mein psychischer Zustand erklärt wurde.

Das verstand ich. So, wie ich mich verhielt. So ganz weilt hinten, in meinen Gedanken dachte ich wirklich:
Drehst Du jetzt durch?

Mal weg von der Maschine ging es mir zwar immer noch beschissen, aber dieser Fluchtinstinkt war weg. Der Dialysearzt der Klinik kam und ich schilderte ihm meine Situation.
»Wenn ich die Dialyse jetzt grad wach nicht schaffe, dann gebt mir was zum Schlafen.«
Der Arzt stimmte zu. Das wäre kein Problem.

Ich war zuversichtlich. Wenn meine Werte erst mal besser sind, dann kann ich in ein paar Stunden wieder nach Hause.
Ich weiß noch, dass ich mit dem Arzt einen Wasserentzug von 2 Liter ausmachte. Das war okay. Laut Waage hatte ich über 3 Liter zu viel.

Da man etwas Psychisches vermutete, holte man Frau F…, meine Therapeutin dort in der Psychosomatik. Ich unterhielt mich mit ihr, bis der Arzt meinte:
»Sie bekommen jetzt was zum Schlafen.« Mann, war ich froh!

Irgend wann bin ich aufgewacht.
Ein junger Arzt richtete gerade etwas an der Infusion.
Meiner?!
Das war nicht die Dialyse!
»Wo bin ich«, fragte ich.
»Auf der Intensivstation. Sie hatten einen Herzstillstand.«

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17.4) BZ – Bauch-OP

Nach einem Herzstillstand wurde ich zur Reha nach BZ… geschickt.
Im Gepäck zwischen Kleidung und Co. natürlich …
Palladon!

Als es also so weit war, und die Attacke anfing, dachte ich mir nicht viel dabei. Schließlich war ich gut bewaffnet, und bis zum nächsten Morgen hielt ich das aus.
Wobei ich sagen muss, dass es so alleine im Zimmer der Klinik viel schwerer war als mit J… zu Hause.

Ich wartete also, bis ich einschlief oder die Schmerzen zumindest ein wenig besser wurden.
NIX!
Ich hatte den Eindruck, je mehr ich Palladon nahm, desto stärker wurden die Schmerzen. Wenn ich dachte, schlimmer geht es nicht, stieg der Pegel an. Aus Schmerzstufe 12 wurde 13, 14, 15…

Ich krümmte mich im Bett und heulte, bis ich dann doch klingelte. Keine Ahnung wie man mir helfen konnte, so ging es nicht mehr.
Sofort entschied man, dass ich ins Krankenhaus musste.
Ich weiß noch, dass der Notarzt kam und mir die Sanitäter auf die Trage halfen.
Ich wurde was gefragt, und ich glaube, ich habe auch geantwortet.
Aber da war nur SCHMERZ, SCHMERZ, SCHMERZ!

Im Krankenhaus angekommen entschied man, mir einen ZVK zu legen.
»Ich kann nicht mehr«, hab ich dem Arzt gesagt.
»Wir haben es gleich, dann bekommen Sie was. Geht ganz schnell.«

Er war echt meganett. Wie so ein grauhaariger Opa mit Bart und einem Lächeln.
»Ich hab Palladon genommen, viel, hilft nicht.«
Da war er wieder, der Kopf. Die Vernunft, die das dem Doktor sagen musste.
Vor allem weil ich wusste, dass es zu viel war.

Da kam wieder die Frage, die ich öfter hörte:
»Wieso Palladon? Das ist eigentlich nicht gegen Bauchschmerzen.«
Ich hab mir nie etwas dabei gedacht. Schließlich bekam ich die Tabletten von einem Krankenhaus. Und wenn es genug war, dann halfen sie auch.

Der ZVK war schnell gelegt. Dann bekam ich etwas gegen die Schmerzen und die Kotzerei. Direkt intravenös.
Es half immer nur für kurze Zeit. Eine Pause, in der ich ein wenig schlafen konnte. Dann ging es wieder los und ich schrie nach Schmerzmittel und der Kotzschale.
Es hörte einfach nicht auf, obwohl längst der nächste Morgen war und alles wieder gut sein sollte.

J… kam nach BZ…. Mann war ich froh, ihn zu sehen. Seine Hand zu halten in dem ganzen Chaos zwischen Schmerz und kotzen.
Ich war so fix und fertig. Heulte nur noch, weil ich keine Kraft mehr hatte.

