17.5) Mein Schlimmstes in Sachen Psyche

Mein Shunt machte immer mehr Probleme.
Ständig gab die Maschine Alarm, weil die Drücke nicht stimmten.

Beinahe alle 2 Wochen ging der Shunt zu, weshalb ich immer wieder zu Doktor WF… musste, um ihn zu »reparieren«. Aber es half nichts, da musste ein neuer her.

Eigentlich dachte ich mir nicht so viel dabei, da ich mich bei Doktor WF… in guten Händen wusste. Aber diesmal hatte ich tatsächlich Angst. Ich fühlte mich schlapp, niedergeschlagen und kraftlos. Ich erinnere mich, dass ich so eine Woche vor dem Eingriff Alex traf und ihm sagte:
»Ich weiß nicht, ob ich die OP überstehe. Ich fühle mich so richtig scheiße.«
»Klar kriegst du das hin«, antwortete er.
Ich war mir nicht sicher.

Durch die schlechte Dialyse waren meine Werte ebenso mies. Ich fühlte, dass da irgend was war. Diesmal ging es nicht gut, sollte ich mich irren, umso besser.

Als mein ›psychisch‹ defekter Arm operiert wurde, entfernte man im Oberschenkel eine Ader, und setzte sie im Arm ein. Das klappte gut und war nun auch rechts geplant.

Die Shunt-OP

So viel Angst ich auch hatte, natürlich ging ich zu dem Termin. Wieder mal hatte ich keine Wahl, weil die Dialyse einen funktionierenden Shunt brauchte.

Die Vorbereitungen liefen gut.
Auf Wunsch durfte ich wieder ein Nickerchen machen. Noch immer schiebe ich voll die Panik, wenn ich nur an ›örtliche Betäubung‹ denke. Wahrscheinlich wird sich das nie ändern.

Da mein Blutdruck extrem niedrig war, wachte ich auf der Intensivstation auf. Zu der Zeit hatte ich ja noch die Magen-Attacken und dachte, dass sie wieder anfangen.
Super!
Aber irgend was war anders.
Ich erinnere mich, dass ich nachts eine Bluttransfusion
bekam. Na ja, außer ich hätte es geträumt.

Morgens ging es mir so richtig mies. Mir war übel und
ich hatte Bauchschmerzen. Aber da war noch etwas.
Ich konnte diesen Zustand nicht einordnen oder erklären. Obwohl ich es versuchte. Aber sofort stand fest:
Frau Dorfner hat Psyche!
Man schickte mir also eine Therapeutin, die meinte: »Atmen Sie, Frau Dorfner. Sie müssen den Schmerz und das Gefühl wegatmen.«
Okay, ich versuchte das wirklich.
Ich war so angespannt, dass mal in Ruhe atmen, zumindest dafür, helfen konnte. Das Gefühl blieb. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte.

Da ich zur Dialyse musste, verlegte man mich auf die Normalstation. Von dort wurde ich mit dem Krankentransport zur Dialyde B… gebracht.
Das ist echt eine miese Sache. Ganz egal, wie beschissen es einem geht, zur Dialyse muss man trotzdem.
J… war da. An diesem Tag wurde er im Krankenhaus gefragt, ob ich Drogen nehme. Vielleicht war es berechtigt. Mir ging es so dreckig, dass ich gar nicht mehr wusste, wie
ich rüberkam. Welchen Eindruck ich machte.

»Ich weiß nicht, ob ich das heute schaffe«, wiederholte ich immer wieder.
»Wenn ich nur beschreiben könnte, was ich fühle.«
Ich bekam erst mal was zur Beruhigung. Das fand ich gut und wartete sehnsüchtig auf die Wirkung.
»Jetzt mal ganz ruhig«, dachte ich und schaffte das ganz gut, beim Stechen der Nadeln.
Alles gut!
Bis die Maschine anfing zu laufen.
Was da passierte, fühlte ich so noch nie.
Ich wusste, dass mein Kreislauf abhaute. Aber so kurz nach dem Anhängen?
Weg! Ich musste weg! Raus!
Ich hing mit den Nadeln am neuen Shunt und konnte das nicht mehr kontrollieren.
J… und der Doktor hielten mich fest, während die Schwester mich schnell von der Maschine trennte.
Im Nachhinein ist mir das heute noch peinlich.

