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Psychiatrie und Psychosomatik

Psychiatrie

Da war ich also in der Psychiatrie. In der geschlossenen Abteilung.
»Wow«, dachte ich. »Da hab ich es ja weit gebracht.«

Ich bekam Medikamente zum Schlafen, Antidepressiva und Tavor. Eine Menge Tavor.
Wir waren zu zweit im Zimmer.
Das Mädchen bei mir schien ganz nett.
Eines Nachts wurde ich geweckt und mit Bett aus dem Zimmer gefahren. Im Gang spazierten Männer um mich und starrten mich an. Ich starrte zurück. Da war ich also auch nicht besser. Nur war ich wohl die Einzige, die Angst dabei hatte. Wirklich erstaunlich, wie viele dort nicht schliefen.

Keine Ahnung was los war, aber im Zimmer wurde das nette Mädchen indessen an ihrem Bett fixiert. Was musste los gewesen sein, dass ein Mensch an sein Bett gefesselt wird? Und war ich da irgendwie im Spiel, ohne es zu wissen?
Mann, hatte ich Schiss!
Das Mädchen schien es witzig zu finden, als sie am nächsten Morgen beim Frühstück allen erzählte:
»Heute Nacht haben sie mich wieder fixiert.«

14 Tage war ich auf dieser Station.
J… hat mich sehr unterstützt und oft besucht. Mit ihm konnte ich raus, im Haus spazieren gehen. Ganz egal – es war einfach schön, wenn er da war.
Meine Eltern besuchten mich auch.
Ich nutzte alles, was man dort machen konnte, und nahm brav die vorgeschriebenen Medikamente.

Tavor

Das Problem war, wenn ich Tavor nahm, fühlte ich mich schlecht.

Eigentlich sollten die Dinger beruhigen, und das habe ich von anderen Patienten auch gehört. Nur bei mir schien das Gegenteil der Fall, was ich dem Personal mitteilte. Die taten das, was für sie wohl logisch war. Zur Beruhigung gab man mir mehr Tavor.

Ein Teufelskreis.
Ich fühlte mich wie ein Tier im Käfig, dessen Gitterstäbe immer enger wurden. Gleichzeitig war ich gedämpft, so das ich es nach außen nicht richtig mitteilen konnte. Wie sollte man also jemanden erklären, dass man zwar von Außen recht ruhig wirkt, innerlich aber komplett durchdreht?

Ich habe gelernt:
Psychiatrie bedeutet Medikamente.
Auch wenn man dort mit Psychologen reden konnte, wurde man erst mal ruhig gestellt, dann weitersehen.
Dort wo ich war, konnte ich das Problem mit dem Tavor nicht lösen.
Ich beschloss, das Medikament so schnell wie möglich abzusetzen, was recht gut klappte.
Erst viel später erfuhr ich, warum ich mich damit so mies fühlte.

Ein Arzt hat mir erklärt, dass es zwar selten der Fall ist, aber es gibt eine paradoxe Wirkung.
»Nehmen Sie das nie wieder.«, war seine Anweisung.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn immer, wenn ich mit Schmerzen in ein Krankenhaus komme, möchte man mir zur Beruhigung erst mal Tavor unterjubeln. Das passiert mir immer wieder.
»Da, nehmen Sie das erst mal.«
Zum Glück weiß ich, wie die Dinger aussehen.

Der Professor

Ich bekam einen Termin bei einem Professor.

Er war sehr nett und fragte mich, wie es mir in der geschlossenen Abteilung geht.
»Ich habe Angst«, sagte ich ihm.
Er nickte und lächelte, aber so, dass es mir ein positives Gefühl gab. Ich mochte ihn von Anfang an.
Wir unterhielten uns über meine Transplantation. Von meinem Gefühlschaos und den Schuldgefühlen.
»Sie haben das über 10 Jahre für sich behalten?«
»Ja, weil ich zwar irgendwie dankbar aber nie glücklich war. Das kann man doch nicht sagen, oder?«
»Sie sind damit nicht alleine«, war seine Antwort und er erklärte:
»Viele landen früher oder später hier, weil sie mit der Transplantation nicht fertig werden. Eigentlich bräuchte jeder Patient sofort nach der Operation psychologische Betreuung.«

Ich finde es schade, das das Ganze so ein Tabuthema ist.
Wenn ich transplantierte Patienten traf, dann waren sie scheinbar glücklich, und bestimmt sind das auch viele. Manche verpassten ihrem Organ sogar einen eigenen Namen und feierten ihren 2. Geburtstag.