Da kam wieder eine Ärztin, auch ihr erklärte ich, dass die ganze Sache psychisch ist. Sie meinte:
»Ihre Entzündungswerte sind hoch.«

»Ja«, sagte ich unter Tränen. »Die sind in 2 Tagen wieder unten.«
So war das immer, das hat nie jemanden gestört.
»Aber wenn die Werte nach oben gehen, warum soll es dann psychisch sein«, dachte sie laut und murmelte, dass ihr das nicht gefällt. Deshalb ordnete sie eine Untersuchung an.
Eine wirklich unangenehme, wo man Kontrastmittel nicht nur trinken musste, sondern von einer netten Schwester auch im Hintern verabreicht bekam.
Das CT war aber dann zum Glück schnell vorbei und ich wurde das Zeug, zumindest von hinten, wieder los.

Nach einer halben Stunde kam die Ärztin, die sich als Doktor K… vorstellte ins Zimmer und meinte:
»Wir müssen sofort operieren, Frau Dorfner. Wir haben um 18 Uhr einen OP-Saal.
Es war 17:30 Uhr.

»Nein«, habe ich gesagt. »Ich kotze seit 2 Tagen und gehe ein vor Schmerzen. Ich habe gar nicht die Kraft für eine Operation.«
»Wir müssen. Da geht etwas vor in ihrem Darm. Das gefällt mir nicht.«
Wir diskutierten noch etwas, aber dann, ganz klar, war da wieder der vernünftige Kopf, der zustimmte.

Also wurde ich aufgeklärt, dass man erst mal schaut, ob das ganze laparoskopisch zu machen ist. Wenn nicht, dann wird geschnitten.
»Wir sehen uns gleich im OP«, verabschiedete sich die Ärztin.

Dann ging alles ganz schnell. OP-Hemd angezogen, nochmal die Zähne geputzt und von J… verabschiedet. Schon wurde das Bett mit mir drin geholt. Am liebsten wäre ich abgesprungen und davon gelaufen.
Alle waren meganett zu mir und nahmen mir, soweit möglich, die Angst.
»Denken Sie an etwas schönes«, meinte der Narkosearzt.
»Okay.«
»Ich bin neugierig«, lächelte er. »An was denken Sie?«
»London«, sagte ich. »Mit meinem Mann in London.«
»Oh, das ist ein sehr schöner Gedanke«, hörte ich ihn noch, dann wurde es dunkel.

Keine Ahnung, ob ich im Aufwachraum war. So richtig bewusst war ich auf der Intensivstation mit Schmerzen. Nach laparoskopisch fühlte es sich nicht an. Ein Blick auf meinen Bauch verriet, dass unter dem riesigen Verband etwas Größeres steckte.

Ich bekam die beste Erfindung:

Die Schmerzpumpe!
Eigentlich wird das irgendwie an der Wirbelsäule befestigt.
Mir ist das zu gruselig, deshalb habe ich ausgemacht, dass das Ding über den ZVK laufen sollte. Das ganze funktioniert so:

In dem Moment, wo man Schmerzen spürt, muss man nicht nach dem Pflegepersonal rufen, sondern drückt ein Knöpfchen an der Pumpe.
Eine bestimmte Menge an Schmerzmittel strömt durch den Körper, und kurze Zeit später ist man beinahe schmerzfrei.
»Schlagen Sie dem Schmerz ein Schnäppchen«, meinte der Arzt.
»Nicht warten, bis er unerträglich wird, dann braucht man nämlich viel mehr, um ihn wieder runter zu bekommen.«
Eine wirklich tolle Erfindung!

Doktor K… kam und erklärte, dass bei der Operation leider laparoskopisch nichts zu machen war.
»Der Dünndarm hatte ein so großes Loch«, sagte sie und zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen etwa 2 Euro großen Kreis und erklärte weiter:

»Das war nur durch eine Darmschlinge überdeckt. Zudem waren da 20 cm total kaputt. Sowas kommt nicht von heute auf morgen. Das war länger ein Problem.«

Ich erklärte ihr meine 3 Jahre Quälerei und fragte:
»Dann waren das meine psychischen Schmerzen?«
»Ja, der Darm hat, warum auch immer, zu gemacht. Dann hat sich alles gestaut, und Sie haben die Schmerzen bekommen. Wenn der Dünndarm wieder aufmachte, konnte alles durch, und es ging Ihnen wieder gut«, erklärte sie.