Ich sollte die Dialyse am nächsten Tag in Perlach wiederholen.
Tja, wie gesagt, ohne gehts halt nicht.
Vollkommen fertig wurde ich wieder ins Krankenhaus gebracht.
Das Gefühl, das sich leider nicht wegatmen ließ, wurde schlimmer. Mir wurde mächtig übel und ich fing an, mich zu übergeben. Den Rest des Tages und die ganze Nacht verbrachte ich über der Kotzschale. Dabei war ja bekannt:
Frau Dorfner hat Psyche!
Deshalb war die Nachtschwester sehr genervt, weil ich immer wieder neue Schalen brauchte.
Am nächsten Morgen kam J…, um mich nach Perlach zu begleiten.

Nach der Visite meinte die Schwester:
»Sie können dann nach der Dialyse nach Hause.«
Wir waren irritiert.

Mir ging es noch schlechter, war nur noch ein Häufchen Elend.
»Haben Sie die Frau mal angeschaut«, sagte J…. »Ich glaube, es ist ihr noch nie so schlecht gegangen.«
»Der Doktor hat gesagt, dass sie gehen kann.«
Die Entscheidung stand fest. J… packte meine Sachen.
Ich war zu nichts mehr fähig.

»Die Dialyse durchstehen«, dachte ich. »Dann sind die Werte besser. Dann wird es wieder.«
In Perlach war ich guter Dinge. Zwar ging es mir mies wie noch nie, aber ich behielt die Ruhe. Das Stechen der Nadeln klappte gut.
Na also, geht doch!

Bis die Maschine startete, dann war es wieder da.
Wie ein Tier, dessen Fluchtinstinkt geweckt wurde. Ein Reh, das den Tiger spürte.
Wieder konnte ich es nicht einordnen, und vor allem nicht kontrollieren. Sofort wurde ich abgehängt.
»Sie müssen ins Krankenhaus«, meinte die Ärztin.
Mir war es recht. Nur mal hingehen und Dialyse machen.
Ne schnelle Sache, dann gehts mir wieder besser.

Also fuhren wir ins Krankenhaus RR, weil man dort eine Dialysestation hatte.
Die Ärztin schrieb einen Brief, in dem natürlich auch mein psychischer Zustand erklärt wurde.

Das verstand ich. So, wie ich mich verhielt. So ganz weilt hinten, in meinen Gedanken dachte ich wirklich:
Drehst Du jetzt durch?

Mal weg von der Maschine ging es mir zwar immer noch beschissen, aber dieser Fluchtinstinkt war weg. Der Dialysearzt der Klinik kam und ich schilderte ihm meine Situation.
»Wenn ich die Dialyse jetzt grad wach nicht schaffe, dann gebt mir was zum Schlafen.«
Der Arzt stimmte zu. Das wäre kein Problem.

Ich war zuversichtlich. Wenn meine Werte erst mal besser sind, dann kann ich in ein paar Stunden wieder nach Hause.
Ich weiß noch, dass ich mit dem Arzt einen Wasserentzug von 2 Liter ausmachte. Das war okay. Laut Waage hatte ich über 3 Liter zu viel.

Da man etwas Psychisches vermutete, holte man Frau F…, meine Therapeutin dort in der Psychosomatik. Ich unterhielt mich mit ihr, bis der Arzt meinte:
»Sie bekommen jetzt was zum Schlafen.« Mann, war ich froh!

Irgend wann bin ich aufgewacht.
Ein junger Arzt richtete gerade etwas an der Infusion.
Meiner?!
Das war nicht die Dialyse!
»Wo bin ich«, fragte ich.
»Auf der Intensivstation. Sie hatten einen Herzstillstand.«

17.4) BZ – Bauch-OP

Nach einem Herzstillstand wurde ich zur Reha nach BZ… geschickt.
Im Gepäck zwischen Kleidung und Co. natürlich …
Palladon!

