18.2) Shunt-OP die X.

Zuerst – ganz klar – ein neuer Shunt musste her.
Der Arzt wollte das mit einer örtlichen Betäubung machen.
»Im Leben nicht«, erwiderte ich. »Auf gar keinen Fall!«

Alleine bei dem Gedanken daran wurde mir heiß und ich spürte die Schmerzen vom ersten Schnitt.
Der Doktor redete auf mich ein. Wie gefährlich eine Narkose sei, und dass man ja ›nachlegen‹ konnte, wenn etwas nicht passte. Außerdem würde er die Stelle direkt betäuben, nicht die Spritze in die Achsel.

Warum auch immer. Nach seinem Versprechen, er würde mir sofort eine Narkose geben, wenn es notwendig war, ließ ich mich wieder darauf ein.

UND ES TAT WEH! RICHTIG WEH!

Von wegen, er würde bei Bedarf ›nachlegen‹.
Meine Tränen liefen nicht nur wegen der Schmerzen, auch weil immer mehr Panik in mir aufstieg. Nachspritzen half nichts. Also bettelte ich nach der erlösenden Narkose.
Immer wieder meinte er, dass es nicht mehr lange dauern würde.
Aber mal ehrlich. Wenn man Schmerzen hat, dann ist jede einzelne Minute zu viel.

Gegenüber war eine Uhr. Wie lange war ›nicht mehr lange‹?
Bei diesem Arzt war es fast 1 Stunde. Beinahe 60 Minuten der reinste Horror.
Offensichtlich klappte das mit der örtlichen Betäubung bei mir nicht.
Oder lag es am Doktor?

Heute muss ich sagen, dass ich viele Shunts oder Shuntreparaturen hatte, mit örtlicher Betäubung und zusätzlich einem Nickerchen. Das gibt es nämlich auch. Ein netter Narkosearzt hat mir das gesagt. Und damit komme ich hervorragend klar.
Also – keine Angst – so geht es auch. Es gibt oft einen erträglicheren Weg.

Nachdem das geschafft war, begann das Warten.
Warten, bis die Werte immer schlechter wurden. Bis unter 11 % Nierenleistung, meinte mein Nephrologe.

Nach 13 Jahren war meine dialysefreie Zeit vorbei.
Und – glaub es oder nicht – ich war froh.
Als klar war, dass ich mich in dieser Einbahnstraße befand, dachte ich nämlich:

Ich war glücklich mit der Dialyse und unglücklich mit der Spenderniere. Musste ich da nicht glücklich sein, wenn ich wieder an der Dialyse war?
Würde der Druck der Schuldgefühle, mit denen ich zwar irgendwie klar kam, aber mich dennoch plagten, würde der nicht abfallen?

Irgendwie klang das so schön einfach.
Aber – bei Frau Dorfner war eben nix einfach.
Und du ahnst es:
Das erhoffte Glück kam auch mit der Dialyse nicht zurück.

4) Dialyse? Shunt?

Um das Mal zu sagen, ich war nicht dumm.
Mein Blutdruck war zu hoch und die Tabletten dafür bzw. dagegen. habe ich mehr oder weniger regelmäßig genommen.
Mir war klar, dass meine Blutwerte nicht so gut waren. Wobei ich mich nicht so besonders darum gekümmert habe, was genau Krea, Harnstoff oder Harnsäure bedeutet.
Ich war so um die 20/21 Jahre alt, hatte keine Schmerzen und habe einfach mein Leben gelebt und genossen.
Vielleicht war es gar nicht so gut, keine Beschwerden zu haben. Andererseits war ich immer froh darüber.

Das Witzige ist, wenn ich erzähle, dass ich ein bisschen mit den Nieren habe, dann kommt oft: »Bei mir hat es dahinten auch schon gezogen«, oder »ich hatte da auch schon Schmerzen«.
Meine Antwort war bzw. ist dann: »Echt? Ich noch nie.«

Ich hatte wie die meisten Menschen gute Zeiten aber auch Alltagsprobleme. Irgendwie spielten Blutwerte da eine eher untergeordnete Rolle.
Ich hab sie mir angehört, wenn ich bei meinem Hausarzt saß. Dr. Sch. …, ein Ehepaar.
Ehepaar. Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, dass ich eher bei der Frau war, und an diesem Tag bei Herrn Dr. Sch. gelandet bin.

An diesem Tag saß ich also bei ihm, habe mir die Werte angehört und abgenickt. Was sollte ich auch anderes tun. Ändern konnte ich eh nix.
Erst: »Wir sollten mal sehen, dass wir einen Termin machen, wegen des Shunts. Bevor die Dialyse kommt«, ließ mich aufhorchen.

So, oder so ähnlich war es. An diesem Tag, an dem ich tatsächlich anfing, krank zu sein.

Natürlich habe ich was von der Dialyse gehört. Das geht ganz automatisch, wenn man im Krankenhaus auf der nephrologischen Station ist.
Nur hat mich das nie interessiert.
Nierenersatztherapie, das war doch nur was für alte Menschen!
Nach meiner überraschten Reaktion blätterte Dr. Sch. in meiner Akte und meinte:
»Oh, das hätte ich gar nicht sagen sollen.«
»Oh doch«, erwiderte ich. »Und fangen sie damit an, warum sie das nicht sagen sollten.«

Und dann erfuhr ich ALLES …

1) Meine Eltern gaben Anweisung, dass man mir die Wahrheit nicht sagen darf.
Was für ein Shit!
Es fing an, als ich 19 Jahre alt war. Die Ärzte hätten
diesen Scheiß gar nicht mitmachen dürfen. Keine Ahnung wie das ging.
Wahrscheinlich war der Fehler, dass wir die gleichen Hausärzte hatten. Warum auch nicht?
2) Es dauert nicht mehr lange, bis ich Dialyse machen muss.
Die Blutwerte waren wirklich richtig schlecht. Nierenersatztherapie! Ich hatte die ›Alte-Leute-Krankheit!‹, und dazu brauchte man diesen
Shunt.
Mann war ich sauer!
Ich ging nach Hause und stellte meine Eltern zur Rede.
Ich weiß noch, dass sie sagten, sie hätten es nur gut gemeint.
Gut gemeint! Was für ein Shit!

Wie kann man so was verheimlichen?
Im Nachhinein war mir dann natürlich klar, dass die
eiweißarme Ernährung seinen Grund hatte. Auch wenn sie nicht so mein Ding war. Und auch die Tabletten nicht zu vergessen, wäre gut gewesen.
Wenn ich gewusst hätte, wozu das wichtig war, hätte das etwas geändert?
Hätte ich die Dialyse etwas rauszögern können?
Tja, da ist sie wieder, die Zeit, die man nicht zurückdrehen kann. Und in diesem Moment ruft auch noch Dr. Sch. an und sagt meinem Vater, nicht mir, wie ich die Medikamente nehmen soll.
Wow, war ich wütend!
Aber egal, was ich sagte. Für meine Eltern war ich nur undankbar und uneinsichtig.
Natürlich war es auch meine Schuld. Hätte ich nur mehr nachgedacht,
Aber die Wut verpuffte draußen und explodierte in meinem Inneren.
Das sollte nicht das letzte Mal sein.