Und dann hat sie etwas gesagt. Den Moment habe ich heute noch vor Augen.
Da steht Dr. K… an meiner Bettkante und lächelte:
»Sie werden ab jetzt nie wieder diese Schmerzen haben.«
Ich war in dem Moment vollkommen überfordert.

Hat sie gerade gesagt, dass diese ganze Scheiße vorbei ist?
Was redet die denn da?
Glaub ich nicht!

»Gut, dass wir gleich operiert haben«, meinte sie. »Wenn sich die Darmschlinge über dem Loch verschoben hätte, wäre das nicht gut ausgegangen.«
Darüber musste ich lange grübeln.ä

Mal angenommen, …
Ich hätte diese Schmerzen zu Hause bekommen.
Irgendwann hätte J… mich nach München gebracht, weil die Palladon nicht halfen.

Die Ärzte hätten mich gefragt:
»Was haben Sie denn Schlimmes erlebt, Frau Dorfner?«
Da man sich dort einig war, dass Frau Dorfner Psyche hat, gab es keine Untersuchungen mehr.
Die Darmschlinge hätte sich verschoben und das Loch freigegeben.
Das wäre nicht gut ausgegangen.
Was hätten die Ärzte in München dann gesagt?
»Ups?«
Tja, was für ein Glück, dass ich einen Herzstillstand hatte und zur Reha nach BZ… kam.
Das Leben geht manchmal wirklich seltsame Wege.

Ich muss zugeben, so richtig hab ich nicht geglaubt, dass die Schmerzen vorbei sein sollten.
Immer wieder kamen junge Ärzte und wollten sich die Story meiner letzten 3 Jahre anhören. Und immer wieder gingen sie mit einem Kopfschütteln.

Für mich folgte eine schwere Zeit.
Mein Glück war, dass ich einen, der wenigen Fernseher der Intensivstation bekam. Ich blieb nämlich sehr lange dort. Wie lange weiß ich gar nicht mehr. Für mich eine Ewigkeit.

Ich erinnere mich, dass ich dort Dialyse machen musste. Nicht die normale, die ich kannte. Auf der Intensivstation war das anders. Die Maschine lief da 2 oder 3 Tage kontinuierlich.
Ich hatte davon gehört, jetzt war ich mittendrin.
Zum Glück lief sie über einen Katheter, nicht über den Shunt. Da hatte ich wenigstens die Hände frei.

Trotzdem war ich ziemlich angebunden.
Neben der Maschine war da noch ein EKG, Schläuche zu Infusionen und einer zum arteriellen Blutdruck messen in der Leiste.
Die erste Zeit war das okay.
Ich war zufrieden, einfach nur da zu liegen und bei Bedarf meine Schmerzpumpe zu betätigen. Da ich sonst noch Medikamente bekam, schlief ich viel und sah in die Flimmerkiste.
Ärzte und Pflegepersonal waren echt meganett. Halfen mir, bei allem, was ich nicht alleine machen konnte. Und das war so ziemlich alles.

Als ich beim Verbandswechsel zum ersten Mal meine Narbe sah, war ich echt schockiert. Stell Dir mal nen Schnitt von weit unter dem Bauchnabel bis weit darüber vor. Kein Wunder, dass das weh tat.

Die ersten Tage gab es nichts zu essen, was mich nicht weiter störte.
Ganz langsam fing man mit Suppe und Pudding an. Und jetzt mal ehrlich.
Man möge noch so oft sagen, dass es ganz normal ist.

Dass man sich da gar nichts denken soll.
Dass Schwester und Pfleger dafür da sind.

Als ich so langsam anfing, etwas zu essen, rührte sich der Darm auch wieder. Das fanden alle super, weil das nach so einer Operation, wo man 20 cm vom Dünndarm entfernte, ein gutes Zeichen war.
Nur entschied sich mein Darm, das sehr spontan zu zeigen.
Da es nur flüssige Nahrung gab und ich nicht aufstehen durfte …
Ich denke, Du kannst es Dir – hoffentlich nicht zu bildlich – vorstellen.

Mir war das so peinlich. Am liebsten wäre ich mit samt dem Bett in einem Loch verschwunden. Da sich der Boden aber leider nicht unter mir auftat, und ich mich auch sonst nicht verkrümeln konnte, blieb mir nur eins: Ich heulte.