Als es also so weit war, und die Attacke anfing, dachte ich mir nicht viel dabei. Schließlich war ich gut bewaffnet, und bis zum nächsten Morgen hielt ich das aus.
Wobei ich sagen muss, dass es so alleine im Zimmer der Klinik viel schwerer war als mit J… zu Hause.

Ich wartete also, bis ich einschlief oder die Schmerzen zumindest ein wenig besser wurden.
NIX!
Ich hatte den Eindruck, je mehr ich Palladon nahm, desto stärker wurden die Schmerzen. Wenn ich dachte, schlimmer geht es nicht, stieg der Pegel an. Aus Schmerzstufe 12 wurde 13, 14, 15…

Ich krümmte mich im Bett und heulte, bis ich dann doch klingelte. Keine Ahnung wie man mir helfen konnte, so ging es nicht mehr.
Sofort entschied man, dass ich ins Krankenhaus musste.
Ich weiß noch, dass der Notarzt kam und mir die Sanitäter auf die Trage halfen.
Ich wurde was gefragt, und ich glaube, ich habe auch geantwortet.
Aber da war nur SCHMERZ, SCHMERZ, SCHMERZ!

Im Krankenhaus angekommen entschied man, mir einen ZVK zu legen.
»Ich kann nicht mehr«, hab ich dem Arzt gesagt.
»Wir haben es gleich, dann bekommen Sie was. Geht ganz schnell.«

Er war echt meganett. Wie so ein grauhaariger Opa mit Bart und einem Lächeln.
»Ich hab Palladon genommen, viel, hilft nicht.«
Da war er wieder, der Kopf. Die Vernunft, die das dem Doktor sagen musste.
Vor allem weil ich wusste, dass es zu viel war.

Da kam wieder die Frage, die ich öfter hörte:
»Wieso Palladon? Das ist eigentlich nicht gegen Bauchschmerzen.«
Ich hab mir nie etwas dabei gedacht. Schließlich bekam ich die Tabletten von einem Krankenhaus. Und wenn es genug war, dann halfen sie auch.

Der ZVK war schnell gelegt. Dann bekam ich etwas gegen die Schmerzen und die Kotzerei. Direkt intravenös.
Es half immer nur für kurze Zeit. Eine Pause, in der ich ein wenig schlafen konnte. Dann ging es wieder los und ich schrie nach Schmerzmittel und der Kotzschale.
Es hörte einfach nicht auf, obwohl längst der nächste Morgen war und alles wieder gut sein sollte.

J… kam nach BZ…. Mann war ich froh, ihn zu sehen. Seine Hand zu halten in dem ganzen Chaos zwischen Schmerz und kotzen.
Ich war so fix und fertig. Heulte nur noch, weil ich keine Kraft mehr hatte.

Da kam wieder eine Ärztin, auch ihr erklärte ich, dass die ganze Sache psychisch ist. Sie meinte:
»Ihre Entzündungswerte sind hoch.«

»Ja«, sagte ich unter Tränen. »Die sind in 2 Tagen wieder unten.«
So war das immer, das hat nie jemanden gestört.
»Aber wenn die Werte nach oben gehen, warum soll es dann psychisch sein«, dachte sie laut und murmelte, dass ihr das nicht gefällt. Deshalb ordnete sie eine Untersuchung an.
Eine wirklich unangenehme, wo man Kontrastmittel nicht nur trinken musste, sondern von einer netten Schwester auch im Hintern verabreicht bekam.
Das CT war aber dann zum Glück schnell vorbei und ich wurde das Zeug, zumindest von hinten, wieder los.

Nach einer halben Stunde kam die Ärztin, die sich als Doktor K… vorstellte ins Zimmer und meinte:
»Wir müssen sofort operieren, Frau Dorfner. Wir haben um 18 Uhr einen OP-Saal.
Es war 17:30 Uhr.

»Nein«, habe ich gesagt. »Ich kotze seit 2 Tagen und gehe ein vor Schmerzen. Ich habe gar nicht die Kraft für eine Operation.«
»Wir müssen. Da geht etwas vor in ihrem Darm. Das gefällt mir nicht.«
Wir diskutierten noch etwas, aber dann, ganz klar, war da wieder der vernünftige Kopf, der zustimmte.