Aber da war auch eine Patientin, die ständig Angst hatte, ihre Niere zu verlieren. Deshalb hatte sie ständig Panikattacken. Oder eine Andere, die ständig ihren Bauch hielt, als ob sie schwanger wäre. Sie konnte damit einfach nicht aufhören. Einer hatte ein Herz bekommen, und wollte sich umbringen.
Na ja, und ich? Ich war voller Schuldgefühle.

»Möchten Sie es mal auf meiner psychosomatischen Station probieren?«, fragte mich der Professor.
»Ich habe keine Ahnung was das ist«, antwortete ich. »Aber alles ist besser, als diese Geschlossene.«
Er lachte, und noch am selben Tag wechselte ich die Station.

Psychosomatik bedeutet reden.

Reden mit einer Psychologin. Reden in einer Gruppe. Reden, nach dem Malen von Bildern. Reden, reden, reden.

Obwohl wir zu viert im Zimmer waren und das Gebäude alt, mit Dusche und Toilette außerhalb, habe ich mich dort so richtig wohl gefühlt.
Es war eine Pause vom Leben. Sich fallen lassen und sicher sein, dass man aufgefangen wird. Jederzeit war jemand da, der sich kümmerte.
Monate war ich dort. Und hätte man mich nicht gezwungen, wäre ich wohl noch viel länger geblieben.
Tja, und was soll ich sagen:

Das Leben ging weiter
– immer noch.

In der Psychosomatik lernte ich, mit meinem Leben klar zu kommen. Die verordneten Antidepressiva spielten da wohl auch eine Rolle.

Also liefen die nächsten Jahre ganz gut – denke ich.
Obwohl ich glaube, dass ich die dialysefreie Zeit hätte besser nutzen müssen. Auch wenn ich immer wieder mit Fieber und Infektionen zu kämpfen hatte, hätte ich mehr daraus machen können.

Die Krankheit ließ mich oft vergessen, mein Leben zu steuern. Ich war gewohnt, zu reagieren auf das, was kommt, statt das Steuer selbst in die Hand zu nehmen.

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1) Manche Menschen werden krank

Dabei gibt es kein »warum ich«, »womit hab ich das verdient«, oder »was hab ich verbrochen«. Kein warum, wieso, weshalb, weil es einfach passiert.

Genauso einfach sagte mir ein Arzt, als ich 19 Jahre alt war:
»Mit Ihren Nierenwerten stimmt etwas nicht.«
Das war vor über 30 Jahren.

Ich traf mal einen Mann, der war so 80 Jahre alt. Der sagte:
»Womit habe ich verdient, dass ich jetzt so leiden muss.«
Ich habe ihn gefragt:
»Hast du dich dafür bedankt, dass du so lange gesund warst?«

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich diese ganzen ›W-Fragen‹ nie gedacht habe. Na ja, wenn ich so zurückblicke, hab ich, was das angeht gar nicht gedacht. Was die Sache nicht besser macht, oder leichter. Erträglicher?

Ich glaube fast, dass mich das ›nicht Denken‹ oder ›Vergessen‹ so lange am Leben gehalten hat.
Wie zu vergessen, wie die Schmerzen waren, weil danach eine bessere Zeit kam, mit weniger Schmerz. Ob nun psychisch oder physisch. Bevor es wieder schlimmer wird.
Bevor es vielleicht ganz abscheulich wird. Ohne bessere Zeiten …

Davor habe ich Angst. Oder einfach so zu sterben, und in eine unendliche Einsamkeit zu fallen.
Davor hab ich auch Angst.

Als der Arzt mir erzählte, dass meine Nierenwerte nicht so gut sind, war das okay. Was solls, dann sind sie halt nicht so gut.

Er schickte mich ins Krankenhaus. Das war nicht gerade schön, aber irgendwie auch okay. Meine Bettnachbarin war sehr nett, und ich erinnere mich, dass ich gut drauf war.

Dass etwas nicht stimmt, oder irgendwas …

Na ja, ich bin ins Bad gegangen, als meine Eltern gerade zu Besuch waren. Da hab ich gehört, dass sie meine Nachbarin gefragt haben, ob ich immer so drauf bin, oder nur, weil sie da sind.

Das hätte mir schon seltsam vorkommen sollen. Ich denke, sie wussten da bereits mehr als ich. Mehr als ich in den nächsten ein – oder zwei Jahren erfahren sollte, weil sie dachten, es wäre besser für mich.

EIN FEHLER!

Klar hab ich mich nicht so besonders dafür interessiert. Aber ich war 19 Jahre alt und hatte das Recht, dass ich über ALLES genau aufgeklärt wurde.

Aber erst mal zurück zum Krankenhaus.
An das Nächste, an das ich mich erinnere, war …