»Das ist ganz normal.«
»Das ist gut.«
»Dafür sind wir doch da.«
Ganz egal was man sagt, für mich ist das der Horror. Nicht nur einmal musste ich da durch, bis ich meinen Darm wieder im Griff hatte.

Wunschkost
Als ich von der Intensiv auf die Normalstation kam, hatte ich das Problem, dass ich nicht ausreichend essen konnte.

»Sagen Sie, was Sie wollen. Sie bekommen Wunschkost.«

In BZ… kam jeden Tag eine sehr nette Dame und fragte, was man essen möchte. Und tatsächlich durfte ich, im Rahmen der Möglichkeiten, meinen Wunsch äußern.
Wunschkost im Krankenhaus – eine feine Sache!

Die neue Reha
Ich sollte die angefangene Reha wieder fortsetzen. Das fand ich gut, da ich durch das lange liegen wirklich kaputt war.

Nur leider entschied die Krankenkasse, dass ich das nicht in dem Kurhaus machen durfte, wo ich vorher war, und auch in keinem anderen. Ich musste die Reha im Krankenhaus fortsetzen.
Mir ging es da nicht schlecht.
Nur war der Altersdurchschnitt sehr hoch und die Anwendungen entsprechend angepasst.

Einen sehr guten Fitnessraum gab es. Wann immer ich Zeit hatte und durfte, war ich dort.
Dieser, und die Ruhe taten mir gut.

Ich konnte zufrieden sein, lauerte da nicht bereits das nächste Problem.
Mein Bauch wurde immer dicker.
Als ich das Dr. K… zeigte, meinte sie:
»Da ist die Bauchdecke gebrochen, das muss operiert werden. Wir müssen aber ein paar Wochen warten.«
Tja, da hatte ich ja was, worüber ich mich freuen konnte.

Die Bauchdecke
Und tatsächlich freute ich mich, weil mein Bauch immer dicker wurde.
Ich sah aus, als ob ich schwanger wäre.

Also weg damit!
Ich ging da positiv rein.

Als ich die Dünndarmoperation hatte, kam ein sehr netter Doktor, der auch Schmerztherapeut war.
Meine Füße taten immer mehr weh. Die Antwort bisher war, das Palladon zu erhöhen.
Da das absolut nicht half, drehte ich fast jede Nacht durch vor Schmerzen.
Also holte man den ehemaligen Schmerztherapeuten, der jetzt Narkosearzt war.
Er erklärte mir, weil ich so lange Palladon nahm, musste man mit höheren Medikamenten einsteigen.

»Toll«, dachte ich. »Das Palladon hatte ich eigentlich umsonst genommen.«
Erst war es für den Magen und half nicht. Dann für die Füße, was ebenfalls nicht half.
Er schlug Temgesic Pflaster und zusätzlich Akut-Tabletten, ebenfalls Temgesic vor.
Er lebe hoch, der Schmerztherapeut, der eigentlich Narkosearzt war.
Die Schmerzen waren sofort besser.

Als ich vor der Bauchdecken-OP stand, war ich immer noch genau bei der gleichen Medikation.
Temgesic 52er und Tabletten.
Zusätzlich war wieder die Schmerzpumpe geplant.

Also alles kein Problem, oder?
Ich erinnere mich, dass ich in BZ… im Krankenhaus ankam.
Mein Schmerzpflaster musste vor der Operation gewechselt werden.

»Wir haben nur 35 mg da«, sagte die Schwester.
»Kein Problem«, meinte ich. »Ich hab meine dabei.«
»Ach nein«, antwortete sie.
»Wir nehmen einfach 2 Pflaster von uns.«
Gesagt, getan. Ich dachte mir dabei nichts.
Da ich bei den 52-er Pflaster keinerlei Nebenwirkungen spürte, warum dann bei 2 mal 35?

Die Operation lief gut, soweit weiß ich noch. Aber dann liegt alles, meine ganze Erinnerung, im Nebel.
J… war da, obwohl ich immer nach ihn fragte, auch wenn er neben mir stand.
Das erzählte man mir.
Und einmal war ich an der Dialyse und wollte samt Maschine weggehen.
Tatsächlich erinnere ich mich, dass ich weinend mitten im Raum stand und mich ein Pfleger schimpfte. Eine Frau tröstete mich.
J… wurde bedauert, weil er so eine Frau hat.
Keine Ahnung, was in diesen Tagen los war.
J… meint dazu:
»Sei froh, dass Du nicht alles weißt.«
Ich wüsste es schon gerne.
So fühle ich mich sehr hilflos. Ich habe die Kontrolle verloren, was für mich wirklich schlimm ist.