Also wurde ich aufgeklärt, dass man erst mal schaut, ob das ganze laparoskopisch zu machen ist. Wenn nicht, dann wird geschnitten.
»Wir sehen uns gleich im OP«, verabschiedete sich die Ärztin.

Dann ging alles ganz schnell. OP-Hemd angezogen, nochmal die Zähne geputzt und von J… verabschiedet. Schon wurde das Bett mit mir drin geholt. Am liebsten wäre ich abgesprungen und davon gelaufen.
Alle waren meganett zu mir und nahmen mir, soweit möglich, die Angst.
»Denken Sie an etwas schönes«, meinte der Narkosearzt.
»Okay.«
»Ich bin neugierig«, lächelte er. »An was denken Sie?«
»London«, sagte ich. »Mit meinem Mann in London.«
»Oh, das ist ein sehr schöner Gedanke«, hörte ich ihn noch, dann wurde es dunkel.

Keine Ahnung, ob ich im Aufwachraum war. So richtig bewusst war ich auf der Intensivstation mit Schmerzen. Nach laparoskopisch fühlte es sich nicht an. Ein Blick auf meinen Bauch verriet, dass unter dem riesigen Verband etwas Größeres steckte.

Ich bekam die beste Erfindung:

Die Schmerzpumpe!
Eigentlich wird das irgendwie an der Wirbelsäule befestigt.
Mir ist das zu gruselig, deshalb habe ich ausgemacht, dass das Ding über den ZVK laufen sollte. Das ganze funktioniert so:

In dem Moment, wo man Schmerzen spürt, muss man nicht nach dem Pflegepersonal rufen, sondern drückt ein Knöpfchen an der Pumpe.
Eine bestimmte Menge an Schmerzmittel strömt durch den Körper, und kurze Zeit später ist man beinahe schmerzfrei.
»Schlagen Sie dem Schmerz ein Schnäppchen«, meinte der Arzt.
»Nicht warten, bis er unerträglich wird, dann braucht man nämlich viel mehr, um ihn wieder runter zu bekommen.«
Eine wirklich tolle Erfindung!

Doktor K… kam und erklärte, dass bei der Operation leider laparoskopisch nichts zu machen war.
»Der Dünndarm hatte ein so großes Loch«, sagte sie und zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen etwa 2 Euro großen Kreis und erklärte weiter:

»Das war nur durch eine Darmschlinge überdeckt. Zudem waren da 20 cm total kaputt. Sowas kommt nicht von heute auf morgen. Das war länger ein Problem.«

Ich erklärte ihr meine 3 Jahre Quälerei und fragte:
»Dann waren das meine psychischen Schmerzen?«
»Ja, der Darm hat, warum auch immer, zu gemacht. Dann hat sich alles gestaut, und Sie haben die Schmerzen bekommen. Wenn der Dünndarm wieder aufmachte, konnte alles durch, und es ging Ihnen wieder gut«, erklärte sie.

Und dann hat sie etwas gesagt. Den Moment habe ich heute noch vor Augen.
Da steht Dr. K… an meiner Bettkante und lächelte:
»Sie werden ab jetzt nie wieder diese Schmerzen haben.«
Ich war in dem Moment vollkommen überfordert.

Hat sie gerade gesagt, dass diese ganze Scheiße vorbei ist?
Was redet die denn da?
Glaub ich nicht!

»Gut, dass wir gleich operiert haben«, meinte sie. »Wenn sich die Darmschlinge über dem Loch verschoben hätte, wäre das nicht gut ausgegangen.«
Darüber musste ich lange grübeln.ä

Mal angenommen, …
Ich hätte diese Schmerzen zu Hause bekommen.
Irgendwann hätte J… mich nach München gebracht, weil die Palladon nicht halfen.

Die Ärzte hätten mich gefragt:
»Was haben Sie denn Schlimmes erlebt, Frau Dorfner?«
Da man sich dort einig war, dass Frau Dorfner Psyche hat, gab es keine Untersuchungen mehr.
Die Darmschlinge hätte sich verschoben und das Loch freigegeben.
Das wäre nicht gut ausgegangen.
Was hätten die Ärzte in München dann gesagt?
»Ups?«
Tja, was für ein Glück, dass ich einen Herzstillstand hatte und zur Reha nach BZ… kam.
Das Leben geht manchmal wirklich seltsame Wege.

Ich muss zugeben, so richtig hab ich nicht geglaubt, dass die Schmerzen vorbei sein sollten.
Immer wieder kamen junge Ärzte und wollten sich die Story meiner letzten 3 Jahre anhören. Und immer wieder gingen sie mit einem Kopfschütteln.

Für mich folgte eine schwere Zeit.
Mein Glück war, dass ich einen, der wenigen Fernseher der Intensivstation bekam. Ich blieb nämlich sehr lange dort. Wie lange weiß ich gar nicht mehr. Für mich eine Ewigkeit.

Ich erinnere mich, dass ich dort Dialyse machen musste. Nicht die normale, die ich kannte. Auf der Intensivstation war das anders. Die Maschine lief da 2 oder 3 Tage kontinuierlich.
Ich hatte davon gehört, jetzt war ich mittendrin.
Zum Glück lief sie über einen Katheter, nicht über den Shunt. Da hatte ich wenigstens die Hände frei.

Trotzdem war ich ziemlich angebunden.
Neben der Maschine war da noch ein EKG, Schläuche zu Infusionen und einer zum arteriellen Blutdruck messen in der Leiste.
Die erste Zeit war das okay.
Ich war zufrieden, einfach nur da zu liegen und bei Bedarf meine Schmerzpumpe zu betätigen. Da ich sonst noch Medikamente bekam, schlief ich viel und sah in die Flimmerkiste.
Ärzte und Pflegepersonal waren echt meganett. Halfen mir, bei allem, was ich nicht alleine machen konnte. Und das war so ziemlich alles.

Als ich beim Verbandswechsel zum ersten Mal meine Narbe sah, war ich echt schockiert. Stell Dir mal nen Schnitt von weit unter dem Bauchnabel bis weit darüber vor. Kein Wunder, dass das weh tat.

Die ersten Tage gab es nichts zu essen, was mich nicht weiter störte.
Ganz langsam fing man mit Suppe und Pudding an. Und jetzt mal ehrlich.
Man möge noch so oft sagen, dass es ganz normal ist.

Dass man sich da gar nichts denken soll.
Dass Schwester und Pfleger dafür da sind.

Als ich so langsam anfing, etwas zu essen, rührte sich der Darm auch wieder. Das fanden alle super, weil das nach so einer Operation, wo man 20 cm vom Dünndarm entfernte, ein gutes Zeichen war.
Nur entschied sich mein Darm, das sehr spontan zu zeigen.
Da es nur flüssige Nahrung gab und ich nicht aufstehen durfte …
Ich denke, Du kannst es Dir – hoffentlich nicht zu bildlich – vorstellen.

Mir war das so peinlich. Am liebsten wäre ich mit samt dem Bett in einem Loch verschwunden. Da sich der Boden aber leider nicht unter mir auftat, und ich mich auch sonst nicht verkrümeln konnte, blieb mir nur eins: Ich heulte.

»Das ist ganz normal.«
»Das ist gut.«
»Dafür sind wir doch da.«
Ganz egal was man sagt, für mich ist das der Horror. Nicht nur einmal musste ich da durch, bis ich meinen Darm wieder im Griff hatte.

Wunschkost
Als ich von der Intensiv auf die Normalstation kam, hatte ich das Problem, dass ich nicht ausreichend essen konnte.

»Sagen Sie, was Sie wollen. Sie bekommen Wunschkost.«

In BZ… kam jeden Tag eine sehr nette Dame und fragte, was man essen möchte. Und tatsächlich durfte ich, im Rahmen der Möglichkeiten, meinen Wunsch äußern.
Wunschkost im Krankenhaus – eine feine Sache!