Ich erinnere mich, dass ich nachts aufwachte und vollkommen klar war. Mit kurzen Erinnerungsfetzen und der Tatsache, dass die letzten Tage furchtbar waren.
Und ganz viel Nebel.

Ich verlangte nach einem Doktor und sprach mit ihm über die Schmerzpumpe und anderes Medizinisches. Er sah mich an und meinte:
»Sie sind so anders als sonst.«
»Ja«, sagte ich. »Die Pflaster haben ihre Wirkung verloren. Die 2 x 35 waren wohl doch zu viel.«

Ich sagte, dass ich das der Schwester zu verdanken hatte. Aber mir wurde erklärt, dass ich das falsch sehe. Die 2 x 35 wurden mir wegen der OP-Schmerzen gegeben.
So oder so, seit diesem Vorfall habe ich größten Respekt vor Opiaten.

Da die Operation gut lief und ich wieder klar im Kopf war, konnte ich die Intensivstation verlassen.

Da hatte ich also die Sache mit meinem Arm und mit meinem Bauch überstanden.
Alles nur Psyche, die dann keine war.

Ich glaube, dass man viel zu früh abgestempelt wird, wenn im Bericht mal was von psychisch steht. Ich habe mich immer ausgeliefert und machtlos gefühlt.

Veröffentlicht in Das Buch

17.3) Der Bauch

Irgend wann bekam ich Probleme mit meinem Magen.
Jetzt war es natürlich so, dass sich alle noch an die Affen in meinem Kopf erinnerten. An die Zeit, in der ich meinen Körper zum radikalen Abnehmen zwang.

Da war es klar, dass Magenprobleme ganz einfach dazu gehörten.
Aber ich hatte Normalgewicht und die Affen im Griff.

Ich bekam eine Magen- und Darmspiegelung.
Ganz tolle Untersuchung.. Magen geht ja noch, aber das mit dem Darm.
Da darf man als Dialysepatient mal so richtig viel trinken. 2 bis 3 Liter. Und dann schmeckte dieses Zeug so dermaßen ekelhaft. Dazu kam, dass mein Körper mit so viel Flüssigkeit überfordert war. Das passte gar nicht in mich rein, musste aber.
Also Augen zu und durch.

Bei der Untersuchung kam nichts raus. Nur ein bisschen entzündete Magenschleimhaut. Das erklärte die Schmerzen nicht.

Dann waren da CT-Untersuchungen mit und ohne Kontrastmittel und immer wieder Spiegelung und Ultraschall. Man kam zu keinem Ergebnis.
Erschwert kam dazu, dass die Schmerzen nicht ständig da waren, sondern in unregelmäßigen Intervallen kamen.

Dann aber so stark, dass ich es nicht aushalten konnte.
Schmerzstärke von 0 bis 10 eine glatte 12.

Insgesamt 3 Jahre kamen sie.
Am Anfang so alle 4 Wochen, was ja auch reichte.
Sie kündigten sich immer an, in dem ich an diesem Tag ein extremes Völlegefühl hatte. Seltsamerweise war das oft nach der Dialyse.
Da explodierte der Schmerz regelrecht. Erst in Wellen, die immer stärker wurden, bis zum Dauerschmerz und ständiges Übergeben.

Wenn ich nicht mehr konnte, brachte mich J… ins Krankenhaus nach München. Da bei den Untersuchungen nichts raus kam, war man sich einig:
Frau Dorfner hat Psyche.

Am Anfang glaubte ich das nicht. Ich fing an, immer das Gleiche zu essen, damit ich ausschließen konnte, dass sich da was ›Falsches‹ einschlich.
Inzwischen, im 14-tägigem Rhythmus, drehte ich durch vor Schmerzen.
Immer wieder brachte J… mich ins Krankenhaus. Da man sich dort einig war, dass das Ganze psychisch ist, gab man mir Schmerzmittel. Oft wurde ich gefragt:
»Was haben Sie denn Schlimmes erlebt, Frau Dorfner?«

Einmal waren die Schmerzen so stark, dass ich echt ausgeflippt bin. Man holte einen Psychiater, mit dem ich bereitwillig redete. Alles war besser als dieser Zustand. Ich sagte ihm:
»Geben Sie mir was zum Schlafen. Koma wäre noch besser.«
Klar hat man da an Psyche gedacht. Das verstehe ich.