Die neue Reha
Ich sollte die angefangene Reha wieder fortsetzen. Das fand ich gut, da ich durch das lange liegen wirklich kaputt war.

Nur leider entschied die Krankenkasse, dass ich das nicht in dem Kurhaus machen durfte, wo ich vorher war, und auch in keinem anderen. Ich musste die Reha im Krankenhaus fortsetzen.
Mir ging es da nicht schlecht.
Nur war der Altersdurchschnitt sehr hoch und die Anwendungen entsprechend angepasst.

Einen sehr guten Fitnessraum gab es. Wann immer ich Zeit hatte und durfte, war ich dort.
Dieser, und die Ruhe taten mir gut.

Ich konnte zufrieden sein, lauerte da nicht bereits das nächste Problem.
Mein Bauch wurde immer dicker.
Als ich das Dr. K… zeigte, meinte sie:
»Da ist die Bauchdecke gebrochen, das muss operiert werden. Wir müssen aber ein paar Wochen warten.«
Tja, da hatte ich ja was, worüber ich mich freuen konnte.

Die Bauchdecke
Und tatsächlich freute ich mich, weil mein Bauch immer dicker wurde.
Ich sah aus, als ob ich schwanger wäre.

Also weg damit!
Ich ging da positiv rein.

Als ich die Dünndarmoperation hatte, kam ein sehr netter Doktor, der auch Schmerztherapeut war.
Meine Füße taten immer mehr weh. Die Antwort bisher war, das Palladon zu erhöhen.
Da das absolut nicht half, drehte ich fast jede Nacht durch vor Schmerzen.
Also holte man den ehemaligen Schmerztherapeuten, der jetzt Narkosearzt war.
Er erklärte mir, weil ich so lange Palladon nahm, musste man mit höheren Medikamenten einsteigen.

»Toll«, dachte ich. »Das Palladon hatte ich eigentlich umsonst genommen.«
Erst war es für den Magen und half nicht. Dann für die Füße, was ebenfalls nicht half.
Er schlug Temgesic Pflaster und zusätzlich Akut-Tabletten, ebenfalls Temgesic vor.
Er lebe hoch, der Schmerztherapeut, der eigentlich Narkosearzt war.
Die Schmerzen waren sofort besser.

Als ich vor der Bauchdecken-OP stand, war ich immer noch genau bei der gleichen Medikation.
Temgesic 52er und Tabletten.
Zusätzlich war wieder die Schmerzpumpe geplant.

Also alles kein Problem, oder?
Ich erinnere mich, dass ich in BZ… im Krankenhaus ankam.
Mein Schmerzpflaster musste vor der Operation gewechselt werden.

»Wir haben nur 35 mg da«, sagte die Schwester.
»Kein Problem«, meinte ich. »Ich hab meine dabei.«
»Ach nein«, antwortete sie.
»Wir nehmen einfach 2 Pflaster von uns.«
Gesagt, getan. Ich dachte mir dabei nichts.
Da ich bei den 52-er Pflaster keinerlei Nebenwirkungen spürte, warum dann bei 2 mal 35?

Die Operation lief gut, soweit weiß ich noch. Aber dann liegt alles, meine ganze Erinnerung, im Nebel.
J… war da, obwohl ich immer nach ihn fragte, auch wenn er neben mir stand.
Das erzählte man mir.
Und einmal war ich an der Dialyse und wollte samt Maschine weggehen.
Tatsächlich erinnere ich mich, dass ich weinend mitten im Raum stand und mich ein Pfleger schimpfte. Eine Frau tröstete mich.
J… wurde bedauert, weil er so eine Frau hat.
Keine Ahnung, was in diesen Tagen los war.
J… meint dazu:
»Sei froh, dass Du nicht alles weißt.«
Ich wüsste es schon gerne.
So fühle ich mich sehr hilflos. Ich habe die Kontrolle verloren, was für mich wirklich schlimm ist.

Ich erinnere mich, dass ich nachts aufwachte und vollkommen klar war. Mit kurzen Erinnerungsfetzen und der Tatsache, dass die letzten Tage furchtbar waren.
Und ganz viel Nebel.

Ich verlangte nach einem Doktor und sprach mit ihm über die Schmerzpumpe und anderes Medizinisches. Er sah mich an und meinte:
»Sie sind so anders als sonst.«
»Ja«, sagte ich. »Die Pflaster haben ihre Wirkung verloren. Die 2 x 35 waren wohl doch zu viel.«

Ich sagte, dass ich das der Schwester zu verdanken hatte. Aber mir wurde erklärt, dass ich das falsch sehe. Die 2 x 35 wurden mir wegen der OP-Schmerzen gegeben.
So oder so, seit diesem Vorfall habe ich größten Respekt vor Opiaten.

Da die Operation gut lief und ich wieder klar im Kopf war, konnte ich die Intensivstation verlassen.

Da hatte ich also die Sache mit meinem Arm und mit meinem Bauch überstanden.
Alles nur Psyche, die dann keine war.

Ich glaube, dass man viel zu früh abgestempelt wird, wenn im Bericht mal was von psychisch steht. Ich habe mich immer ausgeliefert und machtlos gefühlt.

17.3) Der Bauch

Irgend wann bekam ich Probleme mit meinem Magen.
Jetzt war es natürlich so, dass sich alle noch an die Affen in meinem Kopf erinnerten. An die Zeit, in der ich meinen Körper zum radikalen Abnehmen zwang.

Da war es klar, dass Magenprobleme ganz einfach dazu gehörten.
Aber ich hatte Normalgewicht und die Affen im Griff.

Ich bekam eine Magen- und Darmspiegelung.
Ganz tolle Untersuchung.. Magen geht ja noch, aber das mit dem Darm.
Da darf man als Dialysepatient mal so richtig viel trinken. 2 bis 3 Liter. Und dann schmeckte dieses Zeug so dermaßen ekelhaft. Dazu kam, dass mein Körper mit so viel Flüssigkeit überfordert war. Das passte gar nicht in mich rein, musste aber.
Also Augen zu und durch.

Bei der Untersuchung kam nichts raus. Nur ein bisschen entzündete Magenschleimhaut. Das erklärte die Schmerzen nicht.

Dann waren da CT-Untersuchungen mit und ohne Kontrastmittel und immer wieder Spiegelung und Ultraschall. Man kam zu keinem Ergebnis.
Erschwert kam dazu, dass die Schmerzen nicht ständig da waren, sondern in unregelmäßigen Intervallen kamen.

Dann aber so stark, dass ich es nicht aushalten konnte.
Schmerzstärke von 0 bis 10 eine glatte 12.

Insgesamt 3 Jahre kamen sie.
Am Anfang so alle 4 Wochen, was ja auch reichte.
Sie kündigten sich immer an, in dem ich an diesem Tag ein extremes Völlegefühl hatte. Seltsamerweise war das oft nach der Dialyse.
Da explodierte der Schmerz regelrecht. Erst in Wellen, die immer stärker wurden, bis zum Dauerschmerz und ständiges Übergeben.

Wenn ich nicht mehr konnte, brachte mich J… ins Krankenhaus nach München. Da bei den Untersuchungen nichts raus kam, war man sich einig:
Frau Dorfner hat Psyche.

Am Anfang glaubte ich das nicht. Ich fing an, immer das Gleiche zu essen, damit ich ausschließen konnte, dass sich da was ›Falsches‹ einschlich.
Inzwischen, im 14-tägigem Rhythmus, drehte ich durch vor Schmerzen.
Immer wieder brachte J… mich ins Krankenhaus. Da man sich dort einig war, dass das Ganze psychisch ist, gab man mir Schmerzmittel. Oft wurde ich gefragt:
»Was haben Sie denn Schlimmes erlebt, Frau Dorfner?«

Einmal waren die Schmerzen so stark, dass ich echt ausgeflippt bin. Man holte einen Psychiater, mit dem ich bereitwillig redete. Alles war besser als dieser Zustand. Ich sagte ihm:
»Geben Sie mir was zum Schlafen. Koma wäre noch besser.«
Klar hat man da an Psyche gedacht. Das verstehe ich.