Das irre war, dass meist am nächsten Tag alles wieder okay war. Klar war ich fix und fertig, aber die Schmerzen waren fast weg. Das war der Beweis.
Frau Dorfner hat Psyche!
Damit ich nicht immer im Krankenhaus landete, wo man eh nichts machen konnte als Schmerzmittel, gab man mir diese mit nach Hause.
Palladon.
Retard jeden Tag und bei einer Attacke noch Akut-Tabletten.
Ich war sicher, mit diesen Waffen gab es keine Probleme mehr. Vorsichtshalber gab es weiterhin immer das gleiche Essen.
Das klappte super! Mann war ich glücklich!

So etwa 3 Wochen, dann waren sie wieder da.
Aber kein Problem, ich hatte ja die netten Akut-Tabletten.
Und wenn man genug davon nimmt …

Und das tat ich.
Vomex gegen die Übelkeit, Palladon gegen die Schmerzen.
Krankenhaus war gestrichen. Die meinten eh, dass es sich nicht lohnt. Schließlich würden sie auch nichts anderes machen.
Da war zu Hause besser, denn da gab es keine Grenzen. Niemand sagte:
»Sie bekommen erst in 2 Stunden wieder etwas.«

Ich weiß, es war alles andere als gut. Aber wenn man vor Schmerzen eingeht und man nicht weiß, wie man die nächsten Minuten so überstehen soll, dann denkt man nicht gerade logisch.
Unzählige Male schrie ich:
»Lass mich sterben.«
J… litt auch. Nicht nur körperlich, denn er musste morgens in die Arbeit. Und in diesen Nächten war an Schlaf nicht zu denken. Immer wieder sagte er:
»Ich würde Dir die Schmerzen so gerne abnehmen.«
Meine Antwort war immer:
»Ich würde sie Dir nie geben. Das würde ich Dir nie antun.«

So verbrachte ich die Nächte mit Schmerzen, kotzen,
und viel zu viel Medikamenten, bis ich schließlich einschlief.
Am nächsten Morgen war ich zwar kaputt, aber im allgemeinen war es dann vorbei.

Einmal, als ich in der psychosomatischen Klinik war, bekam ich auch diese Attacke. Die Tabletten bekam man nur von der Station, natürlich streng nach Anweisung.
Zu wenig für so eine Nacht!

Ich dachte, ich drehe durch. Ständig war jemand bei mir und wir redeten. Klar, das lenkte ein wenig ab, aber bei weitem nicht genug.
Also verbrachte ich die Nacht mit kotzen, Schmerzen und weinen.

Irgendwann war es Morgen und es wurde besser.
»Sehen Sie Frau Dorfner, reden hilft.«

Es war also so:
• Immer gleich essen half nicht
• Palladon half nicht
• Das Krankenhaus konnte nichts finden
• Alle Untersuchungen blieben ohne Befund
• Laut Psychosomatik half reden
• Alle Ärzte sagen, dass es psychisch ist
• Magenschmerzen wegen der Psyche, das hörte man
öfter
Dann musste es wohl so sein!

Immer wieder wurde ich bei diesen Attacken gefragt:
»Was haben Sie denn Schlimmes erlebt, Frau Dorfner?«
Und wenn ich ganz fest darüber nachdachte, dann fiel mir in meinem Dialyse-Alltag auch irgendwas ein, was irgendwie als ›schlimm‹ eingestuft werden konnte.
Also ergab ich mich meinem Schicksal.

Ich aß immer das Gleiche, nur keine Experimente.
Trotzdem kamen die Attacken in unregelmäßigen Abständen, die ich mit viel Medikamenten bekämpfte.

Meinen ›Kotzeimer‹ nannte ich Charles.
Etwas, das ich so oft im Arm hielt, verdiente einen Namen.

Ich musste nur den nächsten Morgen überstehen, dann war alles wieder gut.
Immer wieder schrie ich, dass ich sterben will, aber das hat nicht geklappt.
Mit mir litt auch J…, was mir so unendlich leidtat.
Geteiltes Leid ist doppeltes Leid!