Das irre war, dass meist am nächsten Tag alles wieder okay war. Klar war ich fix und fertig, aber die Schmerzen waren fast weg. Das war der Beweis.
Frau Dorfner hat Psyche!
Damit ich nicht immer im Krankenhaus landete, wo man eh nichts machen konnte als Schmerzmittel, gab man mir diese mit nach Hause.
Palladon.
Retard jeden Tag und bei einer Attacke noch Akut-Tabletten.
Ich war sicher, mit diesen Waffen gab es keine Probleme mehr. Vorsichtshalber gab es weiterhin immer das gleiche Essen.
Das klappte super! Mann war ich glücklich!

So etwa 3 Wochen, dann waren sie wieder da.
Aber kein Problem, ich hatte ja die netten Akut-Tabletten.
Und wenn man genug davon nimmt …

Und das tat ich.
Vomex gegen die Übelkeit, Palladon gegen die Schmerzen.
Krankenhaus war gestrichen. Die meinten eh, dass es sich nicht lohnt. Schließlich würden sie auch nichts anderes machen.
Da war zu Hause besser, denn da gab es keine Grenzen. Niemand sagte:
»Sie bekommen erst in 2 Stunden wieder etwas.«

Ich weiß, es war alles andere als gut. Aber wenn man vor Schmerzen eingeht und man nicht weiß, wie man die nächsten Minuten so überstehen soll, dann denkt man nicht gerade logisch.
Unzählige Male schrie ich:
»Lass mich sterben.«
J… litt auch. Nicht nur körperlich, denn er musste morgens in die Arbeit. Und in diesen Nächten war an Schlaf nicht zu denken. Immer wieder sagte er:
»Ich würde Dir die Schmerzen so gerne abnehmen.«
Meine Antwort war immer:
»Ich würde sie Dir nie geben. Das würde ich Dir nie antun.«

So verbrachte ich die Nächte mit Schmerzen, kotzen,
und viel zu viel Medikamenten, bis ich schließlich einschlief.
Am nächsten Morgen war ich zwar kaputt, aber im allgemeinen war es dann vorbei.

Einmal, als ich in der psychosomatischen Klinik war, bekam ich auch diese Attacke. Die Tabletten bekam man nur von der Station, natürlich streng nach Anweisung.
Zu wenig für so eine Nacht!

Ich dachte, ich drehe durch. Ständig war jemand bei mir und wir redeten. Klar, das lenkte ein wenig ab, aber bei weitem nicht genug.
Also verbrachte ich die Nacht mit kotzen, Schmerzen und weinen.

Irgendwann war es Morgen und es wurde besser.
»Sehen Sie Frau Dorfner, reden hilft.«

Es war also so:
• Immer gleich essen half nicht
• Palladon half nicht
• Das Krankenhaus konnte nichts finden
• Alle Untersuchungen blieben ohne Befund
• Laut Psychosomatik half reden
• Alle Ärzte sagen, dass es psychisch ist
• Magenschmerzen wegen der Psyche, das hörte man
öfter
Dann musste es wohl so sein!

Immer wieder wurde ich bei diesen Attacken gefragt:
»Was haben Sie denn Schlimmes erlebt, Frau Dorfner?«
Und wenn ich ganz fest darüber nachdachte, dann fiel mir in meinem Dialyse-Alltag auch irgendwas ein, was irgendwie als ›schlimm‹ eingestuft werden konnte.
Also ergab ich mich meinem Schicksal.

Ich aß immer das Gleiche, nur keine Experimente.
Trotzdem kamen die Attacken in unregelmäßigen Abständen, die ich mit viel Medikamenten bekämpfte.

Meinen ›Kotzeimer‹ nannte ich Charles.
Etwas, das ich so oft im Arm hielt, verdiente einen Namen.

Ich musste nur den nächsten Morgen überstehen, dann war alles wieder gut.
Immer wieder schrie ich, dass ich sterben will, aber das hat nicht geklappt.
Mit mir litt auch J…, was mir so unendlich leidtat.
Geteiltes Leid ist doppeltes Leid!